Gottesdienstkritik: Stephanuskirche Köln

Drinnen und draußen
Stephanuskirche Köln

Dorothee Hörstgen

Stephanuskirche in Köln-Riehl

Stephanuskirche in Köln-Riehl, April 2022

Botschaften aus dem Gefängnis: Gefängnisseelsorgerin Claudia Malzahn und Konfirmandinnen lesen vor.

Stephanuskirche Köln, Sonntag, 11 Uhr: Wer sich an diesem lauen Frühlingsmorgen an den rot blühenden Kastanienbäumen vorbei der Kirche nähert, wähnt sich fast im benachbarten botanischen Garten. Wie ein Gewächshaus ragt die Stephanuskirche in den blauen Himmel, "extrovertiert" nennt die Jury des Kölner Architekturpreises den Sakralbau. Im Gottesdienst geht es heute ums Draußen. Und ums Drinnen. Gefängnisseelsorgerin Claudia Malzahn hat mit Konfirmand*innen zusammen Texte von Gefangenen gesammelt.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und der digitalen Kommunikation im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen. 2020 wurde sie unter die 10 besten Chefredakteur*innen des Jahres gewählt. 2019 schrieb sie den Bestseller "Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren".
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Gleich der erste lässt erschaudern. "Jetzt, wo Frühling ist, kann ich nur den Himmel sehen, aber nicht das Grünwerden der ­Bäume und Sträucher." Noch immer herrschen im Gefängnis Corona-Regeln, berichtet ein Ehrenamtlicher. 23 von 24 Stunden Einschluss auf dem Höhepunkt von Omikron, sagt die Pfarrerin. "Berührverbot", das heißt: Paare sehen sich nur durch eine Plexi­glasscheibe, Kinder dürfen beim inhaftierten Papa nicht auf den Schoß.

 chrismon

Psalm 23 gibt den Ton vor für die Testimonials − "vor den Augen meiner Feinde deckst du mir ­deinen Tisch". Eine ehemalige ­Gefangene sagt: "Ich war voll auf Drogen und Alkohol." Und be­richtet, wie sie versucht, ihren Feinden zu verzeihen. Am eindrücklichsten der Text von "Pablo", vorgelesen von seinem Betreuer. "Ihr Leben gleicht einem Scherbenhaufen", hat der Richter ihm bei der Verurteilung mitgegeben. Was bleibt, ist der Zuspruch der Seelsorgerin: "Gott lässt dich auf deinem Weg nicht allein."

Mit der "Angst vor Verbrechen" wird Wahlkampf gemacht

Zwischen den Texten singen wir "Strahlen brechen viele aus einem Licht". Das Licht bricht sich in diesem Kirchbau in Blau, Rot und Gelb. Begleitet werden wir von einem Flügel, keiner Orgel. Wunderbar.

Die Pfarrerin wird jetzt kurz politisch. Bald ist Landtagswahl, und mit der "Angst vor Verbrechen" werde Wahlkampf gemacht, obwohl die Kriminalitätsrate ständig sinke. Das hätte man jetzt nicht gebraucht, wir haben auch so verstanden: Drinnen ist es brutal im Frühling, wir Glücklichen hier draußen sollten den Tisch decken für die drinnen. Zum Glück gibt es jetzt Klaviermusik, um die Ein­drücke zu verdauen. Ein Gemälde aus der JVA-Kirche ist heute in der Stephanuskirche zu Gast, wir zünden Fürbittekerzen davor an.

Als der Kirchbau 2021 prämiert wurde, mäkelte die Jury: "Leider verschwindet die Mystik aus der räumlichen Dramaturgie." Aber: "Vielleicht muss die Kirche ja ­näher zu den Menschen rücken." Ja, liebe Jury. Muss sie. Und genau das ist heute gelungen.

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