Heimat für Afghanen: Dreieinigkeitskirche Berlin-Steglitz

Beten für Afghanistan
Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz

Privat

Die Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz ist für viele Menschen aus Afghanistan, Iran und Pakistan, die zum Christentum konvertiert sind, zur neuen Heimat geworden.

Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz

Im Gottesdienst in der Dreieinigkeitskirche in Berlin: Hier bangen viele Gemeindeglieder um ihre Familien, die jetzt unter den Taliban leben.

Dreieinigkeitskirche, Berlin-Steglitz, Sonntag, 10 Uhr: Pfarrer Gottfried Martens hat sich beim Fußball mit Konfirmanden die Achillessehne gerissen und muss auf einem Drehstuhl vor dem Altar Platz nehmen. Er hat was von einem gutmütigen Patriarchen: kräftige Stimme, klare Ges­ten. Die Atmosphäre wirkt familiär, vertraut. Viele hier sind aus Afghanistan und dem Iran geflüchtet, er hat sie getauft. Für sie ist die Gemeinde Familien­ersatz. Martens und die Ehrenamtlichen ­helfen bei der Jobsuche und mit den Be­hörden, trösten sie und bangen mit ihnen.

Nach Begrüßung und Beichtgebet treten alle einzeln nach vorn. "Dir sind alle Sünden vergeben", sagt der Pfarrer zu jedem und ­jeder. Gestern Abend, da hielt Martens den Gottesdienst auf Farsi, ein Männerchor sang Farsi zu poppigen Klängen und Rumba­rhythmen. Heute, im deutschen Gottesdienst, singen die grauhaarigen Deutschen "Lobe den Herren". Die schwarzhaarigen jungen Männer und Frauen summen mit.

 Privat

Predigttext ist Lukas 17, Jesus heilt zehn Aussätzige. Nur ein Geheilter bedankt sich. "Wo sind aber die neun?", fragt Jesus. "Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben?" Pfarrer Martens erzählt von einem Mann, den die Gemeinde vor der Abschiebung bewahrt hat. Der Mann habe ihm geschrieben, dass er in eine andere Gemeinde wechsle. "Kein Dank, nichts", sagt Martens. "Tröstlich, dass es ­Jesus damals in seiner Arbeit auch nicht anders gegangen ist." Hm, ist das jetzt kleinlich? Umso mehr freue er sich, dass so viele der Gemeinde treu sind. Das Wichtigste im Leben sei, "dass wir bei Jesus bleiben und ihm danken für das, was gut ist. Lassen wir den Dank nicht im Alltag ersticken!"

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Beim Abendmahl knien die Frauen und Männer zu mehreren vor den Altarstufen, Martens’ Helfer legt die Oblate auf die Zunge. Die Gemeinde gehört zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, hier geht es traditioneller zu als in ande­ren evangelischen Gemeinden. Nur für die Kirchgängerin ist das ungewohnt. Gerade die iranischen und afghanischen Geschwister seien empfänglich für traditionelle Formen und ihre Bedeutung, hat Pfarrer Martens im Pfarrbrief erläutert.

Der Herr halte seine schützende Hand "über alle Menschen in Afghanistan, die ­unter der Herrschaft der Taliban leben. ­Besonders über die Familien unserer Gemeindeglieder", spricht der Pfarrer in der Fürbitte. Bewegend.

Leseempfehlung

Er war Ortskraft der Bundeswehr und entkam nach Deutschland. Zum Glück ist hier nicht alles fremd für ihn
Sagte die Kabuler Café-Besitzerin Mina Rezai vor kurzem. Seitdem die Taliban in Kabul einmarschiert sind, ist der Kontakt zu ihr abgebrochen. Wie auch zur Filmemacherin Sahraa Karimi und zur Menschenrechtsaktivistin Schaharzad Akbar
Ein Kölner Pfarrer lässt Zirkusartistinnen in der Kirche auftreten

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.