Zu Besuch in der Heiliggeistkirche in Heidelberg

Ein feuriger Mann
Heiliggeistkirche Heidelberg

Holger Uwe Schmitt/Wikimedia Commons

Hohes Gewölbe: in der Heiliggeist­kirche in Heidelberg

Heiliggeistkirche Heidelberg

Heiliggeistkirche in Heidelberg, Sonntag, elf Uhr: Nur ein verlorenes Grüppchen mit asiatischen Regenschirmen und Selfiesticks schlendert um die mächtigen roten Mauern. Hinein dürfen die Touristen jetzt nicht, erst wieder ab zwölf. Bis dahin haben die Gottesdienstbesucher reichlich Platz und Ruhe. Man sammelt sich vorn im Chorraum, nur die kleine Emily läuft fröhlich durch die ganze große Kirche, gleich wird sie getauft.

Anne Buhrfeind

Anne Buhrfeind ist stellvertretende Chefredakteurin bei chrismon. Davor war sie stellvertretende Chefredakteurin "Gala" und "woman" in Hamburg.
Lena UphoffPortrait Anne Buhrfeind, chrismon stellvertretende Chefredakteurin

Ob sie sich wohl über den Weihnachtsbaum gewundert hat, den Stern, die Krippe? Es ist der letzte Epiphaniassonntag, da darf das noch so sein. Aber der Weihnachtsschmuck wird keines Wort gewürdigt, oder war die Kirchgängerin gerade abgelenkt? Vielleicht von dem lebhaften Kind, vielleicht von der großen Orgel, gespielt von Thomas König, die im Chor steht und ganz schön laut loslegt, so direkt vor den Ohren. Wumms, wie schön leuchtet der Morgenstern! Das tut gut. Ein einzelner klarer Tenor setzt sich durch, sonst hört man wenig von der Gemeinde.

Emily wird eingesammelt und ihre Familie stellt sich ums Taufbecken. Emily muss leider das Handy abgeben, damit jetzt der Papa ­darauf herumtippen kann. Pastor John Raj liest vom Papier schöne Wünsche für den Täufling – Jesus werde ihr ein Freund sein und die Menschen sollen es auch sein. Der Heilige Geist sei ihr die Liebe Gottes, die sie immer und überall trägt.

Gott hat sich viel Zeit gelassen

Und doch, in diesem Gottesdienst kommt die Wärme nicht überall an. Ist wohl auch schwer bei diesem Wetter, wenn es trotz der großen Kirchenfenster auch drinnen im Chor irgendwie grau bleibt. Dabei ist jetzt die Rede vom Feuer. Exodus, Kapitel 3: Moses vor dem brennenden Dornbusch. Eine Berufungsgeschichte, liest Pfarrer Raj von seinen Predigtzetteln, während Emily und ihre Mutter ­wieder durch die Kirche spazieren, klack, klack machen die Highheels. "Wir leben in einer zeitsensiblen Gesellschaft", sagt Raj.

Schnelles Geld und Abkürzungen, darauf käme es an. Aber Gott habe sich viel Zeit gelassen, Moses zu berufen, ihn zu verwandeln in einen Mann voller Feuer, der sich an den Pharao wendet: "Lass mein Volk gehen." Raj, der Alttestamentler, kennt noch mehr solcher Berufungen aus der Bibel. Und immer seien die Berufenen gerade allein gewesen. Wenn wir allein sind, so folgert der aus Indien stammende Theo­loge, wenn wir uns wie in der Wüste fühlen, sollten wir uns offenhalten für die großen Momente Gottes mit uns.

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