Gottesdienstkritik: Simultankirche Altenberger Dom

Maskieren statt jubilieren
Kirchgang - Altenberger Dom

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Den Altenberger Dom nutzen Protestanten und Katholiken

Kirchgang - Altenberger Dom

Altenberger Dom, Sonntag, 9 Uhr: Die große gotische Simultankirche im Bergischen Land ist sonntagmorgens für Corona-Verhältnisse gut gefüllt. Nur die Hälfte der Bänke ist da, auf jeder ist Platz für zwei Besucher markiert. Alle tragen Masken. "Sieben Wochen ohne Gottesdienst, das war schon eine ganz spezielle Fastenzeit", begrüßt Pfarrerin ­Claudia Posche. Sie jedenfalls freue sich total, dass es endlich wieder losgehe. Bei einem so ureigenen Bekenntnis freuen sich alle mit!

Thomas Rheindorf

Thomas Rheindorf
Thomas Biesenbach

Leider dürfen wir nicht singen ― und das am vierten Sonntag nach Ostern, der Kantate heißt und an dem sich sonst alles ums Singen dreht. Predigttext ist 2. Chronik 5: Das Volk Israel feiert einen Festgottesdienst mit ­Sängern, Trompeten und Harfen. Am 10. Mai 2020 bleibt den Gläubigen, das Glaubens­bekenntnis zu sprechen und das Vaterunser. Doch die Distanz ist zu groß, um – wie es der Predigttext schildert – wie mit einer Stimme zu sprechen. Wir hätten vorbetender Führung bedurft, so bleibt es kläglich.

Das Tagesgebet gerät zum Höhepunkt. Die Pfarrerin betet vom fernen Hochaltar: "Stellvertretend schweige ich . . ." – stell­vertretend für die Rastlosen, Getriebenen und Krisengeschüttelten. Sie tut es dann wirklich, und der wunderbare Kirchraum füllt sich mit beredtem Schweigen; Kontem­­plation wird möglich. Weniger Worte hätten auch der Predigt etwas später gutgetan. Pfarrerin Posche entfaltet ein Potpourri an Einfällen und Musikwissen: Vogelge­zwitscher, Kon­firmanden und Demente, ­Singen im Kartoffel­keller, das kirchen­musikalische Programm des Doms, Weihnachtsoratorium und "Ein feste Burg", auch KZ und Kriegsende fehlen nicht. Protes­tantische Predigtkultur mit exe­getischem Tiefgang ist etwas anderes, doch so ist ­immerhin für alle etwas dabei zum Ein­steigen und Weiterdenken.

Viel Applaus, keiner dankt der Hygienecrew

Dann rauscht die Orgel: Dom­organist Andreas Meisner erinnert daran, dass Musik vor allem erlebt werden will. Der Klang der gewaltigen Klais-Orgel flutet den Raum und spült Kleinmut und Zagen weg. Dafür applaudiert die Pfarrerin dem Orgelspieler, und die Kirchgänger klatschen mit. Schade, dass niemand dem Küster und seiner Crew dankt, die die Hygienevor­gaben akribisch und diskret durchführen.

Wieder draußen streifen süße Düfte die demaskierte Nase. Ein vielstimmiges Vogelkonzert dringt ans Ohr, und man erinnert sich zurück an Pfarrerin Posches Worte: So geht Schöpferlob.

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