Gottesdienstkritik: St. Paul, Berlin-Wedding

Christus anziehen, nur wie?
Kirchgang - St.-Pauls-Kirche Berlin Mitte

imago/Jürgen Ritter

Entworfen von Karl Friedrich Schinkel: Die St.-Pauls-Kirche in Berlin

Berlin Wedding, St.-Pauls-Kirche von Karl Friedrich Schinkel

St.-Pauls-Kirche in Berlin-Mitte, Sonntag, 10 Uhr: Von der Hausfassade gegenüber beobachten Jérôme Boateng und seine Brüder Kevin Prince und ­George, wie viele Besucher an diesem Ersten Adventssonntag zur St.-Pauls-Kirche hinaufsteigen. Die Fußballbrüder sind in diesem Kiez aufgewachsen, jemand hat ihre Gesichter überlebensgroß auf eine graue Fassade gepinselt. 
28, mehr können oder wollen heute nicht um zehn Uhr in die Kirche, nicht nur wegen des schrumpfenden evangelischen Bevölkerungsanteils. An diesem Sonntag sind auch die Geschäfte geöffnet.

Der Blick ins Innere der einschiffigen Kirche überrascht. Der berühmte Architekt Karl Friedrich Schinkel entwarf sie als eine von vier Vorstadtkirchen. Im Krieg zerstört, wurde zumindest St. Pauls‘ Fassade wieder schinkelmäßig hergerichtet. Innen ist alles moderner, heller, strenger: ein gelblicher Altar aus Kunstmarmor, wo bis in die letzten Kriegstage ein Holzaltar stand. Der Raumschmuck besteht aus einer Leuchte aus den 70er Jahren an einem langen Kabel von der Decke. Das passt auch zum Ersten Advent.

Pfarrerin Veronika Krötke predigt über Verse aus Römer 13 mit der eigentümlichen Aufforderung: „Zieht an den Herrn Jesus Christus“. Wie soll das gehen? Ein paar Zeilen weiter heißt es sogar: „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ Darüber lässt sich in der dunklen, kalten Jahreszeit trefflich sinnieren.

Dazu ein Lied mit einer traurigen ­Geschichte: Joachim Klepper, Theo­loge, Schriftsteller und  Autor von „Die Nacht ist vorgedrungen“, nahm sich vier Jahre nach der Niederschrift mit seiner jüdi­schen Frau 1942 das Leben. Ausweglos schien ihre Lage im Nazistaat. Angesichts der drohenden Deportation ­seiner Frau konnte er den Stern von Bethlehem – im Lied weist er den Weg aus der Dunkelheit – nicht mehr sehen.

„Die eigene Dunkelheit überstehen durch das innere Licht“, so schlägt ­Krötke geschickt den Bogen. Wer sich verkleidet, schlüpft in eine andere Rolle. Jesus Christus anziehen, das könne ­bedeuten, ein sichtbares Zeichen zu setzen und „es leuchten zu lassen wie ein strahlend weißes Gewand mitten in der Nacht.“

Dann setzt die Orgel gewaltig ein, 2500 Pfeifen verstärkt durch 34 Re­gister. „Es kommt ein Schiff geladen.“ Und der Küster, ein gestandener Mann mit Leibesfülle und gesunden roten Bäckchen, gibt sich die größte Mühe, den Kahn gesanglich nicht untergehen zu lassen.

Kontakt

St. Paul Kirche
Badstraße 50

Ev. Kirchengemeinde an der Panke

Pfarrerin Veronika Krötke

Gemeindebüro:
Frau Schütmaat
Badstraße 50, 13357  Berlin
Tel. 030-4652780

gemeindebuero@kirche-an-der-panke.de

Bibelzitat

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.