Gottesdienstkritik: Erlöserkirche Jerusalem

Kontrollverlust
Erlöserkirche in Jerusalem

Foto: Jonas Opperskalski

Erlöserkirche in Jerusalem

Bewertung

Liturgie: 
4
Predigt: 
4
Musik: 
4
Atmosphäre: 
4

Draußen preisen Händler ihre Waren an. Vorm Hauptportal bläst ein Verkäufer in eine arabische Flöte. Touristen reden. Das ist die Geräuschkulisse vor der lutherischen Erlöserkirche, Jerusalem. Pforte zu. Stille.

Die Orgel setzt ein. Pfarrerin Melanie Mordhorst-Mayer heißt Touristen und Ansässige willkommen. Sie leitet ein Studienprogramm für junge Deutsche an der Hebräischen Universität. Predigttext ist ein Ausschnitt aus dem Römerbrief (Kapitel 6). Ein Christ sei mit Jesus in Tod und Auferstehung getauft worden, schreibt Paulus: „Er ist der Sünde gestorben.“ Harte Kost. Aber zum Glück erklärt Melanie Mordhorst-Mayer – und zwar richtig gut: Wir lassen heute Säuglinge taufen; Pfarrer und Pfarrerinnen geben acht, dass bloß kein Wasser auf die Augen träufelt. Das sieht nicht so aus, als werde da jemand „in den Tod getauft“. 

Mit Christus sterben

Paulus aber habe an eine Erwachsenentaufe gedacht, bei der die Täuflinge komplett unter Wasser tauchen. Mordhorst-Mayer erzählt von Taufen im Jordan: Die Täuflinge dort werden jäh unter ­Wasser gerissen. Sie erinnert an den Kontrollverlust, den man erleidet, wenn der Kopf plötzlich unter Wasser gedrückt wird. Die Angst zu ersticken, keine Luft zu bekommen, auch das erlebe man bei einer Taufe, wie Paulus sie kannte. Deshalb spreche er davon, dass der Täufling mit Christus sterbe. Mordhorst-Mayer beschreibt, wie es sich anfühlt, wieder hochzukommen, wieder den Atem zu spüren – worin Paulus ein Symbol dafür sehe, dass etwas Neues beginnt. 

„Ein Christ ist der Sünde gestorben“, schreibt Paulus. Natürlich sind Getaufte nicht frei von Sünde, sagt Mordhorst-Mayer. Selbst wer sich redlich bemüht, könne nicht verhindern, dass er andere verletzt. Die Taufe sei ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott die Sünden vergibt – wie im Lied „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.“ Es ist das Lied nach der Predigt. 

Später, kurz bevor sie das Abendmahl austeilt, stockt die Pfarrerin. Was kommt jetzt? „Ach ja, der Friedensgruß!“ Das Mikro überträgt ihre leise Bemerkung in den Raum. Die knapp 60 Versammelten lächeln, geben einander die Hand und versammeln sich unter der großen Apsis. Als das Abendmahl ausgeteilt ist, stockt Mordhorst-Mayer wieder. Welches Segenswort wollte sie der Gemeinde noch mal auf den Weg geben? Ach ja... – Wie sympathisch sie dabei lächelt! Erlöst lässt man sich auf die Stühle mit den knar­tschenden Kunstledersitzkissen fallen und lauscht, wie der Organist ein fröhliches Sommerlied intoniert.

Zur Gemeinde

Kontaktinformationen der Gemeinde: 

Erlöserkirche

Muristan Straße, Jerusalem

Propst Wolfgang Schmidt, Pfarrerin Gabriele Zander, Pfarrerin Melanie Mordhorst-Mayer

E-Mail propstei@redeemer-jerusalem.com

Telefon: +972 2 6266800

www.evangelisch-in-jerusalem.org

 

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60394 Frankfurt/Main;
Fax: 069/580 98 - 286;
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