Der Sinn des Kirchenjahres

Weihnachten im August und Silvester zum Herbstanfang
Den Sinn des Kirchenjahres neu verstanden...
Der Chefredakteur von Chrismon und evangelisch.de, Arnd Brummer

Sven Paustian

Der Chefredakteur von Chrismon und evangelisch.de, Arnd Brummer

Am 23. September werden wir in diesem Jahr nicht vom Herbstanfang reden, sondern ein glanzvolles Silvesterbuffet für unsere Freunde und Bekannten präsentieren. Wir werden es richtig ­krachen lassen. „Happy new year, same procedure as every...“ Und am 27. September feiern wir den Totensonntag, stellen die Uhren zur Ewigkeit drei Stunden zurück. So können wir uns ­besser ausruhen. Am Tag darauf ist schließlich Rosenmontag. Wir sagen dem Fleisch adieu und verkleiden uns als Veganer.

Feiertage sind etwas Großartiges. Angeregt hat uns zum freien Umgang mit den Festen, ihren Symbolen und Gewohnheiten ein Freizeitpark in Rheinland-Pfalz. Vor ein paar Wochen flatterte uns – auf ganz altertümliche Weise – Werbung in den Briefkas­ten.

Freunde. Freundinnen. Freundschaft

Laut einer Umfrage im Magazin chrismon sind Freunde für über 80 Prozent der Menschen ein wichtiges Kriterium für Heimat. Liebesbeziehungen werden als deutlich fragiler empfunden, Familienbande bedeuten nicht immer Glück. „Freunde. Freundinnen. Freundschaft.“ Ein Lesebuch. Herausgegeben von Arnd Brummer. Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Neben einem Playmate mit tiefem Dekolleté und Nikolausmütze prangte die fröhlich gestylte Schlagzeile: „Summer Xmas! ­10.–23. August – Erlebe ein verrückt sommerliches Weihnachtsflair und als Höhepunkt täglich die prachtvolle Weihnachts­pa­rade! Xmas Summernights! Mit großem Feuerwerk!“

Weihnachten im Sommer? In Australien, Neuseeland oder Argentinien ganz normal. ­ Nur auf der nördlichen Halbkugel verbinden sich mit dem Fest lange Nächte und kurze Tage. Und was ist das überhaupt, Xmas? Der Geburt, der Erscheinung eines gewissen Jesus sollte gedacht werden? Ob der am 25. Dezember tatsächlich das Licht der Welt erblickte? Wahrscheinlich nicht.

Wahrscheinlich erst im 4. Jahrhundert hat man sich in der römischen Kirche für dieses Datum entschieden. Orthodoxe Christen feiern das Hauptfest „der Erscheinung“ des Gottessohnes weiterhin am 6. Januar. Für die in Westeuropa übliche Verteilung von Weihnachtsgeschenken, vorzugsweise an Kinder, trägt Martin Luther die Verantwortung. Altkirchlich wurden die Kinder am Nikolaustag beschenkt, am 6. Dezember. Da Luther Heiligenverehrung ablehnte und die Geburt Christi ins Zentrum rücken wollte, wurde die Schenkerei umterminiert.

Aschermittwoch als Feiertag der Tabakindustrie?

Grund zum Ärger? Von Jesus Christus ist schließlich in der Pfalz überhaupt keine Rede. Der ganze theologische Ballast ­wird ab­geworfen und eine gemeinsame Jahreskultur mit festen Terminen als sinnlos entlarvt. Die Reformatoren vom HolidayPark zeigen, worauf es beim Feiern wirklich ankommt: Wer sich amüsieren will, mache sich auf und vor allem: den Beutel auf! Euer Ver­gnügen ist unser Gewinn, wenn der Taler im Kasten klingt. Sie haben den Ablass- durch den Anlasshandel ersetzt. Und Seel­sorger durch Consulting-Experten. Holiday ist alle Tage heilig.

Die Eventstrategen einer PR-Agentur haben sich die Summer Xmas ja wohl ausgedacht. Ihre Devise lautet: Wer erfolgreich sein will, muss dafür sorgen, dass seine Produkte Gesprächsthema werden. Surprise um jeden Preis. „Habt ihr das schon mal gehört – Weihnachten im August? Also wir haben am vergangenen Wochenende etwas ganz Verrücktes gemacht. Wir sind in die Pfalz gefahren und...? Ratet mal, ihr kommt da nicht drauf!“

Dieser Text ist ein Beispiel dafür, wie die Strategie funktioniert, auch wenn einem der ganze Quatsch von Herzen zuwider ist. Meine Nachbarn, zeitgleich den Briefkasten leerend, haben mir den Prospekt unter die Nase gehalten: „Kann sich die Kirche so etwas denn gefallen lassen? Da müsst ihr doch draufschlagen!“ Müssen wir nicht. Aber die irrsinnige Entfremdung von Bräuchen und Inhalten im Sinne des Wohlfühlkapitalismus weiterdenken, das kann man versuchen.

Man könnte den Aschermittwoch zum Feiertag der Tabak­industrie machen. Und Pfingsten im November – Happy Spirit – wäre eine echte Schnapsidee. Lasst uns in nebligen Zeiten ein berauschendes Fest feiern. Ostern – Buenos Eires – könnte dann das Katerfrühstück am Morgen danach heißen.

„Es gibt Augenblicke“, meinte mein agnostischer Nachbar, „da wird mir der Sinn des Kirchenjahres neu bewusst.“ Er will jetzt seinen Kulturverein davon überzeugen, auch den Advent wieder so zu begehen, wie er kirchlich gemeint ist: als Buß- und Fastenzeit. Besinnung auf den christlichen Hintergrund dank Summer Xmas. Sehr gut. Und: Feiern Sie den Herbstanfang!

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