Und, junge germans, was ist denn die Freiheit der Presse?

Sven Paustian

Arnd Brummer ist Chef­redakteur von chrismon

Mein Vater starb 1980 mit 57 Jahren. Ich war 23 Jahre alt. Neulich habe ich mit meinem 19-jährigen Sohn in alten Alben geblättert, Jugendbilder von Bernd Brummer angeschaut. 1934 trug er, elf Jahre alt, seine Haare noch im Fassonschnitt, mit Seitenscheitel. Ein Jahr später kämmte er sie nach hinten. Und er bekam den Spitznamen „Doktor“. Warum?, wollte der Enkel des ihm persönlich unbekannten Opas wissen.

Es lag daran, dass Bernd körperbehindert war und hinkte – ein „Klumpfuß“. Und er war begeistertes Mitglied der Hitlerjugend. Was das eine mit dem anderen zu tun gehabt habe, fragt der junge Mann. Viel. Als Junge mit Hinkefuß schlüpfte er in die Rolle des Joseph Göbbels. Diese Identifikation schützte ihn vor Spott und Missachtung seiner HJ-Kumpels.

„Opa war Nazi?“ – Ja, war er. Und da er als Behinderter nicht eingezogen wurde, managte er die HJ in Heidelberg und arbeitete als OP-Helfer im Lazarett. Nach dem Krieg hatte er zunächst Mühe, sich mit den neuen Verhältnissen anzufreunden. Um ein wenig Geld zu verdienen, begann er, als freier Mitarbeiter für Lokalzeitungen zu arbeiten. Gleichzeitig entdeckte er Jean-Paul Sartre. Dessen Existenzialismus empfand er als befreiend.

Mit den Amis, der Besatzungsmacht in seiner Heimat, hatte Bernd wenig im Sinn. Im Gegensatz zu seiner späteren Frau, ­meiner Mutter, fand er Jazz – von den Deutschen damals schlicht „Negermusik“ genannt – nicht besonders attraktiv. Kaugummi kauende Gesprächspartner nervten ihn.

Dann traf er auf einen seltsamen Mann. Der hieß Bonnie Bloom, war Hauptmann der US-Army und Standortkommandant in der Kleinstadt Bad Mergentheim, wo der Jungjournalist inzwischen für die Lokalzeitung wirkte. Dieser Mensch klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Sie gefallen mir. Besuchen Sie mich doch mal in meinem Office auf ein cup of coffee und lassen Sie uns ein wenig quatschen.“ In fehlerfreiem Deutsch lud er ihn ein. Wenn er Lust habe, fügte Bloom hinzu, könne er auch noch ein paar andere junge journalists mitbringen.

"Wir quatschen über freedom und liberty? Handshake! Okay!"

Okay! Ein paar Tage später saßen drei Jungs bei dem US-Typen und der begrüßte sie mit: „Nennt mich Bonnie!“ So etwas hätte einer von der Wehrmacht oder der SS nie getan! Und dann er­zählte er ihnen, dass er im Zivilberuf Journalist sei, Lokalchef einer Zeitung in Kansas. Dort, so berichtete er, hatte auch ein gewisser Ernest Hemingway als Lokalreporter angefangen. „Dieser Kerl – außerordentlich lesenswert – hat mich motiviert.“

Dann fragte er die drei jungen germans, was sie denn von Pressefreiheit hielten. Tja, also . . . Sie wussten nicht so recht. Es folgte, dies hat Vater Bernd dem Journalistensohn dreißig Jahre später noch mit leuchtenden Augen berichtet, der Appell an den deutschen Nachwuchs: Herrschaft ist jederzeit infrage zu stellen, indem man Verantwortliche mit Fakten konfrontiert. Ob Landräte, Bürgermeister oder Militärkommandanten wie Mr. Bloom: Niemand kann Journalisten verbieten, kritische Geschichten zu veröffentlichen. Dies sei ihre zentrale Aufgabe. Endlich sagte Bloom: Liberty depends on the freedom of the press – ohne Presse­freiheit keine Freiheit für alle!

So wurde aus „Doktor“, dem Göbbels-Fan und Vorzeige-­HJler, ein anderer Mensch, ein Verteidiger der Freiheit. Die Frisur indes änderte er nicht. Immerhin – auch das erzählte mir Vater Bernd – habe der Ami seine Gäste schließlich gebeten, von ihnen lernen zu dürfen: „Ihr stammt doch alle aus dieser Gegend. Man sagt, hier wachse sehr guter Wein. Davon haben wir in den Staaten nicht sehr viel ­Ahnung. Da ich aber meine Familie und meine Freunde ordentlich beschenken möchte, wenn ich nach Hause fahre, bitte ich euch um ein wine seminary. Gerne auch über mehrere Abende. Ich möchte von euch etwas über die Geheimnisse von Riesling und Silvaner lernen!“ – „Gerne“, antwortete Bernd, „wir können uns während der Weintests dann ja mit Ihnen auch weiter über freedom und liberty unterhalten.“ Handshake! Okay!

Wir haben noch oft darüber geredet – mit und ohne Wein. Und jetzt freut sich auch mein Sohn an liberty.

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