Ehrenamtlich aufräumen an Neujahr

Ehrenamtlich auf den Putz hauen. Prost Neujahr, ihr Verursacher!
chrismon-Chef­redakteur Arnd Brummer über das Aufräumen am ersten Tag des Jahres
chrismon-Chef­redakteur Arnd Brummer

Foto: Sven Paustian

chrismon-Chef­redakteur Arnd Brummer

Das kann ja wieder ein richtig schönes Jahr werden! Am Neujahrsmorgen sieht es vor der Haustür wieder unmöglich aus. Verklumpte, vermatschte Raketen- und Böllerreste, Pappkisten, leere Flaschen: ein wildes Durcheinander. Von menschlichen Hinterlassenschaften, vor allem oral ausgeworfenen, gar nicht zu reden. Und dann hat wieder irgendein Idiot – wie an jedem Neujahrsmorgen – den Laternenpfahl auf der anderen Straßenseite angebumst und umgebogen. Jetzt leuchtet das Ding nicht mehr. Und das ist bei Glatteis für die Fußgänger gefährlich. Prost!

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff
Und das Schlimmste: Weil die Stadt am Reinigungspersonal spart, wird der Dreck uns sehr nachhaltig durch die kommenden Wochen begleiten. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als selbst anzupacken. Das haben wir schon im Vorjahr so gemacht. Der Wirt vom Gasthaus um die Ecke hat einen elektrischen Drecksauger von großer Kraft. Wir kommen mit Mistgabeln, Besen, Rechen, Müllsäcken und -eimern.

Ein Dutzend Männer und Frauen sammelt sich an der schiefen Laterne, ein stattliches Häuflein. Nur zwei von uns, der Gerd und die Anita, haben selbst geballert. Ihre Kinder sind noch in einem Alter, in dem das einfach sein muss. Bums, bums und tausend bunte Sterne. „Aber muss es wirklich sein?“, fragt Petra stirn­runzelnd. „Das ist doch glatte Rohstoffvergeudung und Um­weltverschmutzung. Das muss man den Kindern doch nicht ­beibringen, sondern ausreden!“

„Völliger Quatsch“, entgegnet Heinz, der gerade einen Haufen Sektflaschen-Scherben zusammengefegt hat. „Das sichert Arbeits­plätze. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Deutschen letztes Jahr 130 Millionen Euro für Feuerwerksartikel ausgegeben haben. Da lebt eine kleine Industrie davon.“ – „Ja“, bellt Manfred aus dem Pappmüll drei Meter weiter, „in China. Deswegen heißt es ja auch Chinaböller. Und die Chinesen können dann wieder deutsche Autos kaufen.“ Petra: „Noch mehr Umweltverschmutzung! Die eine wird mit der anderen finanziert!“

Vom Räumkommando zur Feierkompanie

Wir müssten uns jetzt aber nachhaltig beeilen, mahnt der Wirt. Sonst würden wir die Arbeit vor der Dämmerung nicht schaffen. Also: Weiter geht’s! Wir haben inzwischen Publikum. Unsere Nachbarn betrachten uns durch die Scheiben ihrer Fenster. Als Gerd sie mit einer einladenden Geste bedenkt, werden drei Rollläden heruntergelassen. Dr. M. aus dem schönsten Stadthaus vis-à-vis öffnet sein Fenster und ruft mit ernstem Ton und strenger Miene: „In diesen Dingen gilt für mich das Verursacherprinzip. Wer schmutzt, räumt auf. Ich nicht!“ Das verursacht bei uns, den Nichtverursachenden, frische Heiterkeit. „Eine gewisse Ordnung muss ja herrschen“, gröhlt Heinz, „sonst ist der Willkür Tür und Tor geöffnet! Ich liebe meine deutschen Landsleute.“

So isses. „Aber wir sind doch auch Deutsche!“, sagt Petra und be­ginnt mit einem Vortrag über das Vaterland des Aufräumens und des Ökobewusstseins. „Deutschland muss sich auf auf keinen Fall verstecken. Wir hier müssen doch nur in den Spiegel schauen und können sogar in gewissem Sinne stolz sein. Das ehrenamtliche, das freiwillige Aufräumkommando.“ Aber das Geburtsland der Sauber­keit, wendet Martin ein, sei und bleibe die Schweiz. Das habe schon irgendein Schriftsteller so beschrieben. Der Autor des gleichnamigen Textes war Ephraim Kishon, das weiß ich noch. Ich habe die Satire als junger Kerl, an der Grenze zur Schweiz aufgewachsen, mit großem Vergnügen gelesen. Martin: „Ich bin Eidgenosse und meine es ernst!“ Sein Gesicht wird grimmig. Aber lange hält er die eisige Miene nicht. Er zieht eine Flasche Dôle und eine Fendant aus seinem Sack. Schweizer Wein! Und er verteilt Pappbecher.

Pünktlich zur Dämmerung ist der Straßenputz beendet. Aus dem Räumkommando wird eine Feierkompanie. Klingt zwar nicht besonders doll, wenn man mit den Bechern anstößt. „Es guets Neus!“, schweizert Martin. Jawoll. Wie wäre es zu dieser fröhlichen Nachfeier gekommen, wenn niemand „bölleret hätt“ oder alle sich ans Verursacherprinzip gehalten hätten? Es wird ein richtig ­schönes Jahr werden, an dieser sauberen Straße.

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