Als der Rocker durchs Weihnachtsoratorium ritt

Arnd Brummer ist Chef­redakteur von chrismon

Sven Paustian

Jack Bruce ist tot. Er starb im Oktober mit 71 Jahren an einem Leberleiden. In Wochen wie diesen, im Advent, begegnet mir der  König der Bassgitarre in Rock und Jazz stets aufs Neue. Wenn ich ein Plakat sehe, auf dem Bachs Weihnachtsoratorium annonciert wird, denke ich an ein Gespräch mit diesem musikalischen Riesen vor mehr als 30 Jahren.

Als Youngster war ich Anfang der 1980er Jahre in der Redaktion einer Sonntagszeitung, „Sonntag Aktuell“, in Stuttgart für Pop, Rock und Jazz zuständig. Da erreichte mich ein Anruf. In der Leitung der deutsche Pressemitarbeiter des Platten-Labels EMI Chrysalis. „Um es kurz zu machen. Jack Bruce ist in Schwaben unterwegs. Wenn du mit ihm ein Interview möchtest, könntest du ihn morgen Nachmittag treffen.“ Was für eine Frage! Klar!

Jack Bruce gehörte zu Cream! Das war die Band, auf die mein Freund Hansi und ich als Teenager abgefahren waren. ­ „I Feel Free“, „White Room“, „Sunshine of Your Love“ – die Hits des Trios mit Jack Bruce am Bass, Eric Clapton (Gitarre) und Ginger Baker (Drums). Sie kombinierten die individuelle Freiheit des Jazz mit der Experimentierfreude der Rockmusik zu einer rhythmisch-melodiösen Weltmusik. Nur zwei Jahre waren sie zusammen unterwegs. Aber für Hansi und mich – die beiden, die nicht auf die Beatles, die Stones und Co. abfuhren – blieben sie die Größten.

Und jetzt sollte ich mit Bruce sprechen, allein und exklusiv? Das Herz schlug mir bis zum Halse, als mich der Mann, der mein Superstar war, in einem Café in Stuttgart-Sillenbuch mit Handschlag begrüßte. Der Pressekollege raunte mir noch zu, dass Bruce in Stuttgart sei, wisse niemand. Er habe eine Freundin in der Gegend.

Der Star war einfach normal. Er erzählte aus seiner Jugend. Anfänglich habe er Cello studiert, am Konservatorium in Edinburgh. Dann sei er zum Kontrabass gewechselt, sei auf dem Sprung ins Edinburgh Symphony Orchestra gewesen. Er habe sich dann ­ aber für das freie Leben des Jazzers entschieden, obwohl er die klassische Musik noch immer inniglich liebe.

"Das ist göttlich. Bach! Okay, Mozart und ein wenig Beet­hoven."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff
„Meister“ – nein, so habe ich die nächste Frage nicht begonnen, aber es hätte gut sein können. Ich sagte, gerade hätten in Bayreuth die Festspiele begonnen, ob er als Klassikfreund da nicht vorbeischauen wolle. Bruce prustete wie ein lachender Feuerdrache. Dann folgte ein Wort: „Wäääägner!“ Wieder ein Lachanfall. Dann in deutscher Diktion: „Waaagner! No. That’s not my kind of music. He is like Gary Glitter!“ Glitter, der Star des Glamrock, pompöse Auftritte, musikalisch eher bescheiden, kommerziell erfolgreich. Wagner wie Glitter!

Und dann hob Jack Bruce den Zeigefinger: „Hör mal zu, mein Junge, der beste Musiker, den es bisher gab, heißt Johann Sebas­tian Bach. Seine Bassläufe sind unübertroffen.“ Ich verstand das sofort, trotz des schottischen Akzents im Englisch meines Gegenübers. „Er hat die abgehobene Gregorianik mit Rhythmus unterlegt. Er schrieb Jazz. Bach grooves!“ Es folgte ein rhythmischer Ritt durchs Weihnachtsoratorium im besten Bruce-Jazzbariton. Und dann ganz feierlich „Großer Herr, o starker König“, die Bass-Arie. Bruce blickte in die Ferne. Mich nahm er nicht mehr wahr. „Das ist göttlich. Bach! Okay, Mozart und ein wenig Beet­hoven.“

Bach grooves! Das heißt: Er swingt und rüttelt. „Das ist Musik, die den Leuten nicht nur zu den Ohren reinläuft. Musik für die Seele und den ganzen Körper!“ Ich war platt und begeistert. Und ich bin es, wie man erkennen kann, bis heute. Die Schwäbin hat Bruce übrigens geheiratet. Er hinterließ sie und drei gemeinsame Kinder. Einmal durfte ich ihn noch live auf der Bühne erleben. Das war 2006 beim Frankfurter Jazzfestival. Er hatte eine Leber transplantiert bekommen, war noch gezeichnet von der Krankheit. Aber das Konzert war ein Hochlicht – nicht nur für mich. Bruce grooves! I feel free.

Als ich die Nachricht von seinem Tode las, musste ich die alte Vinyl-LP von Cream tief unten aus dem Schrank holen, mit allen Kratzern, und abspielen. Und dann das Weihnachtsoratorium. Bach grooves übrigens auch im Oktober. Schönen Advent!

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