Kinder brauchen Geld. Aber wie lange?

Wenn Euros die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bestimmen, zahlen beide Seiten drauf

Mein Taschengeld früher war knapp bemessen. Das lag daran, dass wir ziemlich wenig Geld zum Leben hatten. Außerdem wollten meine Eltern, selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, dass die kleine Tochter schnell lernt, mit Geld umzugehen. Ihr pädagogischer Eifer zielte darauf, dass ich nur ausgebe, was ich habe - und auf das verzichte, was ich mir nicht mehr leisten kann, wenn Sammelbilder von Tieren oder Karl-May-Filmen alle Ersparnisse aufgezehrt haben. Ich habe es nicht gewagt, meine Eltern anzusprechen, wenn ich mir ein Heidelbeereis zu viel genehmigt hatte oder mir den Kauf von Lex Barker alias Old Shatterhand im Kleinformat nicht hatte verkneifen können und deswegen auf einmal mittellos war.

Schön, wenn Eltern spüren, wann Kinder eine kleine finanzielle Spritze nötig haben

Mein Vater allerdings drückte mir gelegentlich zusätzliches Geld in die Hand, damit ich - ohne mein Budget zu belasten - ins Kino oder zum Volksfest gehen konnte. Schön, wenn Eltern spüren, wann Tochter oder Sohn eine kleine finanzielle Spritze nötig haben. Der nett verpackte Zuschuss zum Führerschein oder eine überraschende Überweisung, wenn ein junges Paar heiratet und eine Küche braucht: solche "ungebetenen" Geldgeschenke sprechen für ein besonders gutes Verhältnis von Alt und Jung, das die einen nicht zu Bittstellern und die anderen nicht zu "big spenders" macht, die bis zu ihrem Lebensende jovial die Scheine aus der Tasche ziehen.

Es kann schon auch sein, dass Eltern gerne Geld geben, um Kinder in Abhängigkeit zu halten. Um ihnen immer und immer wieder deutlich zu machen: Du bist nichts ohne mich, ohne uns - du wirst nie auf eigenen Beinen stehen. Sie erkaufen sich damit die Herrschaft über das Leben der nachfolgenden Generation, erwerben scheinbare Rechte auf Besuche und gemeinsame Urlaubsreisen. Manche Söhne und Töchter machen das mit, weil sie so eine Zeit lang auf bequeme Weise ihren Lebensstil finanzieren können. Beide Seiten zahlen normalerweise drauf. Denn Zuneigung, auch die der eigenen Kinder, lässt sich nicht kaufen, und wer auf diese Weise bei den Eltern "anschafft", verliert irgendwann die Achtung vor sich selber.

Darf man um ein Teilerbe bitten?

Was macht man, wenn man selbstständig ist, sein Leben im Griff hat, aber zum Beispiel einen Wohnungs- oder Hauskauf plant? Wenn man weiß: Die Eltern haben deutlich mehr Geld als man selbst - und sie haben sogar schon über das zu erwartende Erbe mit einem gesprochen. Darf man Vater und Mutter auf die eigenen Pläne ansprechen und sie bitten, einem das Erbe oder einen Teil davon jetzt auszuzahlen? "Wer seinem Vater oder seiner Mutter etwas nimmt und spricht, es sei nicht Sünde, der ist des Verderbers Geselle", heißt es mit biblischer Wucht im Alten Testament (Sprüche 28,24). Es kann also nur so sein, dass man Eltern nicht unter Druck setzt und ihnen die Möglichkeit lässt, die Bitte auch folgenlos abzulehnen.

Väter und Mütter haben nicht die Pflicht, erwachsenen Sprösslingen über die gesetzlichen Verpflichtungen hinaus Geld zu geben. Obendrein ist es notwendig, Geschwister über das Vorhaben zu informieren. Selten gibt es mehr Zwietracht in der Familie als in dem Moment, in dem einer versucht, an den anderen vorbei an Geld zu kommen. Also: Klar allen Beteiligten sagen, was man konkret an Unterstützung erbittet und wofür man sie braucht. Offen über Wünsche zu sprechen ist Ausdruck guter, fairer Beziehungen. Es kann sein, dass sich Eltern über das Vertrauen freuen, das man ihnen entgegenbringt. Und glücklich sind darüber, ihre Kinder nicht erst nach dem Tod, sondern schon zu Lebzeiten von Herzen beschenken zu können. 

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