Wo der Weg zum Himmel anfängt

Die Theologin Susanne Breit-Keßler

Monika Höfler

Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

Wo das ist? Dort, wo es gelingt, vom Schönen etwas einzupacken, mitzunehmen und in den Alltag einzubauen

Kirchentag in Stuttgart. Schön war’s. Ein beschwingter Abend der Begegnung, tolle Vorträge, heiße Diskussionen, Bibelarbeiten. Gottes Wort ist Rock ’n’ Roll. Dann die Ernüchterung: zu Hause alles beim Alten. Man fühlt sich wie nach der Rückkehr aus einem sonnigen Urlaub oder dem Verlassen von Wolke sieben. Was weit und hoch war, ist eng und flach. Der Alltag hat einen wieder. Verklärte Mienen wandeln sich in blasse Gesichter, die steile Stirnfalte, zeitweilig kaum zu sehen, beansprucht streng ihren Platz. 

Wie geht man damit um, wenn einem die Sensation der Unendlichkeit entgleitet? Wenn man statt Schwerelosigkeit wieder das ganze eigene Gewicht spürt? Kurzer Seitenblick: Jesus ist mit Freunden auf einem Berg. Sie erleben eine Art Kirchentag, einen geistigen Gipfel. Höhepunkt ihrer bisherigen Gespräche. Einer schlägt deswegen auch gleich vor, Hütten zu bauen, um dazu­bleiben. Er will den Augenblick zum Verweilen zwingen, er möchte nicht in die Niederungen des Alltags zurück.

Der Kirchentag 2015 macht Station in Stuttgart - ein emotionales Highlight für viele Christen. Susanne Breit-Keßler rät dazu, Impulse aus dieser Hochphase mit in den Alltag zu nehmen.

Jesus nimmt seine Jünger aber wieder mit in die Ebene. Kirchentag zu Ende, Urlaub aus, Verliebtheit weicht sanfter Ernüchterung – trotzdem muss es nicht weitergehen wie gewohnt. Hat einer erst mal die höchsten Höhen erklommen, mit dem Verstand, dem Gefühl, der Seele, dann schaut er oder sie die scheinbaren Niederungen und Täler des eigenen Lebens und der Mitmenschen anders an. Pfeif auf die Gesetze der Schwerkraft und der Trägheit! Her mit den Ideen für ein anderes Leben!

Die Musik auf dem Kirchentag war mitreißender als die in der eigenen Gemeinde? Dann schauen wir doch, ob wir einen Gospel­chor gründen können. Vielleicht wartet die Organistin längst, dass man ihr neue Noten kauft und sie neben wunderschönen Chorälen mal einen Ragtime von der Empore donnern kann. Man hat viel von Ökologie gehört? Der Schwung dürfte ausreichen, um die Räume der Gemeinde zu durchforsten, um alles auf einen umweltfreundlichen Stand zu bringen. 

Ein Geschenk des Himmels

Der Urlaub hat endlich das Herz weit und den Kopf frei gemacht? Höchste Zeit, Oasenzeiten im Alltag einzubauen. Wellness­tage, Wanderungen, Waldspaziergänge, Essen mit Freunden: „Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum ­Himmel an“ – das Lied der Comedian Harmonists lässt sich mit „hier und jetzt“ beantworten. Der Weg zum Himmel ist immer in der Nähe.

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der Webkolumne "Mahlzeit". Viele Jahre schrieb sie die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Susanne Breit-Keßler ist zudem Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne" und Mitglied im Aufsichtsrat des GEP, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, in dem auch chrismon erscheint.
Monika Höfler
Und wer will schon ewig wie ein verliebter Teenager durchs ­Leben stolpern? Die Schmetterlinge im Bauch kann man ja regel­mäßig auffliegen lassen. Ein Date mit der eigenen Frau, über­raschendes Händchenhalten, ein Sommerabend mit Glüh­würmchen, „du hast die schönsten braunen Augen der Welt“... schon kribbelt es wieder! Verklärung abseits des Alltags ist großartig – dann, wenn man ihr später nicht nachtrauert, sondern etwas davon einpackt und zu Hause ab und zu herausholt.

Es ist ein Geschenk des Himmels, dass unsereins fähig ist, der Seele Flügel zu verleihen, mit dem Herzen einen Aufschwung zu nehmen, der die Augen öffnet, den Blick weitet und Wege ent­decken lässt, die man allein und mit Bodenhaftung nicht ge­funden hätte. Die wirklich erhebenden Momente sind die, in denen man spürt, was einem mit diesem Leben geschenkt ist. In denen man richtig Lust hat, davon zu träumen und an das zu glauben, was in Gottes Namen noch alles Wirklichkeit werden kann.
 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Der Alltag ist keine "Niederung", es sei denn man nimmt ihn als solche wahr, weil man sich gesellschaftlichen Zwängen beugen muss, statt so zu leben, wie man es möchte und sich alltäglich über das freut, was man erreichen konnte und durfte.

Da jedoch die meisten Menschen nicht geistig frei sind, wird der Alltag als Niederung wahrgenommen.

Frau Breit-Keßler zeigt den typisch deutschen Pessismus gegenüber dem Alltag durch ihre Formulierung. Man solch sich an den Momenten des Glück berauschen und sie mitnehmen.

Nein! Jeder Tag sollte glücklich machen, insbesondere der Alltag und nicht aus Erinnerung an glückliche Momente bestehen. Diese Einstellung ist defätistisch Frau Breit-Kessler!