Lichterketten überall

In der Vorweih­nachtszeit blüht der Dekofreak auf. Und der Purist leidet unter Engelsleitern und hartnäckig blinkenden Nikoläuse

Monika Höfler

Endlich ein Abend, den er in aller Ruhe daheim verbringen kann. Von weitem sieht Roland Licht – offenbar ist Cornelia, seine Frau, vor ihm angekommen. An der Tür hängt ein Kranz mit Beeren und Mistelzweigen. Der war doch gestern noch nicht da? Im Flur schwingen sich leuchtende Miniteddybären um den Spiegel. Ein schwarzer Weihnachtsmann in Weiß singt mit Hüftschwung „Rock ’n’ Roll Christmas“. Voll böser Vorahnungen betritt Roland das Bad. Stoffelche schmücken den Badewannenrand, eine Lichterkette funkelt am Fenster, und die Seife hat Tannenbaumform.

Was tun, wenn es in der Familie kriselt, weil einer den Weihnachtsschmuck liebt, der oder die andere nicht? Susanne Breit-Keßler rät zu Kompromissen.


Im Wohnzimmer duftet es nach Zimt, die Kissen stecken in Bezügen mit Engelsmotiv. Glocken, Sterne und LED-Kerzen besetzen jeden freien Platz. Anschließend trifft Roland noch diverse Szenerien in der Wohnung an – Cornelia liebt Krippen aus aller Herren Länder, am besten reichlich bevölkert und mit vielen Tieren. Tief durchatmen, befiehlt sich Roland, sonst gibt es den traditionellen adventlichen Knatsch. Cornelia dekoriert so gern. Sie kauft, was immer sie entdeckt, um das gemeinsame Zuhause, wie sie findet, „schön“ zu machen. Roland findet das schrecklich.

Er ist Purist. Er bräuchte weder Adventskranz noch Christbaum. Eine Kerze, nur eine Sorte Plätzchen, die Gans, das Weihnachtsoratorium von Bach, Gottesdienst am Heiligen Abend – Schluss. Was tun, wenn Dekofreak auf Ästheten trifft, der es unverfälscht und funktional mag? Der klare Linien vorzieht, ohne Schnickschnack? Bevor es funkt und kracht und der vorweihnachtliche Friede gänzlich dahin, womöglich sogar das große Fest selbst gefährdet ist, sollte man sich einigen. Wo kann und darf dekoriert werden? Wo sollte es schmuckfreie Zonen geben?

Auf jeden Fall muss das Hoheitsgebiet des Partners respektiert werden. Sein Arbeitsplatz oder Zimmer ist tabu. Eine feindlich-schmückende Übernahme kann es nicht geben, wenn Friede auf Erden sein soll. Ob Elche im Badezimmer praktisch oder eher hinderlich bei Reinigungsprozessen sind, kann man gemeinsam überlegen. Die Engelsleiter an der Wohnzimmerlampe ist zwar kitschig, aber vielleicht könnten ihr zuliebe die Plastikkugeln auf dem Balkon und das dort grasende grüne ­­Rentier verschwinden?

Gold, Weihrauch und Myrrhe

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der Webkolumne "Mahlzeit". Viele Jahre schrieb sie die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Susanne Breit-Keßler ist zudem Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne" und Mitglied im Aufsichtsrat des GEP, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, in dem auch chrismon erscheint.
Monika Höfler
Wenn zwei oder mehr Menschen in einer Wohnung leben, ist klar: Der gemeinsame Lebensraum ist dann schön, wenn man sich abstimmt und jeder darin vorkommt. Fällt es schwer, auf Deko zu verzichten oder den swingenden Santa Claus zu ak­zeptieren, ist eine weitere Überlegung dran: Was liebe ich denn an diesem Menschen, der mich mit seinem Kitsch oder Purismus gerade wahnsinnig aufregt? Doch eben dies: dass sie schwelgen kann, herrlich überbordend ist in ihren Gefühlen. Dass sie vor Lebensfreude strahlt und das Leben immer wieder in Schwung bringt...

Und er? Ist es nicht segensreich, dass er funktional denkt? Dass er die Dinge auf den Punkt bringt, ruhig und gelassen bleibt, auch wenn ringsumher emotionales Chaos tobt? Schließlich ist für nüchterne Ästheten und verschwenderische Raumausstatter der Blick auf die Krippe gleichermaßen heilsam. ­

Nur das Allernötigste umgibt das göttliche Kind. Das reicht ihm, um die Welt zu verwandeln. Und trotzdem hat Gott auch Sinn für geistvolle Zierde: Die Weisen kommen und bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe – Glanz und Duft, alte Symbole für ­Leben und Sterben.

Wer sich Richtung Himmel aufmacht, der weiß eben den richtigen Schmuck anzubringen. Und wer den Himmel versteht, der zur Welt kommt, der braucht nicht mehr viel Brimborium.

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