Dir zuliebe! Großzügig sein tut gut

Sie sollen einfach mal nachgeben? Obwohl Sie recht haben? Einen Versuch ist es wert, meint die Theologin Susanne Breit-Keßler

Streiten ist etwas Wunderbares – dann, wenn man weiß, was man will, gute Argumente dafür hat und die Position des anderen als gleichberechtigt akzeptiert. So zu streiten, löst Probleme und sorgt für Klarheit. Es gibt aber etwas, das mindestens so viel Freude macht, wie elegant mit Argumenten zu fechten: einfach mal nachgeben. Undenkbar? Man muss doch als eman­zipierte Frau und als selbstbewusster Mann nachdrücklich ver­treten, was man als richtig erkannt hat? Nicht immer.

Da kritisiert die Ehefrau, dass der Partner überall in der Wohnung seine Zeitungsstapel hinterlässt, statt Gelesenes zügig ins Altpapier zu befördern. Er revanchiert sich: „In unserer Wohnung steht zu viel herum. Diese Seidenrosen etwa oder das Milch- und Zuckerkännchen aus Dessau. Überflüssiger Kram!“ – „Wie bitte?“, kontert sie. „Das sind Designerstücke!“

"Was ist denn hier los?"

Er häufelt weiter, sie gestaltet unbeirrt die gemeinsamen Räume. Keine Lösung in Sicht? Als er nach einem neuerlichen verbalen Gerangel zum Friseur fährt, fasst sie sich ein Herz. Was sie aufheben möchte, verschwindet in Schränken, anderes packt sie in einen Karton für den nächsten Basar. Manches, da hat er schon recht, kann auch in den Müll. Die Wohnung war vorher sehr gepflegt – aber so sieht sie auch ganz gut aus.

Als er nach Hause kommt, fällt ihm die Veränderung nicht sofort auf. Eine Enttäuschung, na gut. Aber dann sagt er verdutzt: „Was ist denn hier los?“ Sie spart sich alle Kommentare, die ihr auf der Zunge liegen und sagt: „Dir zuliebe.“ Dir zuliebe. Einfach mal nachgeben, ohne auf der eigenen Meinung zu beharren. Es fällt nicht leicht nach Jahren, in denen man endlich gelernt hat, sich zu behaupten. „Ich bin doch nicht verrückt und pass’ mich jetzt in meinem Alter an“, sagen Menschen manchmal nach langer Ehe oder dann, wenn sie noch einmal auf der Suche sind nach einem Partner – aber eben nicht um jeden Preis.

Einfach mal von sich selbst abrücken

Selbstbewusstsein zu erringen, kostet allerhand Mühe. Mann und Frau haben ihre Rolle gefunden und möchten sie nicht leichtfertig aufgeben. „Ich bin doch nicht verrückt!“ Warum eigentlich nicht? Es ist wunderbar, ab und zu von sich selber abzurücken. Einfach mal nachzugeben. Dir zuliebe. Früher zum Flughafen fahren, weil sie es nicht leiden kann, wenn man auf die letzte Sekunde angekeucht kommt. Zum Radfahren feste Schuhe statt Schlappen anziehen, weil er Sorge hat, dass sie sich verletzt. Einen Film anschauen, den man selber nie ausgesucht hätte – einfach weil der andere ihn sehen will und glücklich ist, wenn man an seiner Seite sitzt.

Vielleicht sogar den Honig aus dem Glas in einen Plastikspender umfüllen, weil es ihm so leichter fällt, ihn in den Tee zu geben. Zeitverschwendung? Soll er doch selber machen, wenn er so ­ungeschickt ist? Wer so denkt, ist auf dem besten Weg, die Liebe einem nüchternen, pragmatischen Alltag zu opfern, in dem jeder nur darauf schaut, dass es ihm selber gutgeht und der andere gefälligst Respekt und Rücksicht zeigen soll. Der Apostel Paulus hat weise formuliert: „Die Liebe bläht sich nicht auf, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern...“ Einfach mal nachgeben: eine großartige Erfahrung.

Sie verschafft einem wieder Luft und befreit von den er­müdenden Kämpfen und Krämpfen ums Rechthaben. Es wird einem leicht ums Herz, wenn man aufhört, ohne jede Ausnahme auf Richtigkeiten oder eigenen Vorlieben zu beharren. Dir zu­liebe. Abgesehen von der eigenen neuen Leichtigkeit: Manchmal bekommt man ein Lächeln zur Antwort, eines, das so aussieht wie in den ersten Tagen der Liebe. Dir zuliebe. Ausprobieren!

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