Ursula Ott über E-Scooter, Ehrlichkeit und Verantwortung

Roller, Chaos: Aufräumen
Wenn der Wind einen E-Roller umpustet und keiner ist Schuld - wer hebt ihn dann auf?

Heute Morgen, es war noch dunkel, ging ich zur U-Bahn, mir entgegen kam ein Papa mit Kleinkind auf den Schultern. Alle drei 
blieben wir auf dem Gehweg stehen: Fünf Mietroller lagen kreuz und quer im Weg. Umgepustet vom Sturm. "Auf­heben!", dirigierte das Kind ­seinen ­Papa. Und der erklärte wortreich, warum das jetzt echt nicht geht. Haben wir nicht umgeschmissen, 
ist nicht unsere Schuld, und außerdem müssen wir um acht bei der Katzengruppe sein. Gutes Kind. Hat verstanden, was ­eigentlich angesagt ist: aufräumen, was durcheinandergeriet. Auch wenn man es nicht selber war. Verantwortung übernehmen.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Altmodisch? Nö, topaktuell, ge­rade in der Sharing Community. Den ­Anbietern von E-Scootern, Miet-Smarts und -Minis geht es nämlich auch deshalb gut, weil sie die Gewinne privatisieren und die Folgekosten 
sozialisieren. Neulich hatte ich meine Hausschlüssel 
in einem Mietauto liegen lassen. ­Kollegen sagten: Dafür wird es ja eine Lösung geben, da wird sich der Anbieter was gedacht haben, es wird ein Fundbüro geben. Der Witz war gut. Sonnenklar, dass ich selber schuld war. Aber ich wollte meinen Schlüssel 
wieder. Erster Versuch, googeln: "Car2go Schlüssel verloren". Toptreffer: "Kuriose Fundstücke im Car2go". 

Kuriose Geschichten erlebte ich dann auch. Am Ende schickte mich die ­Hotline zur Polizei. In der Wache traf ich auf einen sehr netten, übermüdeten Beamten. Er hörte sich die Geschichte an, fragte kurz, ob es um die Smarts gehe, die so oft verboten vor seiner Wache ­parken. Dann sagte er: "Und was genau habe ich jetzt damit zu tun?" Der Mann hatte vollumfänglich recht. Was hat die unterbezahlte, überlastete, steuerfinan­zierte Polizei damit zu tun, dass ein privates Unternehmen keine Lust hat, ein Fundbüro einzurichten?

Die Roller liegen da ­immer noch

All das fiel mir heute Morgen ein, als ich die umgekippten Roller sah und das Kind hörte. "Aufheben!" Da wäre schon viel geholfen in unserer Gesellschaft, wenn wir den Schaden, den wir anrichten, wiedergutmachen. Ich selber, wir alle und auch die neuen Start-ups. Aufräumen – das wäre jetzt angesagt. Diese Kolumne, die bislang "erledigt" hieß, taufen wir gerade um in "Ansage". Was finden Sie, was jetzt mal dran ist? Was fehlt Ihnen im täglichen Zusammenleben?

Übrigens: Die Roller liegen da ­immer noch, ich habe sie auch nicht aufgehoben . . . Immerhin weiß ich jetzt, wo meine Polizeiwache ist. Und mein Schlüssel, der hing drei Wochen später im Ordnungsamt der Stadt Frankfurt bei den Fundsachen. Danke, 
Finder! Ehrlichkeit – ist auch angesagt. Vielleicht in der nächsten Ausgabe.

Leseempfehlung

Ursula Ott
Das hätten wir gerne wieder: Leser, die uns auf Fehler aufmerksam machen. Punkt.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott, sehr geehrte Redaktion,
beim Lesen Ihres Artikels „Ansage“ über das morgendliche Mietrollererlebnis habe ich erst aufgemerkt und gedacht: Aha, diese Unart die Roller einfach überall fallen zu lassen, ärgert doch einige Menschen, wie schön. Bis zur Stelle, an der Sie schrieben „Gutes Kind“ hatten Sie meine volle Zustimmung und ich erwartete eine komplett andere Richtung, die der Artikel weiternehmen würde. Leider.
Es kann doch nicht sein, dass Sie sich die Mühe machen einen 2-spaltigen Artikel für Ihr Magazin über dieses Erlebnis zu verfassen und lang und breit sich darüber auslassen wie unsozial neue Systeme und Organisationen sind anstatt einfach zu handeln. Da stehen zwei offensichtlich bewegliche und gesunde Erwachsene vor 5 Rollern, die den Weg versperren. Das Auf- und zur Seite -stellen der Roller wäre allein oder gemeinsam eine kurze aber hilfreiche und sinnvolle Tat gewesen ohne großen Aufwand und Kraftanstrengung. Keine Minute dauert es, die Roller zack, zack, zack aufzuheben und zusammen an die Seite zu stellen. Das wäre für alle weiteren Fußgänger, die nachfolgten (Alte an Rollatoren, Kinder, Kinderwagen schiebende Mütter, Radfahrer…) eine Hilfe gewesen. Viele hätten sich weniger geärgert. Und nur das Kind erkennt als Einziger von euch dreien, was zu tun ist? Sagt es auch laut, und Sie tun Nichts? Weder Sie noch der Vater, der mit seiner Erklärungsflut nur eigenes Unvermögen und Fehlverhalten an den Tag legte, peinlich. Ich finde es auch sehr peinlich, dass Sie offenbar noch nicht mal einen Moment daran gedacht haben die Roller zur Seite zu stellen, auch wenn Sie damit nichts zu hatten. Ich kann das nicht verstehen. Wenig Aufwand, große Wirkung, wäre es gewesen und für Sie persönlich bereits am Morgen die eine gute Tat am Tag.
Ich persönlich hebe immer Papier auf, das neben dem Papierkorb liegt oder habe auch schon Roller zur Seite gestellt, weil es mich ärgert und sonst ja keiner tut und ganz ehrlich, ich mache es gern, weil ich weiß, wie viele Mitmenschen solche Dinge sonst behindern und sich daran stören , aber leider selbst nicht mehr körperlich dazu in der Lage sind, Dinge aufzuheben.
Ich bin schon gespannt auf eine neue Geschichte von Ihnen unter dem Motto „Ansage“.
Mit freundlichen Grüßen
Perdita Fricke

Guten Tag Frau Ott,
Erstmal - ich mag Ihre “Ansagen“. Schon früher. Aber auch nach dieser schönen Umwidmung ihrer Glosse.
Mein Input zum letzen Beitrag in der 02.2020 Ausgabe zum Thema, was mir fehlt im täglichen Zusammenleben:
Das ist - ganz spontan - die Fähigkeit, sich auch mal zu entschuldigen, wenn was nicht gut gelaufen ist. Scheinbar einfach. Würde schon mal helfen. Echt.
Aber offenbar so schwer, dass eine klare Absage in Form einer Entschuldigung ziemlich selten vorkommt.

Lieber wird auf andere verwiesen. Oder man wird selbst verantwortlich gemacht, wenn was nicht gut gelaufen ist. Oder - häufige Variante - es wird einfach großzügig darüber hinweggegangen, als wär da nix Irritierendes gewesen.
Da war aber was...und DAS zu benennen und Verantwortung zu übernehmen wär echt ein Schritt. Der alles andere erleichtern würde und neue Wege zueinander bahnen würde.
Herzlich
Claudia Fricke

Sehr geehrte Frau Ott,
ich danke ihnen sehr für Ihren Beitrag Roller, Chaos. Ich wohne in Bonn an einer sehr Auto-befahrenen Straße. Es gibt einen normalen nicht überbreiten Bürgersteig. Auf diesem standen zwei Tier-Roller! Einer mitten auf diesem Bürgersteig der andere etwas zur Seite. Ich habe versucht, eine Telefon-Nr. oder eine E-Mail Adresse im Internet zu finden. Keine Chance! In Irland ja, da kommt wohl der Roller her oder lediglich eine normale Adresse in Berlin. Erkundigungen bei einer Polizeistelle in meiner Nähe brachten folgendes Ergebnis.
In meiner Straße wohnt ein sehr behinderter Mensch der nur mit Rollstuhl von A nach B kommt. Einer der Herren bei der Polizei meinte, es würde doch sicher jemand vorbeikommen, der den Roller aus dem Weg bringen würde. Zu einer Telefon-Nummer von dem Bonner Tier-Unternehmen konnte er mir aus
rechtlichen Gründen nicht verhelfen.
Ich war und bin erschüttert.
Danke für Ihren Beitrag.
Ganz liebe Grüße
Ursula Keienburg

Sehr geehrte Frau Ott,
mit Interesse habe ich Ihren Artikel "Ansage - Roller, Chaos: Aufräumen" in Chrismon 2/2020 gelesen.
Gleichzeitig habe ich in einem etwas älteren Artikel in der NRZ vom 22.01.20 Leserbriefe (s. PDF-Anhang) gefunden, die sich mit einem ähnlichen Problem, nämlich der Abfallbeseitigung, verursacht durch andere Mitbürger, beschäftigen.
Es gibt m.E. eine große Diskrepanz zwischen Ihrem Artikel und den Leserbriefen. In diesen wird die Beseitigung von Müll trotz allem unterstützt, während in Ihrem Chrismon-Artikel lediglich auf die Gewinne der Anbieter von E-Scootern, MietSmarts und -Minis verwiesen wird, die ein Aufstellen und zur Seite stellen von Mietrollern, die witterungsbedingt umgeworfen waren, "unmöglich" machten. Vielleicht hätte anderen Fußgängern, die das Aufstellen nur mit Mühen hatten bewerkstelligen können, eine Erleichterung verschafft werden können? Oder auch Rollstuhlfahrern? Vielleicht hätte dem Kleinkind ein sehr gutes Beispiel gezeigt werden können? Vielleicht hätten andere Passanten animiert werden können, mitzuhelfen?
Dann hätte die Aktion für den Einzelnen vielleicht zwei Minuten gedauert.
Hinsichtlich Ihrer Vorsprache bei der Polizei hat mich die Erwähnung des Attributs "steuerfinanziert" sehr gestört. Heißt das wirklich, dass es zu den polizeilichen Aufgaben gehört, einen verlorenen Schlüssel zu suchen? Wer hat den Tipp mit dem Fundbüro gegeben?
Mit freundlichem Gruß
Dorothee Hartnacke

Sehr geehrte Frau Ott,
immer wieder gerne lese ich das Magazin Chrismon, da es sehr gute Artikel bringt. Auch Ihre Texte finde ich sehr aufschlussreich und anregend.
Der aktuelle Text "Aufräumen" spricht mir wieder 100 % aus der Seele. Es sind ja nicht nur die Mietroller, die achtlos irgendwo abgestellt werden. Es ist auch der Müll, der in die Landschaft geworfen wird. Selbst Pfandflaschen und -dosen sind es offenbar nicht wert, wieder zurückgebracht zu werden. Sperrmüll wird im Wald abgeladen, was irrsinnig ist, da es erst umständlich dorthin gebracht werden muss!
Sie fragen was im täglichen Zusammenleben fehlt. Meiner Meinung sind die Menschen zu bequem geworden, nachzudenken, mitzudenken, Rücksicht zu nehmen,
höflich zu sein, "über den Tellerrand zu schauen". Es herrscht so ein unfassbarer Egoismus. Ein Beispiel: Wenn z.B. im Kaufhaus eine Tür
öffne, schaue ich immer hinter mich, ob jemand nach mir kommt. Wie oft habe ich schon eine Tür "vor die Nase geknallt" bekommen! Wenn
man dann etwas sagt, wird man böse angeschaut oder es wird gar nicht reagiert. Es ist vielleicht zu einfach, zu sagen, dass es den Menschen bei uns zu gut geht, da es leider nicht auf alle zutrifft. Ich stelle aber immer fest, dass Menschen, die weniger haben, viel zuvorkommender und höflicher sein können.
Die Werte Respekt, Wertschätzung, Höflichkeit werden außerdem auch in der (vor allem Welt-)Politik vielfach nicht mehr gelebt. Wenn ich sehe, welche selbstherrlichen Egoisten um uns herum an der Macht sind, bin ich ganz ehrlich fassungslos.
Für mich persönlich gilt, dass ich mich bemühe, im Alltag eben diese Werte zu leben in der Hoffnung, dass andere es bemerken und "nachmachen". Herzliche Grüße

Moin Frau Ott,
bin ganz auf Ihrer Seite. Sie hatten Glück. Als ich vor ein iger Zeit meinen Laptop verloren hatte, habe ich gelernt, dass Schlüssel das Einzige sind, was noch im Fundbüro landet.
Den Laptop habe ich durch eine ebenso ehrliche wie findige Finderin doch wieder gekriegt.
Lieben Gruß, Piet Oltmanns

Liebe Frau Ott,
Aufräumen ist wohl auch Ihre journalistische Lieblingstätigkeit:
Wieder für Ordnung sorgen. Weiter so!
Herzliche Grüße
Folker Pfennig