Ursula Ott erledigt das Einladen

Ich lade Sie ein
Einladungen? Die haben doch nichts mit WhatsApp zu tun, sondern mit Hochzeiten oder Gartenfesten, findet Ursula Ott
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Foto: Katrin Binner

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Neulich habe ich einem Professor für Organisationsentwicklung zugehört, angeblich eine Koryphäe. Es ging darum, wie man in diesen aufregen­den Zeiten seine Mitarbeiter motiviert. Befehl und Gehorsam, das hatte ich mir schon gedacht, sind nicht mehr so richtig angesagt. Man startet jetzt einen „Prozess des Eingeladenseins“. Hilfe! Der Gebrauch von substantivierten Verben im Zustandspassiv befördert bei mir den Zustand des Eingeschlafenseins. Aber noch mehr stört mich die Vokabel „einladen“.

„Ich lade dich ein“, darunter verstehe ich: „Ich zahl dir ein Bier!“ Eingeladen wird man auf ein Gartenfest. Oder auf eine Hochzeit. Man freut sich, sagt zu oder ab, kauft sich ein neues Kleid und schlägt sich auf Kosten des Gastgebers den Bauch voll. Wer einlädt, so habe ich das gelernt, hat was zu verschenken und schickt eine hübsche Karte. Aber so was wird eh seltener. Wer heute zu einer Hochzeit einlädt, schreibt „Save the date“ oder startet eine Doodle-Umfrage. „Ich lade dich ein“ – solche Mails bekommt man jede Woche. Aber sie laden selten zu krachenden Partys ein, sondern zu WhatsApp, Xing oder Facebook. Traurig.

Was Liebe aushält

 Ein Mann verknallt sich mit Haut und Haaren, und nach einem Jahr fällt seine Freundin in eine schwere Depression. Eine Frau macht eine steile Karriere mit liebevoller Unterstützung ihres Mannes, und dann wirft er sich vor einen Zug. Das ist ja nicht zum Aushalten! Sieben Reportagen über Liebe und Leidenschaft, Trauer und Abschied. Von der preisgekrönten Autorin und chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott. Zum chrismonshop.

Und jetzt sollen auch noch Chefs ihre Mitarbeiter einladen, nicht nur – sagen wir – Handys zu verkaufen, sondern abends noch im Nutzerforum zu chatten. Nicht nur Texte zu schreiben, sondern auch noch lustige Videos zu drehen und in kleine Units zu zerhacken. „Change-Prozess“ allerorten. Dazu sollen wir alle einladen und hoffen, dass niemand merkt, dass es gar kein Freibier gibt. Und auch nichts zu essen.

So laden wir uns alle gegenseitig ein. Der ­Kollege aus der Pressestelle lädt mich ein, seine langweiligen Bilder abzudrucken, obwohl davon nur einer was hat: er selber. Die Konfirmandenhelferin lädt uns ein, beim Gemeindefest zu ­helfen – und meint doch: Es wäre eine große Hilfe. Dann sollen die das doch klar sagen!

Herr Professor, halten Sie mich für altmodisch, aber „bitte“ und „danke“ haben sich sehr bewährt. Notfalls auch „eilt!“. Wenn der Laden gut läuft, kann man dann auch mal eine Party machen. Dazu dann eine Ein­ladung verschicken. Mit Bier!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Frau Ott, wie Recht Sie haben, wobei das "EINLADEN" noch die unverfänglichste Form der Ansprache sein dürfte. Sie kennen sicher den Sprachgebrauch im Krankenhaus. Ich bin Schwester Chantal. Herr Meyer, wie geht es uns denn heute? Haben wir gut geschlafen? So wird geredet mit denen, von denen man glaubt, dass sie so geschwächt oder einfältig sind, dass sie die Herablassung nicht merken. Ist es aber ein Prominenter oder Titelträger, ist diese Form der fürsorgenden Bemitleidung nicht mehr üblich. Das einschmeichelndes DU/SIE-Gefälle ist an vermutet Einfältige gerichtet. Auch im Politsprech ist es ähnlich. Vor Jahren war es noch viel öfter üblich, dass man von "ABHOLEN, MITNEHMEN, ERNSTNEHMEN" sprach. Das tut man wohl sonst nicht! Auch heute blitzt die Arroganz durch, wenn man tief enttäuscht so verlorene Abstimmungen kommentieren muss. Und dann kommt noch: "Wir haben wohl etwas nicht richtig RÜBERGEBRACHT". Gemeint ist: "Die Dummen haben nichts verstanden!". Der Ursprung dieser Redewendungen ist nicht zuletzt auch in einem Wortschatz zu suchen, der sich gleichzeitig an Kinder und Erwachsene richten muss. Einladen ist zudem unverbindlich. "Ich fordere Sie auf..." wäre häufig sicher besser. Aber diese Wortwahl impliziert eine konkrete Erwartung bis hin zu einer persönlichen Verpflichtung. Da ist es doch besser, wenn man sich einer verniedlichenden Sprache, bis hin zur Infantilisierung eines angeblich gemeinsamen Verständnisses bedient.

Ich bin sonntags im Gottesdienst immer schon "erledigt", wenn ich zu Beginn des Gottesdienstes von der Pastorin oder dem Pastor bei der Begrüßung höre: "Darf ich Sie jetzt einladen, mit mir folgendes Lied zu singen?" (oder später das Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser). Das soll ganz "menschlich-nah" und einfühlsam klingen, ist aber einfach nur peinlich, eine Anbiederung. Da habe ich nur noch Lust aufzustehen und zu gehen. Doch ich bleibe, weil ich mich von Jesus Christus eingeladen weiß. 

Helmut Reichert

Einen solchen Unsinn, wie Herr Reichert in seinem Leserbrief "Eine Anbiederung" schreibt, habe ich
im Leben noch nicht gelesen. Was stört ihn denn daran, wenn im Gottesdienst ein freundlicher Ton
herrscht und warum findet er es "peinlich", wenn die Reihenfolge der einzelnen Gebete nicht einfach
mit den Worten "wir beten jetzt....." angesagt wird. Oder soll das Ganze evtl. im Befehlston geschehen?
Wenn Herr Reichert ein solch' komisches Verhältnis zu einem derart gestalteten Gottesdienst hat, dann
soll er zuhause bleiben oder seine Gebete im Wald verrichten. Ich bin mir sicher, daß alle andere Gottes-
dienstbesucher es begrüßen, wenn die Liturgie nicht schablonenhaft abläuft.

Mathilde Vietze, Regensburg