Erledigt: Ist Häkeln Frauensache?

Komische Handarbeiten
Ursula Ott, Chefredakteurin von chrismon

Foto: Katrin Binner

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon

Ich kann stricken. Zu den drei Dingen, die alle Umzüge überstanden haben, gehört ein lila Norwegerpullover mit grünen Hirschen, nach Brigitte-Anleitung im zarten Alter von 15 gefertigt, „nur für geübte ­Strickerinnen“. Das mal vorweg. Aber als ich dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu einem „Handmade-Tag“ eingeladen wurde, dachte ich: Och nee, Mädels. Buchmesse! Das ist doch da, wo sonst die bewährten Kulturtechniken Lesen und Schreiben gefeiert werden. Da wollen wir jetzt ernsthaft stricken und häkeln?

Natürlich schreiben auch Frauen große Bücher. Aber deprimierend ist es schon, wenn man in Halle 3 Richard David Precht erlebt, wie er seine „Geschichte der Philosophie“ in drei Bänden vorstellt. Und tags drauf die Jungschauspielerin Maja Celiné Probst in der Do-it-yourself-Arena „an der Häkelnadel“. Die mir bislang unbekannte Akteurin verrät in „Häkeln ­ladylike!“, am Filmset reihe sie bei langen Wartezeiten Masche an Masche. Tja. Man liest ja so viel. Dass 85 Prozent der Filme von Männern produziert werden. Kann es sein, dass Männer in Drehpausen am Set ebenfalls knüpfen – und zwar Netzwerke? Und dann Erfolg haben? Während Frauen häkeln. ­Und dass Männer dann so erfolgreich wie Til Schweiger sind und Flüchtlingsheime bauen können?

Was Liebe aushält

 Ein Mann verknallt sich mit Haut und Haaren, und nach einem Jahr fällt seine Freundin in eine schwere Depression. Eine Frau macht eine steile Karriere mit liebevoller Unterstützung ihres Mannes, und dann wirft er sich vor einen Zug. Das ist ja nicht zum Aushalten! Sieben Reportagen über Liebe und Leidenschaft, Trauer und Abschied. Von der preisgekrönten Autorin und chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott. Zum chrismonshop.

In denen Frauen dann wieder handarbeiten. In meiner Helfer-Facebook-Gruppe gibt es nämlich jetzt auch „Stricken mit Flüchtlingen für Flüchtlinge“. Hauptsache, die Flüchtlingsfrauen fangen nicht auch noch an, ihre Blechcontainer zu ­umhäkeln. Die „Guerilla-Häklerin­nen“ verschandeln ja schon genug unschuldige Laternenpfähle und Straßenbäume und posten danach ihre Kunstwerke im Netz. 

Eine gewisse Daniela etwa zeigt das Foto ­einer Fähre, mit der sie von Portsmouth nach Guernsey geschippert ist. Und auf der sie „ein paar Blümchen um die Scheinwerfer“ ge­häkelt hat. Blümchen. Auf Scheinwerfer. Hilfe! Männer bauen Schiffe. Frauen be­häkeln Schiffslampen. So ist sie, die Geschichte der Geschlechter in zwei Sätzen. Bislang unver­öffentlicht.

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Lesermeinungen

Vorurteile haben Sie ja so gar keine, nicht wahr, Frau Ott?
Dass eine Ingenieurin tagsüber Schiffe baut und abends zur Entspannung strickt, passt nicht in Ihr Weltbild. Dass man sogar über Handarbeiten Netzwerke (ja, auch beruflich) knüpfen kann - geschenkt. Nein, Handarbeiten ist nur was für dumme Hausmütterchen, die sonst nichts auf die Reihe kriegen.

Und was das Stricken mit Flüchtlingen angeht. Mit Flüchtlingen Fußball zu spielen, ist natürlich hundertmal sinnvoller als mit ihnen zu stricken, klar. Gehen Sie doch mal mit, schauen Sie es sich an und lassen Sie sich überraschen, wie gut es tut, mit den eigenen Händen etwas Schönes & Nützliches zu schaffen, gerade Menschen, die viel zu viel Zeit und viel zu wenige Möglichkeiten haben. Und schauen Sie sich an, wie man über Nadeln & Wolle ins Gespräch kommt, trotz Sprachbarriere, und wissen Sie was, es kommen auch männliche Flüchtlinge zum Stricken und Häkeln - aber sicher nur, weil sie gerade keine Schiffe bauen & Filme drehen können ...

ich habe mal mitgekriegt, dass eine Krankenschwester im Ruhestand jetzt rund um die Uhr Kleidung für Frühgeborene strickt. Das könnte eventuell WIRKLICH sinnvoll sein .. Zum Frühchenstricken: http://www.frühchenstricken.de

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