Komfortzone

Frau Otts endgültige Ablage. Diesmal: Komfortzone

Wo, bitte, liegt diese Komfortzone? Es fällt mir schwer, sie auf einer Landkarte einzuzeichnen. Sie liegt irgend­wo hinter Brüssel, eventuell, denn in Brüssel kann keiner „in der nationalen Komfortzone bleiben“, schreibt die „F. A. S.“. CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär fühlt sich bereits „außerhalb der Komfort­zone“, wenn sie sich, hui, im Bikini im Schwimm­becken fotografieren lässt. Die Grüne Agnieszka Brucker möchte „augenzwinkernd“, huiuiui, und „provokant-frech“, ­huiuiuiuiui, aus der grünen Komfortzone heraus.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin
Wie so oft bedienen sich Politiker wie Journalisten beim Dummdeutsch des Seminarbetriebs. „Danger in the Comfort Zone“ hieß bereits vor zwanzig Jahren ein Psycho­bestseller in den USA, den man salopp mit „Runter vom Sofa!“ oder „Trau dich!“ übersetzen könnte. Also nichts Neues jenseits vom Teich – wo die Autorin übrigens im höchst komfortablen und mollig warmen kalifornischen La Jolla lebt. Seither boomt auch hierzulande das Komfortzonen-Verlassen – in Kursen, ­Seminaren und im Selbstversuch. Da geben sich junge Menschen, vorwiegend männliche, im Netz gegenseitig Tipps, wie man seine Komfortzone verlassen kann. Lange Listen mit Mutproben kursieren da. Eine Kaffeetasse auf dem Fußboden zerschellen lassen. Mit dem Klappspaten ein Loch ins Eis schlagen und im See baden. Einen Türken (Entschuldigung, das steht da wirklich) auf 20 Prozent des Preises runterhandeln. Im Supermarkt laut ­„Ficken!“ schreien. Mit orangenen Flipflops und oberkörperfrei nach dem Weg zum Brandenburger Tor fragen. Hilfe! Dann doch lieber Doro­thee Bär im Bikini im Berliner Vabali-Bad!

Im Ernst. Es ist ja nicht so, dass in Deutschland nichts zu tun wäre. Von wegen nationale Komfortzone. Wir haben 2,4 Millionen arme Kinder. Wir haben Flüchtlinge, Neo­nazis und eine Million Menschen, die abgehängt sind vom Arbeitsmarkt. Wem lang­weilig ist, der findet einen Einsatzort jenseits des zuge­frorenen Sees und des Berliner Spa. Liebe Leute, die ihr offenbar so gar nicht ausgelastet seid: Macht was Gescheites. Oder schreit ober­körperfrei auf dem zugefrorenen See laut „Ficken!“ auf ­Türkisch. Hört dann ja keiner. Oder ihr bleibt ­einfach drin in eurer Komfortzone.

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,
 
sehr gut Ihre Betrachtung zur „Komfortzone“! Aber warum greifen Sie so weit hinaus, wenn es darum geht, was in Deutschland zu tun wäre: Arme Kinder, Flüchtlinge, Neonazis und Abgehängte vom Arbeitsmarkt (Aktuell haben Sie die Linksextremisten vergessen, deren Gewaltorgien immer zahlreicher werden.)? Da muss ich Deutschland gar nicht so sehr von oben her betrachten, da schaue ich zuallererst in mein eigenes Leben und in meine Nachbarschaft: Wo kann ich Streit schlichten? Wo kommt jemand aufgrund von bescheidener Rente nicht über die Runden? Wo müssen Kinder in der Schule unterstützt werden (Lesepatenschaft, Nachhilfe)? Wo gibt es einen Hunger nach der Bibel, nach Gottes Wort? Die Beispiele könnten beliebig fortgesetzt werden. Und das Wunderbare daran ist: Sie bieten mir die Chance für die Entdeckung einer neuen Komfortzone, denn alle diese Hilfen erlebe ich unmittelbar. Gegen Neonazis zu demonstrieren, das mag zwar notwendig sein, beruhigt aber vielleicht nur mein Gewissen, mehr aber nicht.
 
Freundliche Grüße
 
Karl Schleef