Sensibel

Erledigt: Frau Otts endgültige Ablage.

Katrin Binner

Sensibel ist ein schönes Wort. Fragt man Frauen, was sie sich von einem Mann am meisten wünschen, sagen sie, gefühlt, zu 90 Prozent: Sensibel soll er sein. Die anderen zehn Prozent sagen vermutlich, humorvoll soll er sein. Und beides hat ja miteinander zu tun.

Der Duden übersetzt sensibel mit so ehrbaren alten deutschen Wörtern wie zartfühlend, empfindsam und kitzlig. Wer sensibel ist, der kann auch mal lachen. Wer sensibel ist, das steckt im lateinischen Wort „sensibilis“, ist „der Empfindung fähig“, nutzt seine Sinne, kann zu­hören, riechen, hingucken, schmecken.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin
So, und ausgerechnet dieses schöne Wort ist jetzt bei den Humorlosen angekommen. Erst erfanden die Datenschützer die „sensiblen Daten“. Dann die Genderforscherinnen den „geschlechtersensiblen Kinder­garten“. Der bei näherem Hinsehen so aussieht: eine Bauecke für die Mädchen, eine Puppenküche für die Jungs. Bitte, liebe Erzieher und Kitaleiterinnen, macht das unbedingt, das ist alles richtig! Alle Kinder sollen kochen und bauen und nette, sensible Mädchen und Jungen werden. Aber kann dieser Kindergarten dann bitte einfach „guter, moderner Kindergarten“ heißen?

Auch das „armutssensible Handeln ohne Stigmatisierung“, das die Diakonie sich vorgenommen hat, ist bestimmt eine prima Sache. Aber wie, bitte schön, schmeckt Armut? Wie riecht sie? Wie hört sie sich an? Vermutlich so ähnlich wie das „demografiesensible Personalmanagement“ bei der Bundesver­waltung. Was das ist? Die schlichte Erkenntnis: Es gibt heute weniger junge und mehr alte Mitarbeiter – und für die braucht man neue Ideen. Andere Arbeitszeiten. Manchmal auch neue Bürostühle. Die müssen nicht demo­grafie­sensibel sein, es reicht vollkommen, wenn sie rückenfreundlich sind. Auch so ein komisches Wort.

Wir wissen spätestens seit Martin Luther, wie kraftvoll Sprache sein kann. Wetterwendisch, Feuertaufe, Lästermaul – das sind Lutherworte. Bildhaft und voller Kraft. Demografiesensibel – auf so einen Quatsch wäre der nie gekommen, der Luther. Und humorvoller war er außerdem. Kein Wunder, dass der eine Schnitte hatte bei den Frauen.

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