Frau Otts endgültige Ablage. Diesmal: witzig

Hartz IV ist nicht lustig. Essstörungen sind nicht witzig. Brustkrebs ist auch nicht lustig. Drei Meldungen aus den letzten Wochen. Keine Ahnung, wie man auf so saublöde Überschriften kommen kann. „Brustkrebs ist ­lustig“, ja, das wäre eine echte Nachricht. Wenn auch eine zynische. „Magersucht ist saukomisch“, auch das hätte nach journalistischen Grundregeln – Mann beißt Hund – einen gewissen Neuigkeitswert. Aber warum, harhar, Schenkel klopf, soll denn eine todbringende Krankheit lustig sein?

Politiker sollen sich nicht an Stromberg ranwanzen

„Nicht lustig“ bedeutet für Teile der Spaßgesellschaft offenbar den ­Gipfel an Empörung. In der Kleinstadt Schramberg im Schwarzwald verstopfen böse Bürger das Heß-Bächle mit Altpapier. Sauerei! Hätte die Lokal­presse früher geschrieben, Skandal! Sachschaden! Steuergeld! Heute schreibt sie vorwurfsvoll: „Gar nicht witzig!“ Warum tut sie das? Weil selbst bei großen Ärgernissen, wenn nicht nur ein bisschen Papiermüll, sondern womöglich die ganze Wirtschaft den Bach runtergeht, Politiker das „nicht witzig“ finden. Genau so nannte der damalige Bundesfinanzminister die Veröffentlichung geheimer BaFin-Papiere: „nicht witzig“. Nö, diese ganze Eurokrise ist ja auch nix für die Humorseite, denn „Politik ist kein Ponyhof“. Den „Ponyhof“-Kalauer schwätzen Politiker aller Parteien gerade dem TV-Comedian „Stromberg“ nach. Der ist wirklich witzig. Aber ein Finanzminister, eine kirchenpolitische Sprecherin der Grünen, ein FDP-Chef aus Sachsen – die sollen sich nicht an Comedians ranwanzen. Die sollen den Euro retten und das Vertrauen der Bürger. Wenn wir lachen wollen, gucken wir eh nicht Eurokrise. Sondern „Stromberg“ oder „Kölle alaaf“.

Und auch du, beste Freundin, wirkst ein bisschen albern, wie du erzählst, dass in der Silvesternacht Schluss war mit der großen Liebe. Er hat dir um 0.05 Uhr gesagt, dass er doch wieder seine Freiheit braucht, „und das war echt nicht witzig“. Nö, das war wahlweise traurig, verletzend oder eine Riesenschweinerei. „So ein Schuft“, hätten wir früher gesagt und dich in den Arm genommen. Aber „nicht witzig“ klingt ja nicht sooo schlimm. Wirst schon einen Neuen finden auf dem Ponyhof.

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