EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus über Christian Lindners Hochzeit

Die wirklich wichtige Frage
Annette Kurschus

EKvW / Barbara Frommanns

Christian Lindners und Franca Lehfeldts Hochzeit empörte viele Kirchenmitglieder, weil beide aus der Kirche ausgetreten sind. Hier antwortet Kirchenchefin Annette Kurschus.

Selten haben mir so viele zornige Kirchenmitglieder geschrieben wie nach der kirchlichen Trauung von Christian Lindner und Franca Lehfeldt auf Sylt. Angestauter Frust, tief sitzende Aggressionen und lange nagende Enttäuschungen fanden hier ihren Ausbruch. Inzwischen ist der Dampf abgezogen – Zeit also, mit kühlerem Kopf nachzudenken.

Annette Kurschus

Annette Kurschus wurde 1963 geboren und ist seit November 2021 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 2012 ist die Theologin zudem Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Von 2015 bis 2021 war sie stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD. Seit 2014 fungiert sie außerdem als Mitherausgeberin von chrismon.
Barbara FrommannPräses der ev. Kirche Westfalen, Annette Kurschus

Braut und Bräutigam bewusst aus der Kirche ausgetreten! Aber das war es nicht allein, was die Gemüter erhitzte. Es war das Gesamtensemble dieser Hochzeit. Wie wenn man ein kleines Bild in einen prunkvollen, gänzlich überdimensionierten Rahmen steckt, so war die Wirkung dieser Trauung: Man sieht nur noch den Rahmen und kaum noch das Bild.

Die mediale Sensationslust setzte mit viel Hui und zugleich Pfui Brautkleid, Privatjet, Porsche in Szene, garniert mit Spekulationen, Schmachtstorys, Comedynummern und Halbwissen. Das alles hat die schlichte Zeremonie, die in der Kirche stattfand, opulent gerahmt. Und den Rahmen des Rahmens gaben die politischen Pläne ab, die der Bundesfinanzminister zulasten von Langzeitarbeitslosen veröffentlicht hatte, während der Bräutigam sich von der Pfarrerin segnen ließ. In den Augen vieler geriet dieser Segen fälschlich zur kirchlichen "Absegnung" einer Politik, die sie unchristlich finden. So umwehte der Geruch des Geldes die Trauung, und darum konnte eine Spende oder auch eine Nichtspende an die Kirchengemeinde so oder so nur anrüchig sein. Das Eine roch nach Käuflichkeit, das Andere nach Knickrigkeit.

Viele Kirchenmitglieder lassen sich nicht trauen

Christian Lindner sagte im chrismon-Interview: "Wenn zwei Seelen um Segen bitten, sollte man nicht die finanziellen Gegenleistungen thematisieren." Das stimmt grundsätzlich, funktioniert aber nicht, wenn der Bräutigam Finanzminister ist. Mitglieder der evangelischen Kirche reagierten ungehalten, denn sie unterschieden hier nicht scharf zwischen dem politischen und dem privaten Menschen Christian Lindner. Wie auch, sahen sie doch Bundeskanzler und Oppositionsführer unter den Gästen.

Viele evangelische Kirchenmitglieder finden es ungerecht, dass die Kirche ihr Recht bis an die Schmerzgrenze strapaziert und dieses Paar in den Genuss einer Leistung kommen lässt, die sie mit ihrer Kirchensteuer finanzieren, zumal der Name Christian Lindner gerade nicht für Alimentierung ohne Gegenleistung steht. Ist das kleinlich? Nein, das ist das normale Gerechtigkeitsempfinden von Menschen, die jahrzehntelang Kirchensteuern gezahlt haben und oft die spöttische Frage aushalten müssen, warum sie eigentlich "noch in dem Laden" sind.

Die eigentlich wichtige Frage ist eine andere

Aber irgendwann muss auch Schluss sein mit der Aufregung. Wer Ohren hatte zu hören, konnte vernehmen, wie hoch der Anteil der Trauungen ohne Kirchenmitgliedschaft ist: circa vier von tausend Trauungen. Nichtmitglieder fragen kaum noch nach Gottes Segen; sie bevorzugen kommerzielle private Dienstleister. Der Größe der Aufregung steht also die zahlenmäßige Winzigkeit des Problems gegenüber.

Ein echtes Problem ist allerdings, dass auch viele Kirchenmitglieder sich nicht mehr kirchlich trauen lassen. Die Frage, wie wir auf getaufte Menschen reagieren, die sich von der Kirche abwenden oder sie bereits verlassen haben, darf uns weder egal sein noch lässt sie sich stumpf mit Kirchenrecht klären. Daher rührt die Idee der Nordkirche, sich in einer Erprobungsphase mehr für Menschen zu öffnen, die sich der Kirche entfremdet haben – auch für Nichtmitglieder. Gibt es noch etwas jenseits der binären Unterscheidung von Mitgliedern (von denen der geringere Anteil Kirchensteuern zahlt) und Nichtmitgliedern? Das ist die eigentliche, die wirklich wichtige Frage.

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Lesermeinungen

Die wirklich wichtige Frage ist, was hat wieviel gekostet, wieviele wollen künftig in Sylt und anderswo (Traumschiff, Zugspitze?) trotz Austritt gesegnet werden, was wurde gespendet und wie lassen sich nach diesem Probeelauf künftig noch besser GELB (bei ROT u. GRÜN ist das ja kein Problem mehr) und Politik mit einem nicht binären Zustand verbinden?

Die Stellungnahme der Kirchenchefin hat die Bedeutung des tradierten Begriffs "abkanzeln" bei mir wieder lebhaft in Erinnerung gerufen. Wenn es auch keines Tröpfchens mehr bedurft hätte, wäre allein der verbale Schlag ins Gesicht der u. a. angeblich aufgestaut Zornigen und Winzigkeiten Übersehenden geeignet gewesen, ade zu sagen. Aber schon die Sylter Entscheidung und die nachfolgenden Begründungen der Nordkirche und mein Schriftverkehr mit der EKD haben ausgereicht, das zuständige Amtsgericht Mitte September mit meiner Austrittserklärung zu bemühen. Die rote Linie ist für mich persönlich jetzt eindeutig überschritten.

Ja Ja, der seidene Faden. Mit unzähligen Sprüchen und Vergleichen geübt, wir auch auch in diesem Promi "Sylter-Segen-Fall" mit einer virtuosen Verbal-Akrobatik rechts zu links und oben zu unten gemacht. The show must go on. Es ist angerichtet. Wohl bekomm es Euch.

Da ist ja wohl im Eifer und Mitteilungsbedürfnis untergegangen, dass es Kr. Kurschuss "binär" um Mitglieder und Nichtmitglieder und nicht um Glaubensinhalte bzw. Glaubensebenen geht. Die Quintessenz ist aber ähnlich. Wenn man aus Verzweiflung über die mangelnde Anerkennung "MIT und NICHT" (in oder draussen) akzeptiert und krampfhaft zwischen den binären Zugehörigkeitspolen nach einem Ausweg zur Erhaltung der eigenen Bedeutung sucht, wird auch aus jedem Glauben eine X-beliebige Glaubenswelt. Damit besteht dann auch die Gefahr, dass zwischen den Polen in einem Dunkelfeld nichts mehr erkennbar ist.

Ich habe die binäre Gedankenwelt diskutiert. Antworten: "Die wirklich wichtige Frage" ist, ob es überhaupt das Ziel ist, verstanden werden zu wollen. Ziel könnte ja auch sein, dass die nicht multi(bi)när "Eingeweihten" mangels Verständnis und Überzeugung glauben sollen. Diese Funktionen hatten weiland das Latein, die Geheimbünde und haben immer noch die beruflichen Spezialsprachen der Ärtze, auf Vernissagen, akademische Kunst- u. Theaterkritiken und Weindegustationen bzw. -Verkostungen. Diese Burg- oder Fortsprachen sind doch von den Kanzeln gang und gäbe und die Erkennungsprache von Sekten. Von wegen "binäre" Glaubensebenen.

Irgendwann muss auch Schluss sein mit der unchristlichen Möglichkeit von nichtbinären Glaubensphantasien. Die "Nordelbigen" waren schon immer sehr kreativ im Umgang mit einer liberalen Exegese von Märchen. Letztlich bleibt dann denen und der EKD nur noch der Glaube an ein göttliches Schwarzes Loch, das alles, selbst den Glauben verschlingt.

Also 4 v. 1000 wird die Chance zur Show nicht verwehrt. Sind das nur 4 Paare denen nach Prüfung der Segen erteilt wird, ist das so viel wie nichts und nicht der Rede wert. Eine nichtbinäre Glaubenswelt soll es geben, der EKD ist nur noch nicht bekannt, was sich dahinter verbirgt. Zwischen Paradies und Hölle gibt es demnach noch eine weitere unbegreifbare Ebene zur Auswahl, die im AT + NT vergessen wurde zu erwähnen. Sie wird nur intellektuell diskutiert, ist aber da. Deren Anhänger sind noch zu finden. Pure Ohnmacht. Macht den "Laden" zu bevor Ihr aus dem Tempel gejagt werdet. Eine solche Akademisierung als Weiterung der 10 Gebote und des Vaterunsers führt zielsicher mit Hilfe der EKD in den Untergang

Was passiert denn hier? Beiträge weit weg vom Thema, zudem noch teilweise beleidigend und mehr als obskur aus den tiefsten Winkeln von Politik und persönlichen Glaubenswelten. Verirrt sich einer in die Kirche und schon wird ihm angeboten, was sein Image fördern soll und er läßt sich mit dem Segen "impfen". Allein der Anspruch von Spiritualität ist auseichend und wird mit einem Schwall guter Wort von der höchstens Instanz verbrämt. Was ist denn das für eine Posse mit dem Segen der EKD? H. Lindner hätte ja auch vor einem Jahr zu Zweit auf Baltrum amtlich heiraten, es jetzt der BILD verraten und die ganze Insel nach einjähriger Erfahrung einladen können. Aber es mußte mit großem Medien- und Prominentaufwand SYLT (seit 40 Jahren bin ich dort Gast) sein. Mit privatem Vorwand eine kirchliche Politshow unter Security-Bedingungen. Deutschland sucht und feiert in der Kirche den Superstar. Royals kann man das verzeihen, aber als Politiker so aufdringlich sein Privatleben zu zelebrieren, ist unerträglich. Der Zweck heiligt jedes Mittel. War auch der Boulevard dabei?

Viele der Argumente von Annette Kurschus klingen plausibel. Aber es bleibt ein übler Schwefelgeruch zurück wenn ein ausgetretener Herr Lindner sich kirchlich trauen lässt. Jener kirchensteuersparende Lindner, der immer wieder und in unterschiedlichen Funktionen viel dafür tut, dass die Menschen an den Hecken und Zäunen unseres reichen Landes kurz gehalten werden, dass die Bemühungen der Diakonie um arme Menschen durch Mittelkürzungen erschwert werden. So wird das nix! Ich kann jeden verstehen, der nun den Austritt vollzieht, weil ihm so viel Verständnis für Herrn Lindners Segenswunsch als ehrlichem Kirchensteuerzahler dann doch zu viel Verständnis ist.

Ein weiteres Mal enttäuscht mich Frau Kurschus als Ratsvorsitzende der EKD. Eine so profillose und sich selbst verleugnende Stellungnahme ist der Evangelischen Kirche nicht würdig. Ein Glück ist es, dass sich zumindest die ehemalige Ratsvorsitzende Frau Käßmann immer wieder mit starken und orientierungbietenden Worten an die Öffentlichkeit wendet!

...für Ihre klare Meinung, Frau Henningsen.
Die einzig frohe Botschaft, die ich der Stellungnahme unserer „Kirchenchefin“ entnehmen kann, ist die Tatsache, dass es viele Kirchenmitglieder mit einem funktionierenden moralischen Kompass gibt, die ihr offensichtlich mit Engagement „Dampf“ gemacht haben.

Dem stimme ich zu, es ist enttäuschend und frustrierend, wie die offizielle Kirche sich verläuft und kaufen lässt.

Ich stimmt Frau Kurschus zu, bis auf letzten Absatz. Es ist ein bekannter rhetorischer Trick, vom Thema abzulenken und zu behaupten, dass etwas anderes viel wichtiger sei. Natürlich benennt sie im letzten Absatz ein wichtiges Problem. Nur das war halt nicht das Thema. Dieses hat sie richtig benannt. Es ging darum, dass die KirchensteuerzahlerInnen Lindners Hochzeit mitfinanziert haben. Es geht auch darum, dass die Nordkirche eine Rechtsverordnung erlassen, in der drinsteht, dass man davon abweichen kann, die sich also selbst für überflüssig erklärt. Es geht auch darum, wie man z.B. als Kirchenvorsteher noch glaubhaft für die Kirchenmitgliedschaft werben kann, wenn Leute, wie der Herr Finanzminister die Leistungen der Kirche mitnehmen, ohne Mitglied zu sein.
Von diesen Fragen sollte Frau Kurschus nicht ablenken, indem sie ein „neues Fass aufmacht“.

...der Stellungnahme, Herr Rathgeber!
Mich macht es traurig, dass unserer „Kirchenchefin“ nach so vielen Briefen, Beiträgen und ausreichend langer Zeit zum Nachdenken nichts Klärendes zum eigentlichen Thema einfällt.

Hier, finde ich, wird die Argumentation ein wenig schräg.
Ja vier von tausend scheint wenig - aber doch eben darum, weil nicht Kirchenmitglieder eben nicht einfach kirchlich getraut werden. Zum bewußten Kirchenaustritt von beiden Ehepartnern gehören auch die Konsequenzen, dass man oder frau sich damit auch ausdrücklich von kirchlichen Amtshandlungen verabschiedet.
Und dann sind vier von tausend plötzlich schon wieder eine ganze Menge!

... mir hat einmal eine evangelische Krankenhauspfarrerin erklärt, dass es Ausgetretenen erlaubt ist, einen Gottesdienst zu besuchen. Und sie fügte dem hinzu, sie wisse nicht, wie vielen Ausgetretenen sie in ihrer Amtspraxis schon Brot und Wein zum Abendmahl gereicht hätte. Im Übrigen war die gute Frau die erste und bislang einzige Person, die meinen Weg gekreuzt hat, die den zarten Versuch einer Unterscheidung vornahm: "Hat Ihr Austritt was mit der Kirche zu tun oder mit Gott?" - IMHO eine für evangelische Verhältnisse geradezu sensationell anmutende kluge Frage!
Freundliche Grüße
GE

Von GE ein gutes Bild.
Uns auch passiert. Wir kath./ev.. Nur Standesamt. Zum 25 Jahre Ehejubiläum mit Segen eine Einladung von der Diezöse und der Ortspfarrei. Man hat das Dilemma gewusst. Vorher ein Anruf im Ort um Eklat zu vermeiden. Den Segen offiziell einzeln (kein Gruppensegen) erhalten. Den Priester nachher informiert. AW: "Das hätte ihn auch vorher nicht interessiert". Nur hätten wir das vorher nicht dem Bischof mitteilen dürfen. Der hätte dann Schwierigkeiten bekommen, obwohl der inoffiziell auch vorher einverstanden war. Im übrigen ist der Segen ein Segen und einen Segen 2. Klasse gibt es nicht. Jetzt haben wir auch die Einladung zum 30Jährigen erhalten. Rom und Wölki können zappeln wie wild, Kirche und Gemeinden machen weiter.

Von GE ein gutes Bild.
Uns auch passiert. Wir kath./ev.. Nur Standesamt. Zum 25 Jahre Ehejubiläum mit Segen eine Einladung von der Diezöse und der Ortspfarrei. Man hat das Dilemma gewusst. Vorher ein Anruf im Ort um Eklat zu vermeiden. Den Segen offiziell einzeln (kein Gruppensegen) erhalten. Den Priester nachher informiert. AW: "Das hätte ihn auch vorher nicht interessiert". Nur hätten wir das vorher nicht dem Bischof mitteilen dürfen. Der hätte dann Schwierigkeiten bekommen, obwohl der inoffiziell auch vorher einverstanden war. Im übrigen ist der Segen ein Segen und einen Segen 2. Klasse gibt es nicht. Jetzt haben wir auch die Einladung zum 30Jährigen erhalten. Rom und Wölki können zappeln wie wild, Kirche und Gemeinden machen weiter.

Für Dich als Katholik, und weil die Protestanten das auch nicht sagen:
Gott ist die Metapher für die Vernunft des Geistes der uns alle mit Seele im selben Maße der "göttlichen/vernünftigen Sicherung" vor dem Freien Willen durchströmt, damit wir GANZHEITLICH Mensch werden können/sollen, um mit der ganzen Kraft des Geistes eine neue/weitere Seele für ... - Matthäus 21,18-22

... dieser Gott, den Sie beschreiben, ist dermaßen langweilig, dass ich nicht mal bereit bin, darüber nachzudenken, ob einzelne Glaubensartikel vielleicht OK wären.

... was ich mit meiner letzten Äußerung sagen will: Rede von Gott (= Theo-logie), so wie ich sie verstehe und deshalb auch zu verantworten suche, macht mit der Grablegung Gottes ernst.

Freundliche Grüße
GE

1. Wir sind nicht per Du.
2. Ich bin nicht Katholik. Und habe auch nie und nirgends behauptet, ich sei Katholik. Dieser Befund lässt sich schon durch einen Blick in die chrismon-Foren verifizieren. Also lassen Sie das.

"Gibt es noch etwas jenseits der binären Unterscheidung von Mitgliedern (von denen der geringere Anteil Kirchensteuern zahlt) und Nichtmitgliedern? Das ist die eigentliche, die wirklich wichtige Frage."
--- Ja, Frau Kurschus, das gibt es! Und das hat es immer schon gegeben. Und, so muss ich behaupten, das wissen Sie. ---
Was könnte das sein? Womöglich etwas jenseits der hierarchischen Unterscheidung von "Kirchenchefin" und - wie würde man das auf Evangelisch richtig sagen? - "Kirchenuntergebenen"?

Wie in jedem guten Krimi! Die Autorin fragt: "Gibt es noch etwas ...? Das ist die eigentliche, die wirklich wichtige Frage."

Der Leserkommentator Herr Engel antwortet mit seinem überzeugten "Ja, Frau Kurschus, das gibt es!". Und er schließt die Anschlussfrage an: "Was könnte das sein? Womöglich etwas ..."

Wann wird der aufmerksame Beobachter mit der eigentlichen, wirklich wichtigen Antwort bedacht? Spannung pur!

Fritz Kurz

vielen Dank für die Vorlage. Besser hätte ich das selbst nicht hinkriegen können. Und wie sagte schon Sepp Herberger: "Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten." Warten wir also noch ein wenig ab, was sich auf dem Platz noch tun wird bis zum Ende der Begegnung. (Hoffentlich versucht bis dahin nicht ein verirrter "Flitzer", den Ball zu klauen.)
Freundliche Grüße
GE

Es freut mich ja, dass Sie mein Anfeuerungsruf zu einem spannenden Spiel freut. In leichter Abwandlung von Trainer Trapattonis Wutrede muss ich aber leider sagen: "Zuschauer sehen, was passieren in Platz." Herr Engel ist bereits warm- und aufgelaufen. Die gegnerische Mannschaft wird aber aller Voraussicht nach nicht aus den Katakomben herauskommen und den Platz betreten. Artikel in chrismon sind nicht der erste Spielzug in einem Spiel zwischen Lesern und Autoren. Vielleicht ein oder zwei Ballwechsel, dann ist aber Schluss.

Ernstzunehmende Spiele über 90 Minuten gibt es gelegentlich zwischen verschiedenen Leserkommentatoren. Die warmen Worte des Stadionsprechers "Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen." bedeuten nicht, dass die Vorstands- oder Ratsvorsitzende, die Sponsoren, die Trainerinnen und Redakteurinnen der EKD in ihre Trikots schlüpfen und das Spiel gegen eine Leserauswahl angepfiffen wird.

Tut mir leid, dass ich keinen besseren Tototipp abgeben kann.

Fritz Kurz

... zurück zum Thema:
Ich will die - weiter oben von mir wiedergegebene und seinerzeit von einer Krankenhauspfarrerin an mich gerichtete - Frage "Hat Ihr Austritt was mit der Kirche zu tun oder mit Gott?" auf einfache Weise modifizieren und gleichsam als Ersatzball wieder ins Spiel bringen:

1. Hat Ihr (innerlicher und/oder äußerlicher) Austritt was mit der Kirche zu tun oder mit Gott?

Freundliche Grüße
GE

Ob die inneren oder äußeren Kirchenflüchtlinge auch äußere oder innere Gottesflüchtlinge sind, ist hinreichend geklärt. Es gibt alle Kombinationen. Wer als Kirchenmitglied mit Gott nichts am Hut hat, hat im Regelfall nach dem Kirchenaustritt auch keinen Bock auf Gott. Den Sonderfall gibt es aber durchaus. Die Kirche verlassen und erst dann Gott schick finden, warum denn nicht? Wer die Kirche verlässt, weil die ihm zu wenig braun oder schwarz erscheint oder nicht progressiv genug ist, kann doch seinen Gott nach wie vor von Herzen lieben. Und sogar der pantragische Fall kommt vor: Mit Gott und Kirche sturzzufrieden sein, dann auf kritische Gedanken kommen und am Ende sowohl der Frau Pastorin wie dem lieben Gott Lebewohl sagen.

Fritz Kurz

... "äußere oder innere Gottesflüchtlinge", ... "mit Gott nichts am Hut hat", ... "keinen Bock auf Gott", ... "Gott schick finden", ... "seinen Gott nach wie vor von Herzen lieben", ... "mit Gott sturzzufrieden sein", ... "dem lieben Gott Lebewohl sagen" ...

Ähemm: Ich dachte bislang immer, Gott und Glaube, das sind zwei Dinge, die zusammengehören. Aber je länger ich Ihnen 'zuhöre', desto größer werden meine Zweifel:
Man kann nämlich in den Wendungen, die Sie in Ihrem letzten posting verwendet haben, unschwer das Wort "Gott" streichen und durch "Glaube" ersetzen. Dann lauten die entsprechenden Formeln:
"äußere oder innere Glaubensflüchtlinge", ... "mit Glaube nichts am Hut haben", ..."keinen Bock auf Glaube", ..."Glaube schick finden", ..."seinen Glauben nach wie vor von Herzen lieben", ..."mit Glaube sturzzufrieden sein", ..."dem lieben Glauben Lebewohl sagen".

Womit aber immer noch nicht die Frage beantwortet ist: Wer und was ist das überhaupt: Gott? Was ist und heißt das überhaupt: Glaube? Und warum sollen Gott und Glaube semantisch und (theo-)logisch ununterscheidbar sein?

Noch stärker ins Gewicht fällt allerdings, dass mir niemand auf der Welt sagen kann, wie das gehen soll: dem lieben Gott Lebewohl sagen. Kann ich etwa Urlaub von Gott machen? Was aber, wenn Gott mir in meinem Urlaub begegnet? Als Prostituierte, die am Straßenrand auf mich wartet. Als Playboy, der am Schwimmbadrand mit mir flirtet. Als Puffmutti, die am Bartresen mit mir über Gott und die Welt redet.

Warum so umständlich, Herr Kurz? Warum sagen Sie nicht einfach frei heraus, dass Kirche und Glaube Ihnen gleichgültig sind? Warum sind Sie überhaupt noch hier? Warum sagen Sie nicht den lieben Zeitgenossen "Lebewohl"? Ich würde Ihnen auch zusehen, wenn Sie "dann auf kritische Gedanken kommen und am Ende" vom "Völki" oder von sonst einer Aussichtsplattform runterspringen. Ich würde Sie auch vorher fragen, wo Ihnen eigentlich "der Schuh gedrückt hat". -- Sie glauben mir nicht? Probieren Sie's aus. Ich zeig's Ihnen.

Freundliche Grüße
GE

Ihrem engagierten Vorschlag, ich möge mich von einer Aussichtsplattform in den Tod stürzen, werde ich nicht nachkommen. Ihren Fragen und Anmerkungen werde ich mich jedoch widmen.

"Gott und Glaube, das sind zwei Dinge, die zusammengehören."

Richtig. Gott gibt es nur in den Vorstellungen der Gläubigen. Sonst nirgendwo.

"Wer und was ist das überhaupt: Gott?" Ein Produkt der Fantasie der Gläubigen, die beharrlich leugnen, dass es so sei.

"Was ist und heißt das überhaupt: Glaube?" Das engagierte Festhalten am oben genannten Irrtum.

"Kann ich etwa Urlaub von Gott machen?" Nein. Urlaub ist die vorübergehende Freistellung von der Pflicht zur Arbeitsleistung beim verehrten Chef. Niemand ist verpflichtet, dem Irrtum namens Gott anzuhängen. Von einer nicht vorhandenen Pflicht kann man auch nicht freigestellt werden.

Man kann, so man will, den Irrtum namens Gott erkennen und dann mit dem Glauben aufhören, falls man je damit angefangen hat. Dann macht man aber nicht Urlaub von Gott, sondern verzichtet auf die Fortsetzung der Pflege einer Illusion.

"Was aber, wenn Gott mir in meinem Urlaub begegnet? ....Prostituierte....Playboy....Puffmutti..." Viel Spaß im nächsten Urlaub!

"Warum sagen Sie nicht einfach frei heraus, dass Kirche und Glaube Ihnen gleichgültig sind?" Die sind mir keineswegs gleichgültig. Wer etwas dermaßen Gefährlichem wie Gott, Glaube und Kirche gegenüber gleichgültig ist, hat wirklich nicht verstanden, wieviel Blut, Leid und Elend davon ausgehen.

Fritz Kurz

Sehr geehrter Herr Kurz,

wir würden Sie bitten, beim Thema zu bleiben. 

Mit freundlichen Grüßen

die chrismon.de-Redaktion

Sehr geehrte chrismon.de-Redaktion,

selbstverständlich komme ich gerne Ihrer Bitte nach. Falls es wegen meines ungehörigen Ausflugs in die Fußballwelt mit ihren gelben und roten Karten in Vergessenheit geraten sein sollte: Das Thema wurde von der Autorin selber so gefasst: "Gibt es noch etwas jenseits der binären Unterscheidung von Mitgliedern (von denen der geringere Anteil Kirchensteuern zahlt) und Nichtmitgliedern? Das ist die eigentliche, die wirklich wichtige Frage."

Eine meta- oder transbinäre Unterscheidung von Kirchenmitgliedern und dem Rest der Menschheit ist somit gefragt. Ich sehe der Antwort auf diese Frage mit Interesse entgegen.

Fritz Kurz

... Sie bringen, so muss ich sagen, einiges durcheinander.

Die von Frau Kurschus so gefasste "binäre Unterscheidung von Mitgliedern der Kirche und Nichtmitgliedern" steht kategorisch in einem sehr anderen Verhältnis zu der von Ihnen gesuchten "meta- oder trans-binären Unterscheidung von Kirchenmitgliedern und dem Rest der Menschheit".

Dieser Sachverhalt wird durch einfache Beobachtung klar.

Nämlich Kirchenmitglieder sind, waren und bleiben auch als solche zu jeder Zeit und an jedem Ort Mitglieder der Menschheit. Als Mitglieder der Menschheit stehen Kirchenmitglieder nicht einem "Rest der Menschheit" gegenüber. Mitglied in einer christlichen Kirche wird der/die Einzelne durch die Taufe. Mitglied der Menschheit durch die Geburt.

Die Rede von einem "Rest" der Menschheit macht logisch folglich überhaupt keinen Sinn. Mithin gibt es auch hier nichts zu unterscheiden. Denn wo kein "Rest" ist, weil das Ganze nicht ohne seine Teile gedacht werden kann, verschleiert die Rede von einem angeblichen Rest lediglich den einfachen Tatbestand, dass Menschen, die in einem bestimmten Merkmal (hier: die Zugehörigkeit zur Menschheit) ununterscheidbar sind, in diesem Merkmal eben auch nicht unterschieden werden müssen.

Das sollte jedem einleuchten können. Daran ändern auch die Vorsilben "meta" und "trans" nichts. ....... Es sei denn, Sie wollen auf einer 'Meta-Ebene' oder 'Trans-Ebene' - was immer das auch Zuverlässiges sein soll - Kirchenmitgliedern das Mensch-Sein absprechen. Das wäre aber nicht nur gemein. Sondern das weckte bei mir auch grundlegende Zweifel an Ihrer demokratischen Gesinnung.

Freundliche Grüße
GE

Wenn ich Kirchenmitgliedern das Menschsein absprechen würde, dann wären Mensch und Kirchenmitglied binär zu unterscheiden, um den von der Autorin etwas eigenartig gebrauchten Begriff binär ins Spiel zu bringen. Da Kirchenmitglieder aber Menschen sind, sind sie von denjenigen unbefiederten Zweibeinern, die nicht Kirchenmitglieder sind, binär zu unterscheiden. Also einerseits die Kirchenmitglieder, andererseits der Rest der Menschheit.

"Sondern das weckte bei mir auch grundlegende Zweifel an Ihrer demokratischen Gesinnung." Das soll es glatt immer wieder geben, dass manche Untertanen unzufrieden sind mit der Herrschaft, der sie unterworfen sind. Das kann ich jetzt aber nicht ausführen, der Schiri nestelt schon nach der gelben Karte wegen Themaverfehlung. Das können wir bei Interesse in einem anderen Thread besprechen.

Die Autorin schreibt: "Ein echtes Problem ist allerdings, dass auch viele Kirchenmitglieder sich nicht mehr kirchlich trauen lassen." Für die ortsbekannten Partyausrichter stellt das weder ein echtes noch ein unechtes Problem dar. Da auch die EKD scharf darauf ist, dass es uns allen gut geht, was die gängige Umschreibung dafür ist, dass die üblichen Geschäfte laufen, wäre die Problemlage für die Kirchen wohl doch noch etwas näher zu erläutern.

Fritz Kurz