Wie geht es einem Menschen, der getötet hat?

Der Fluch des Krieges
Wer einen anderen tötet, kommt von der Tat kaum mehr los. Denn allein die Opfer könnten vergeben. Doch eine Hoffnung gibt es.

Eine Krankenschwester erzählt von einem alten Mann, den sie einst gepflegt hat. Nacht für Nacht wälzt er sich im Bett, schreit, stöhnt, ­findet vor innerer Unruhe keinen Schlaf – obwohl die körperlichen Schmerzen gelindert sind. Warum? Er presst die Lippen zusammen. Irgendwann geht sie ihn an, er solle endlich damit rausrücken, was ihn quäle. "Ich habe so viele umgebracht", habe er stammelnd geflüstert und danach nicht mehr aufhören können zu weinen.

Der Krieg war lange vorbei, aber für diesen Mann war er eine nicht vergehende Vergangenheit. Die Menschen, die er tötete, suchten ihn heim und ließen ihn nicht los. "Wer Böses tut, kommt durch seine Bosheit um", heißt es in der Bibel (Psalm 34,22). Mit der bösen Tat tut man nicht nur dem Opfer etwas an, sondern auch sich selbst.

Annette Kurschus

Annette Kurschus wurde 1963 geboren und ist seit November 2021 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 2012 ist die Theologin zudem Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Von 2015 bis 2021 war sie stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD. Seit 2014 fungiert sie außerdem als Mitherausgeberin von chrismon.
Barbara FrommannPräses der ev. Kirche Westfalen, Annette Kurschus

Überhaupt: Lässt sich die Linie zwischen Opfern und ­Tätern so leicht ziehen? Ein ukrainischer junger Mann hat bei der Verteidigung seines Landes, zu der der Angriffskrieg ihn genötigt hat, einen russischen jungen Mann, der an die Front gezwungen wurde, erschossen. Ist er Täter? Ist er Opfer? Jedenfalls ist er ein Mensch, der einen anderen Menschen getötet hat und dem dieser tote Menschenbruder ein Leben lang auf der Seele liegen wird. Wer einen Angreifer tötet, mag moralisch unschuldig sein und ist doch nicht gefeit vor schlaflosen Nächten und innerem Unfrieden.

Gewiss, nicht jeder leidet nachher Gewissensqualen. Paul Tibbets zum Beispiel, der Pilot, der die Atombombe über Hiroshima abwarf, war zeitlebens stolz auf seine Tat. "Ich hatte nie eine schlaflose Nacht, nur weil ich die Bombardierung befehligte", bekannte Tibbets. Doch so unangefochten sind wohl die wenigsten. Gott sei Dank.

Tote können nicht vergeben

Das Bewusstsein, selbst getötet zu haben, lässt wohl innerlich kaum jemanden ungeschoren. Das mag an der gnadenlosen Endgültigkeit des Todes liegen. Es gibt hier keine "Wiedergutmachung". Dieses Wort hält in der ­Regel nur entfernt, was es verspricht. Gewiss, man kann und muss Tribunale durchführen, man kann und muss ­Strafen verhängen zur Sühne von Unrecht, Geld zahlen zum Ausgleich für Verluste, Häuser wieder aufbauen, manchmal schöner als zuvor. Tote jedoch werden nicht wieder ­lebendig.

Deshalb stöhnte jener alte Mann Nacht für Nacht in sein Kissen. Und deshalb gehen auch viele der Sieger aus einem gewonnenen Krieg als gefühlte Verlierer nach ­Hause. Das ist der Fluch des Krieges, der Fluch des Tötens. Es gibt ­keine Wiedergutmachung, selbst für den edelsten und stärks­ten Menschen nicht. Die Opfer allein könnten vergeben, sie allein könnten den erlösenden Freispruch gewähren. Aber die Toten bleiben tot, und wer wollte sich anmaßen, es an ihrer Stelle zu tun?

Es gibt ­keine billige Gnade

"Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse": So beschreibt der Apostel Paulus die verzweifelte Unfähigkeit zum Guten. Die Sünde wohne in seinem Leib, so drastisch drückt er es aus; sein ganzer Körper sei ihr Gefangener. Paulus fleht: "Ich elender Mensch! Wer wird mich er­lösen von diesem Leib des Todes?" (Römer 7, 19 ff.) Und ich denke an den alten Mann, der sich in seinem Bett wälzt.

Es gibt keinen Vergebungsautomatismus, es gibt ­keine billige Gnade. Aber es gibt diese verzweifelte Einsicht, ­diese erschütterte Klage. Wir können mitklagen und dazu helfen, dass aus der Klage ein Ruf zu Gott wird, ein Stoß­gebet. Ob und wie unser Gebet Antwort findet, liegt bei Gott. Wir haben keine Gewähr. Wir haben allein Christus, der für uns eintritt, und die tief gegründete Hoffnung, dass er alles gutmachen wird.

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Lesermeinungen

Unvollständig
Das von Frau Kurschus beschriebene Szenario (Der Fluch des Krieges – Chrismon 05.2022) ist unvollständig. Es lässt unerwähnt, dass sich auch derjenige schuldig macht, der sich bei einem völkerrechtswidrigen Überfall auf sein Land seinen Dienst als Soldat in den Streitkräften verweigert, obwohl er dazu in der Lage wäre. Er ermöglicht dadurch den Tod der angegriffenen Menschen, die sich selbst nicht wehren können. Dabei kommt es nicht darauf an, ob er aber seine Weigerung auch als Schuld empfindet. Vermutlich empfindet er deswegen keine Schuld, weil er mit den Folgen seiner Weigerung nicht so konfrontiert wird wie der Soldat, der einen angreifenden Feind tötet.
Hans Georg Bachmann

Klar, zur vollständigen Liste der schuldhaften Verfehlungen gehören Feindsender hören, Feindbegünstigung, Wehrkraftzersetzung, Fahnenflucht, Bruch des geschworenen Eides....

Fritz Kurz

Diese bleibende Erinnerung gilt aber wohl nicht für Killer und andere totale Werteverweigerer.
Ich habe niemand umgebracht, kann aber ihren Text bestätigen. Zwar nicht vergleichbar, aber lebenslänglich im Ergebnis ähnlich. Im kalten Winter 1947 habe ich auf der Strasse eine überfahrende Katze gefunden. Sie konnte sich nur noch mit den Vorderfüssen fortbewegen. Mein Mitleid war grenzenlos. Ich wollte sie erlösen, fand aber nur einem morschen Ast zum totschlagen. Eine andere "Hilfe" war nicht möglich. Der Ast zerbrach. Um das unsägliche Leiden zu beenden, versuchte ich, die Katze in einen nahen Bach zu stupsen. Das gelang zwar, aber Katzen haben ein nahezu "Ewiges Leben". Die Bilder sehe ich bis heute, wenn ich Katzen sehe. Der Vergleich ist unsäglich. Um wieviel mehr sollte dann ein russischer Wehrpflichtiger für sein Leben mit dem Tod der Unschuldigen in der Ukraine belastet sein.

Die unverbesserlichen Putinversteher haben entweder den reduzierten Altersverstand verloren, oder sie sind braunrot fehlgeleitete unverbesserliche ideologische Imperalisten..Wir sehen jetzt einen blutroten Putin als Antichristen und ein Volk, dass ihm bedingungslos hörig ist.
Vor 80 Jahren sahen Russen und die ganze Welt einen braun-kotigen Hitler, dem auch das Volk bedingungslos folgte. Wer und was hat uns kuriert? Die Angst des Westens vor den unendlichen Weiten Russlands, vor der blutroten Gewalt Stalins und dem unberechenbaren imperialistischen Bolschewismus, der schon damals den Anspruch hatte, die Welt zu beherrschen. Das hat der Westen nach Kriegsende sofort erkannt. Als Pufferstaat brauchte man dafür unsere Unterstützung. Bis wir und die „Globkes“ das begriffen haben, musste Nürnberg den Beweis antreten. Die Berichte der Heimkehrer halfen dabei. Uns half der Kalte Krieg zu verstehen, was permanente Angst vor 3 Angriffe bedeutet, die wir selbst gegen Polen (1.9.39), gegen den Westen (10.5.40) und gegen die UDSSR (22.6.41) begonnen haben. Wir betrachten Putin und Russland jetzt so, wie uns damals die Welt gegen Hitler und Deutschland betrachtet hat. Das sich die Bilder gleichen, sollte uns Angst vor dem „Z“ im eigenen Haus machen und vor den Wagenknechten warnen, die dieses Fuhrwerk in ihren eigenen Abgrund ziehen wollen. Auch der Hort und Horst eines Storches ist keine sichere Burg, wenn Putin über ihn herfällt. Sie sind Antichristen

Wie soll denn aber jemals Frieden herrschen, wenn wir nicht einsehen, dass auch Christen böse Dinge tun können? Warum müssen wir sie gleich zu Antichristen hochstilisieren?

Es wird niemals überall Frieden herrschen, weil die Vorteile der Gewalt für die Rücksichtslosen zu verführerisch sind. Schöne Wünsche taugen nicht für Realitäten. Das wir solange in Westeuropa Frieden haben, ist nur der Erinnerung an die Schrecken und nicht kurzfristigen und alternden Einsichten zu verdanken. Nur wenn die christlichen Werte implantierbar wären, könne was anderes gehofft werden.

Moin Frau Kurschus,
dieser Brief bezieht sich nicht nur auf Ihren oben stehenden Beitrag, sondern auf Ihre das Lesen dieses Beitrags auslösende Äußerung, die Lieferung von Waffen zur Selbstverteidigung an die Ukraine könne gutgeheißen werden. Gut ist nämlich ein zu Gott gehördender Begriff. Gut ist im Kontext Gottes kein Begriff des Rechts, sondern des Gewissens. Und nur wenn tödliche Waffen gut geheißen werden können, kann der, der die erste Atombombe abgeworfen hat, ruhig schlafen und Flugshows fliegen. Und das soll nich sein. Alle Waffen, bis auf allein das eine heilige Wort Gottes, können nämlich höchstens als eine Notwendigkeit betrachtet werden.
Denn: Wir sollen keine anderen Götter haben neben Gott. die Mutter, das Wort, der Heilige Geist.
Danke für Ihre interesannte Ausführungen zum Tot, vielem von dem kann ich zustimmen, aber tatsächlich glaube ich, dass die Toten wieder lebendig werden. Denn wer die tötet, erreicht das Gegenteil, von dem, was er will, denn er macht sie dadurch unsterblich. Und ich glaube daran, dass je mehr Menschen ein Mensch, wie auch Putin einer ist, tötet, desto sterblicher ist er. Seine Opfer sollen dagegen in unseren Gedanken niemals sterben.
Danke für das Lesen des Briefes.
Liebe Grüße
Lorenz Friedrich Sick

Dieses süßliche um den Heißen Brei reden. Es ist erbärmlich zu hoffen, dass der "Brei" nach dem Erkalten noch genießbar ist. Alle im Chor : "Ab Morgen muss Friede sein. Warum können nicht alle friedlich sein. Wäre ich in der Regierung, würde ich sofort ein Gesetz erlassen, damit alle wissen, was zu erwarten ist, wenn sie meinem guten Willen nicht folgen". Eine Oster- und Friedensforscherin hat kürzlich TAZ, Duduet) vorgeschlagen, als zivilen Widerstand in Kiew Strassen- und Verkehrsschilder zu demontieren oder zu vertauschen, damit die Panzer sich verirren. Quelle: Lobo Lumpen-Pazifismus im SPIEGEL. Wenn die Kirchen sich nicht klar von solchem Geist trennt, wird nur noch Häme statt Hoffnung geerntet. Einfach irre.