EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus über Sprache und Macht

Die Macht der Sprache
Worte können Unheil ­ stiften. Sie können uns aber auch aufrichten. Ein Lob aufs "gute" Wort.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Die Macht der Sprache"

Es gibt ein paar Neujahrsrituale, auf die man sich verlassen kann – auch in un­sicheren Zeiten. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zum Beispiel. Mit schwungvollen Walzer­klängen begrüßt es das neue Jahr. Ein anderes Ritual setzt mit dem "Unwort des Jahres" einen bewusst schrägen Ton an den Jahresbeginn. Das Erste seiner Art war das Unwort des Jahres 1991: "ausländerfrei". 2020 machten gleich zwei das Rennen: "Corona-Diktatur" und "Rückführungs­patenschaften".

Annette Kurschus

Annette Kurschus wurde 1963 geboren und ist seit November 2021 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 2012 ist die Theologin zudem Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Von 2015 bis 2021 war sie stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD. Seit 2014 fungiert sie außerdem als Mitherausgeberin von chrismon.
Barbara FrommannPräses der ev. Kirche Westfalen, Annette Kurschus

Unworte sind Machtworte ihrer Zeit, "Unworte" deshalb, weil sie Unverschämtheiten sagbar machen und ­Unheil hervorbringen. Sie sind das Gesindel in der ­Familie der Wörter, die Zinker und Fälscher, die Heiratsschwindler und Verführer, die Räuber und ­Vergewaltiger. Man kürt diese verbalen Unholde jedes Jahr öffentlichkeitswirksam, nicht um sie zu ehren, sondern um sie beim Namen zu nennen, auf dass sie sich dann wie ­Rumpelstilzchen selbst entzweireißen. Man sagt sie laut, um ­ihnen ihre Macht zu nehmen.

Ich blicke voraus in das neue Jahr 2022 und suche ein gutes Wort. Was genau ist eigentlich das Gegenteil vom "Unwort"? Mir fällt Petrus in der Bibel ein. Der sagt einmal zu Jesus: "Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens."
Schon diese Frage sitzt: "Wohin sollen wir gehen?" ­Wohin im Jahr 2022? Weglaufen können wir nicht vor dem, was wartet. Die Spielräume sind eng, die Pandemie hat uns im Griff, die Zahl der Toten wird fortgeschrieben, das Klima heizt auf, die Kraft ist am Limit. Es bräuchte tatsächlich "Worte ewigen Lebens", um uns aufzuhelfen.

Empörung und Besserwisserei gibt es genug

Worte der Kraftmeierei und der Empörung sind reichlich gefallen. Davon haben wir genug, ich ­zumindest. "Stellt die Meinungen ein, dass die Liebe gedeiht!", hat der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch einst gedichtet. Das spricht mir aus dem Herzen.

Wo sind Worte ewigen Lebens? Worte, die sich klar unterscheiden von schnell herausgekrähter Meinung, von Wissen und Besserwissen, von Verdammung und Verdummung? Wo sind Worte, die aus dem Lebensfrust und Lebensverdruss holen, aus der Angst vor dem Tod?

Die Sätze finden uns

Petrus hat solche Worte bei Jesus gesucht. Mir fallen zahlreiche ein: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken."
"Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."
"Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seinem Leben?"
"Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen."
Und noch eines; es ist zur Jahreslosung 2022 gekürt worden: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Solche Worte sind es wert, sie auswendig zu kennen, "known by heart", mit dem Herzen. Solche Worte sucht man nicht – sie finden uns.

Der Aktionskünstler und Regisseur Christoph ­Schlingensief schrieb während seiner Krebserkrankung: Da "erschien mir doch plötzlich wie aus dem nichts der satz: ‚so sprich nur ein wort, so wird meine seele ­gesund!‘ . . . ich weiß nicht warum dieser satz für mich ­genau an diesem ort plötzlich auftauchte. wo ich ihn doch seit jahren nicht mehr richtig gedacht oder erlebt, gefühlt hatte . . . und meine seele ist plötzlich geheilt."
Wohin es geht 2022? Gott weiß wohin. Unterwegs warten Worte ewigen Lebens, die uns suchen und finden werden.

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Lesermeinungen

Das Problem scheint mit eher zu sein, die Bischöfin findet nicht mehr die richtigen Worte d.h. die richtige „An „-Sprache für ihre Schäflein. Vor lauter angestrengter Aufgeregtheiten, was man sagen darf und was nicht, wird der eigentliche Auftrag der Kirche vergessen. Für die „ Herde“ da zu sein, spiritueller Anführer und Wegbegleiter zu sein. Worte der Macht gegen Unrecht zu finden, weltlichen Begehrlichkeiten der jeweiligen Machthaber, auch im eigenen Land, zu trotzen. Welch unglaubliches Versagen der EKD bei Corona et. etc.
Kirche ist heute keine Ort der Besinnung und Spirituellen Einkehr mehr, sonder eine Freizeiteinrichtung, fast ausschließlich für Frauen und macht jeden politischen Nonsens der Zeitgeistaktivisten mit. Damit hat sich Kirche obsolet gemacht.
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