chrismon-Herausgeberin Annette Kurschus über Corona und Ostern

Wer wird Prinz sein, wer Huhn?
Im Märchen geht nach dem Dornröschenschlaf alles ­weiter wie zuvor. Nach Corona brauchen wir Neues, zu viel ist kaputt gegangen.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Wer wird Prinz sein, wer Huhn?"

Noch immer ertappe ich mich in diesen lähmend zähen Pandemiewochen bei dem Gedanken, dass es demnächst – bald, einst, irgendwann? – wieder so wird wie zuvor. Dass mich jemand kneift, vielleicht ist es auch ein Pieks in den Oberarm, und ich erwache wie Dornröschen im Märchen der Gebrüder Grimm aus dem bösen Infektionstraum. Alle reiben sich staunend die Augen, strecken sich kräftig, und es geht wieder los. Weiter, wie bisher, wie früher, wie immer.

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Barbara Frommann

Ich will endlich wieder mit anderen zusammen ­singen und musizieren, Freunde besuchen, Gäste einladen, in meiner Lieblingsbuchhandlung stöbern. Ich sehne mich danach, wieder Gottesdienst zu feiern, und zwar so ­richtig: ohne Maske und Abstand und Videokamera gemeinsam mit anderen in einer Kirchenbank zu sitzen und Choräle zu schmettern! Andere mögen anderes vermissen, doch die Sehnsucht nach dem Altvertrauten und Lang­entbehrten teilen wir.

Als im Märchen von Dornröschen die Welt aus dem Jahrhundertschlaf erwacht, beginnt der alt-neue Alltag mit einem Kuss. Die dornige Hecke rund um das Schloss verschwindet, als hätte es sie nie gegeben, und zum Schluss läuten die Hochzeitsglocken. In der Schlossküche fängt nicht nur der Braten wieder an zu brutzeln. Der Küchenjunge kassiert, kaum ist der arme Kerl wieder aufgewacht, vom Koch eine schallende Ohrfeige. Und – so endet der Grimm’sche Blick in die untere Märchenetage – "die Magd rupfte das Huhn fertig". Das Leben geht weiter wie vorher.

Die Pandemie verschärft die Armut

Was im Märchen ein lustiges Detail ist, führt in der ­Realität zu wichtigen Fragen: Wer wird beim Auf­wachen aus der Pandemie Prinz und Prinzessin sein? Wer Magd und Küchenjunge? Und wer das Huhn, das weiter gerupft wird? Es ist abzusehen, dass die Pandemie den Hunger in der Welt auf Jahre hinaus vergrößern wird. Die Fort­schritte, die über Jahrzehnte im Blick auf Er­nährung, Schulbesuch von Kindern und Jugendlichen, ­Menschenrechte und ­Umweltschutz errungen wurden, sind vielerorts infrage gestellt oder ganz zunichtegemacht.

Irgendwann wird auch in unserem Land die Frage zu beantworten sein, wie die immensen Ausgaben während der Krise gegen­finanziert werden sollen und von wem? Längst nicht jeder Buchladen und jedes Fitnessstudio ­werden wieder öffnen können. Nicht jeder Chor wird sich wie zuvor zum Proben treffen, und manches Theater wird geschlossen bleiben. Nicht zu vergessen die über 70 000 Menschen in unserem Land und die zweieinhalb ­Millionen weltweit, die nie mehr ein Buch lesen, nie wieder singen, nie mehr Freunde und Freundinnen treffen werden – weil das ­Virus sie ihr Leben gekostet hat. Viele von ihnen waren auf ­ihrem ­allerletzten Weg allein.

Mehr Solidarität

Spätestens hier verstummt meine kleine Sehnsucht, es möge doch wieder werden wie früher. Das wird es nicht. Es tut weh, mir das einzugestehen. Es schmerzt ­eine ­ganze Gesellschaft, sich das klarzumachen. Aber es ist not­wendig: aufmerksam, vorbehaltlos und mutig in den Blick zu nehmen, wie es anders weitergehen kann und soll und was nicht weitergehen darf wie bisher. Weniger Eigeninteresse und mehr Solidarität mit anderen zum Beispiel würde dem alt-neuen Alltag gut anstehen.

Christen in aller Welt feiern dieser Tage den Sieg des ­Lebens über den Tod. Womöglich verstehen wir dieses Jahr besser und tiefer als je zuvor: Ostern ist kein ­Märchen, in dem wir aus einem bösen Traum aufwachen zum ­­ "Immer so weiter". Ostern ist der Anfang und das Versprechen von etwas wirklich Neuem. Der Apostel Paulus beschreibt es so: "Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden."

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Irmgard Schwaetzer
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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
Immer wieder lese ich chrismon sehr gerne und freue mich an den vielen guten Beiträgen. Ok manchmal verstehe ich den ein oder anderen Beitrag nicht oder bin ganz anderer Meinung.
Aber der Beitrag von Frau Annette Kurschus "Auf ein Wort" in der Ausgabe 04.2021 hat mich ungemein gefreut, ja überrascht und mir gezeigt, dass in der Evangelischen Kirche ganz tolle Menschen dabei sind. Ganz ähnliche Überlegungen wie sie Fraqu Kurschus aufgeschrieben hat, mache ich mir auch immer wieder aber natürlich nicht so klar und umfassend niedergeschrieben.
Ich freue mich auf weitere so wunderbare Beiträge.
Herzliche Grüsse
Bruno Sigrist

Sie lesen, verehrte Frau Kurschus, „Dornröschen“ mit einem ganz anderen Fokus als ich:
Ich sehe zunächst ein Kind, das eine blutige Erfahrung macht, durch die das ganze Leben innehält und sich letztlich von Grund auf ändert, wenn die junge Frau – noch nicht ganz wieder bei Sinnen – ohne Verzug heiratet.

Eine jüngere Version dieser Erzählung bietet Fontane zu Beginn seines Romans „Effi Briest“, wenn die schaukelnde Siebzehnjährige zur Mutter gerufen und ihrem Zukünftigen vorgestellt wird.

So betrachtet ändert sich für die Titelheldin des Märchens nach dem Shutdown einfach alles: … und da fällt mir die Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst ein, die zum Heiraten nach St. Petersburg geschickt wurde und – damit war ja auch nicht zu rechnen – zu Katharina der Großen wurde …
Aber – verzeihen Sie – ich verplaudere mich …

Mit guten Wünschen für Frohe Ostern,
bleiben Sie gesund und
mit Körper und Geist in Bewegung
Dietrich Immel

Sehr verehrte Frau Präses,
ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihren Aufsatz " Wer wird Prinzessin sein, wer Huhn ?" Ich habe ihn wie alle aus Ihrer Feder - ebenso wie die von Frau I. Schwaetzer - mit großem Interesse gelesen. Diese Aufsätze sind wichtig, denn sie prägen nachhaltig das publizischtische Bild unserer Kirche.
Gestatten Sie mir bitte, einen Punkt in Ihrem Aufsatz anzusprechen, der mich sprachlich betrübt, den Gehalt Ihres Aufsatzes indessen nicht berührt. Es ist die Formulierung " Gebrüder Grimm". Hanau, die Geburtsstadt der Brüder Grimm, nennt sich Brüder Grimm Stadt.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Formulierung "Gebrüder ..." verwendet, wenn sich zwei Brüder zum gemeinsamen Betrieb einer Firma zusammenschließen.
Die Brüder Grimm sind zu Recht Hanaus berühmteste Söhne. Dabei gerät leider in Vergessenheit, dass Hanau auch die Geburtsstadt einer bedeutenden Frau ist, die Ende des 20. Jahrhunderts in Hanau zur Welt kam.
Mit Dank und guten Wünschen für die Karwoche und die Osterzeit
Gerhard Lüdecke