Will Gott uns durch Corona strafen?

Gott zieht keine Strippen
Und wir sind keine Marionetten. Wir können uns für richtige oder für falsche Wege entscheiden. Auch beim Umgang mit Corona.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Gott zieht keine Strippen"

Wo ist, wo war Gott in der Corona-Krise? Diese Frage höre ich immer wieder, und erstaunlich oft von Menschen, die religiösen Fragen eigentlich eher distanziert begegnen. Da kommt so ein Virus und nimmt die ganze Welt in den Griff, verändert schlagartig unser Leben, ob wir in einem Dorf im Hinterland von Ruanda leben oder in Hongkong, New York oder Ober­ammergau. Es macht körperliche Nähe zur Gefahr, lässt unsere Gesichter hinter Masken verschwinden, es vernichtet wirtschaftliche Existenzen und erschreckt uns mit Bildern von Gabelstaplern, die Leichen auf Kühllaster hieven.

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen.
Thomas Meyer/Ostkreuz

Warum lässt Gott das zu? Dass auch religiös distanzierte Menschen das fragen, hat vermutlich damit zu tun, dass wir alle versuchen, mit unseren Gefühlen und Gedanken den Sinn hinter unseren Erfahrungen zu verstehen.

Welchen Sinn aber soll dieses Virus haben, das so viel Leid über die Welt bringt? Gott steht hinter dem Virus – sagen manche. In der härteren Variante sehen sie darin eine Strafe Gottes, die uns zur Umkehr bringen soll. In der softeren Variante ist von dem verborgenen Sinn dieses von Gott verursachten Leidens die Rede, den wir irgendwann verstehen werden. 

Wir haben die Freiheit

Aber wie wäre das vereinbar mit dem Gott, von dem der Prophet Jeremia sagt: "Ich weiß wohl, was ich für ­Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides" (Jeremia 29,11)? Wie könnte Gott der Verursacher von unzähligen Toten sein, wenn Jesus, in dem jedenfalls wir Christen das Wesen Gottes in menschlicher Gestalt sehen, gerade nicht getötet hat, sondern geheilt, aufgerichtet und getröstet? 

Wenn, worauf manches hindeutet, auch der Mensch mit seinem destruktiven Verhalten gegenüber der Natur eine wichtige Rolle beim Entstehen dieser Viruskatastrophe einnimmt, dann ist die Antwort vergleichsweise leicht: Leid, das der Mensch unter Missachtung von Gottes ­Geboten verursacht, sollte er nicht Gott in die Schuhe ­schieben. Wir sind nicht als Marionetten geschaffen, ­sondern als Ebenbilder Gottes. Wir haben die Freiheit, den falschen Weg zu gehen und die guten Gebote Gottes zu missachten. Der richtige Weg ist, Verantwortung zu übernehmen und umzukehren zu einer Lebensweise, die die Würde des Menschen achtet, die Natur schont und ­solidarisch mit anderen ist.
Aber damit sind nicht alle Fragen beantwortet. Denn es gibt Naturkatastrophen und Krankheiten, die definitiv nicht auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen sind. 

Die Schöpfung geht weiter

Ich glaube, wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, nach der Gott irgendwo im Himmel thront und die Strippen zieht und dann eben auch, aus welchen Motiven auch immer, auf den Tsunami-Knopf drückt oder ein neues Virus erschafft und auf die Erde schleudert.

Nein, die Schöpfung ist noch nicht vollendet. Sie geht weiter. Es steht noch etwas aus. "Wir wissen" – heißt es bei Paulus – "dass die ganze Schöpfung bis zu diesem ­Augenblick seufzt und in Wehen liegt" (Römerbrief 8,22). Gott ist da. Er wirkt weiter mit seiner schöpferischen ­Liebe, bis die Schöpfung vollendet und sinnloser Tod, sinnloses Leiden endlich überwunden ist.

Wie sollen wir also leben in Corona-Zeiten? Wir ­können darauf vertrauen, dass Gott uns die Kraft geben wird, an dem zu wachsen, was uns begegnet, auch an den harten Erfahrungen. Und uns dabei inspirieren lassen von dem Geist, den Jesus ausgestrahlt hat. Und dem tiefen Vertrauen in uns Raum geben, dass wir nicht auf einen Abgrund zu­gehen, sondern auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der Gott alle Tränen abwischen wird.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren!
Der Artikel, insbesondere der letzte Abschnitt, erinnert mich ein wenig an diese Stelle aus einem alten Kirchenlied: „Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“
Die Corona-Krise stellt uns alle vor enorme Herausforderungen, bringt viele an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit.Viele schöpfen in dieser Situation Kraft und Mut aus ihren Glauben, gehen auch in Zeiten von Corona ihrer Zukunft mit Zuversicht entgegen, hoffen auf einen guten Schutzengel.
Warum lässt Gott das zu? fragen sich andere. Dabei wird immer vergessen, dass Gott uns von Anfang an mit freiem Willen ausgestattet hat, wir uns also auch gegen Ihn, gegen das Gute entscheiden können.
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele Gottbrath

Grundsätzlich ist jegliche Zuschreibung der Situation egal an welchen Verursacher der Lösung nicht zuträglich, dennoch frage ich mich, wie die übrigen biblischen Erfahrungen da einzuordnen wären - nur mal die 10 Plagen im Gegenüber zu den Ägyptern, anlässlich derer ein ganzes Volk bitter leidet und das, wo selbst des Gegners Härte - das Herz des Pharao - letztlich auf Adonai zurückgeführt wird. Gott demonstriert seine Macht, indem er sich selbst die Grundlagen dafür schafft. Am Ende ist das der Indikativ: ich, dein Gott, der Dich aus Ägyptenland geführt hat als Grundlage für den Imperativ der 10 Gebote.
Sicher, es ist das Erste Testament, aber das Zweite ist dem ähnlich:
Gott opfert sein eigenes Kind, um zu zeigen, was er für uns an Liebe bereithält und nutzt dazu Menschenhand.
Ich glaube, dass uns die Ursachenforschung nicht weiterbringt. Für mich zählt die Frage nach dem, was wir daraus lernen können und da sehe ich allerhand Aufträge für Kirche von weltpolitischer, gesamtgesellschaftlicher Tragweite...
Und wenn uns das gelingt, dann bleibt Jeremia 29,11 vollgültig.

Gott zieht keine Strippen? Wenn das wahr wäre, dann könnten wir mit unserem Glauben einpacken, dann wäre es aus mit dem Gott, der „da wirkt alles in allen“ (1. Kor 12, 6). Aber ich will jetzt nicht weiter in den Fehler verfallen, (Halb-)Sätze aus der Bibel nach Bedarf aus dem Kontext zu reißen und zu verabsolutieren.
Warum ignoriert Kirche, was uns doch die Theologie lehrt! Wie Luther damals Erasmus zugerufen hat: „Was bewerkstelligst Du mit diesem Ratschlag anderes, als dass die Worte Gottes vom Ermessen und der maßgebenden Entscheidung der Menschen abhängen, mit ihnen stehen und fallen? Während doch die Schrift das Entgegengesetzte sagt, dass alles mit dem Willen und der Entscheidung Gottes steht und fällt und dass vor dem Angesicht Gottes die ganze Erde stille sein soll.“ (Luther: Vom geknechneten Willen)
Und, aus derselben Quelle: „Hier liegt die höchste Stufe des Glaubens vor: zu glauben, dass er gnädig ist, der so wenige rettet und so viele verdammt, zu glauben, dass er gerecht ist, der durch seinen eigenen Willen uns notwendig verdammenswert macht, so dass es scheint, wie Erasmus sagt, dass er an den Qualen der Unglücklichen Gefallen habe und mehr Hass als Liebe verdiene. Wenn ich also auf irgendeine Weise verstehen könnte, wie dieser Gott barmherzig und gerecht sein kann, der so viel Zorn und Ungerechtigkeit an den Tag legt, wäre der Glaube nicht nötig.“
Warum verschweigt Kirche, dass es neben dem in den Evangelien verkündeten, liebenden Gott, auch den verborgenen, zornigen Gott gibt, dessen Willen wir erst am Ende der Zeiten verstehen werden? Ja, wir wissen nicht, warum Gott das ganze Elend auf der Welt zulässt – es vielleicht selbst wirkt -, aber wir glauben trotzdem daran, dass er alles einhalten wird, was er zugesagt hat. Alles Weitere wäre eine Spekulation darüber, mehr zu wissen, als Gott uns offenbart hat.
Das radikal zu bekennen würde uns die Authentizität zurückgeben, die die Menschen vermissen, wenn sie sich von Kirche abwenden: „Der Mensch hat in Ehrfurcht hinzunehmen, dass Gott einen doppelten Willen hat, er ist Heilsgott und Weltgott.“ (Günter Rohrmoser, Höher als alle Vernunft ... : die Aktualität der Reformation heute, Windsbach 2017, S. 244). Das müssen wir verkündigen!