Präses Annette Kurschus über Entschleunigung durch Corona

Entschleunigung? Von wegen!
Viele organisieren mit großem Aufwand, was nicht stattfinden kann. Andere quält innere Unruhe. Wie geht: langsam?

Vorgelesen: Auf ein Wort "Entschleunigung? Von wegen!"

Er ist langsam. Erschreckend langsam. Viele verspotten ihn, halten ihn für schwachsinnig. Doch er macht aus der Not eine Tugend. Gleicht seine Langsamkeit mit Ruhe und Besonnenheit aus, mit Präzision und hellwachen Sinnen für alles um ihn herum. So zeichnet Sten Nadolny den Helden in seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit". Als ich den Roman vor Jahren zum ersten Mal las, ahnte noch niemand etwas von SARS-CoV-2, diesem kleinen Virus, das seit vielen Wochen unser Leben im Griff hat und unserer Gesellschaft eine gigantische Vollbremsung aufzwingt.

Jetzt, in Zeiten höchst unfreiwilliger Langsamkeit, nahm ich Nadolnys Roman noch einmal zur Hand. Und frage mich beklommen: Kann ich, können wir überhaupt langsam?

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
EKvW

Unser Alltag ist Tempo und volle Terminkalender, durchgetaktet auf Jahre hinaus. Plötzlich muss ein Termin nach dem anderen abgesagt werden. Physische Treffen werden zu Videokonferenzen, selbst zu Chor- und Orchesterproben trifft man sich – wenn überhaupt – digital von einzelnen Wohnzimmern aus. Eine paradoxe Geschäftigkeit treibt uns durch die Tage. Mit hohem Aufwand wird organisiert, was nicht stattfinden kann. Von wegen "Entdeckung der Langsamkeit". Selbst diejenigen, die in Quarantäne sind oder in Kurzarbeit oder gar nicht tätig sein dürfen, erzählen, wie an die Stelle des äußeren Tempos eine quälende innere Unruhe tritt, wie sie in Atem gehalten sind von Sorgen und Ängsten, vor allem von der unablässigen Frage: Wann hört dieser Spuk endlich auf? Und was ist danach? Nichts mehr wie zuvor?

Ausgerechnet Langsamkeit ist in einem Ausnahmestand nicht gut zu ertragen

Niemand wagt eine Antwort. Nein, viel verwirrender: Jeder und jede gibt eine andere Antwort. Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht. Niemand weiß es. Mag sein, dass ausgerechnet Langsamkeit in einem solchen Ausnahmezustand tatsächlich nicht gut zu ertragen ist.

Also aus der Not eine Tugend machen wie der Held in Nadolnys Roman? Hellwache Sinne entwickeln, aufmerksam wahrnehmen, was ist – und womöglich daraus lernen? Ob das geht, während so vieles nicht geht? Wenigstens das? Oder ist es zynisch, darüber nachzudenken – angesichts all derer, die gerade ihr Leben lassen oder ihre Existenzgrundlage verlieren oder mit ihrer Not gänzlich aus dem Blick geraten?

In der Familie meiner Großmutter gab es eine Tradition. Wann immer sie zu einem größeren Fest einluden; wann immer sie wichtige Ereignisse in der näheren oder ferneren Zukunft planten, setzten sie unter die entsprechenden Schreiben den Zusatz: "Sub conditione Jacobaea", zu Deutsch: "Unter der Bedingung des Jakobus". Damit meinten sie das, was in der Bibel unter Jakobus 4,15 zu lesen ist: So Gott will und wir leben.

Unser Leben ist so verletzlich

Dieser vertraute Vorbehalt gewinnt für mich in diesen Wochen einen ganz neuen Klang. Unser Leben ist so verletzlich. Wir haben es nicht in der Hand, schon gar nicht im Griff. Selten zuvor wurde uns das derart empfindlich bewusst. Niemand kann derzeit realistisch weiter planen als bis in zwei oder drei Wochen.

In allem, was wir nicht wissen und nicht planen können, bleibt eine Art Oberlicht offen. Ein lichtes Einfallstor für ungeahnte Möglichkeiten. Die Hoffnung auf eine Kraft, die über menschliches Vermögen hinausgeht und unserem menschlichen Unvermögen aufhilft. Solche Hoffnung schärft die Sinne, macht hellwach, ruhig und besonnen, nährt das Herz und beflügelt den Verstand. Im besten Fall hilft sie zu einem Mut, der nicht fahrlässig ist. Und den brauchen wir jetzt. Nötiger denn je.

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