Präses Annette Kurschus über den "Religionsunterricht für alle"

Lernen, was die anderen glauben
Wenn Schüler einer Klasse den Religionsunterricht gemeinsam haben, stärkt sie das für ihr Leben in einer vielfältigen Gesellschaft.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Lernen, was die anderen glauben"

Elif kommt aus Ankara, Max ist in Gelsen­kirchen geboren. Beide gehen in die ­neunte Klasse und besuchen dieselbe Schule. Mathe, Deutsch und Bio stehen auf dem Plan. Und Reli. Für ­beide. Und heute mal nicht in getrennten Räumen. Heute lernen Elif und Max gemeinsam, mit- und voneinander. An ihrer evangelischen Schule probiert man es gerade aus. Projekt- und phasenweise. Indem Elif und Max auch etwas vom ­Glauben der jeweils anderen erfahren, lernen sie, ihren eigenen Glauben tiefer zu verstehen. Das ist das Ziel.

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
EKvW

Wer war Jesus Christus? Und wer ist er für dich? Was hat es mit Mohammed und den fünf Säulen auf sich? Warst du auch schon mal in Mekka? Katholische, evangelische und muslimische Lehrkräfte gestalten den Unterricht in gemeinsamer Verantwortung. So erfahren ­Schülerinnen und Schüler, was die meisten von zu Hause nicht mehr kennen: die Begegnung mit gelebter Religion.

Die Kritiker wittern Gleichmacherei und Vermischung. Sie fragen: Geben wir zunehmend auf, was uns selbst kostbar ist? Verwässern wir unsere Inhalte? Ich nehme die Bedenken sehr ernst – und frage dennoch zurück: Könnte nicht gerade der Dialog mit anderen das eigene Profil schärfen und stärken?

Auf unterschiedliche Bedürfnisse antworten

Die erhitzten Diskussionen zeigen: Rund um den ­Religionsunterricht ist eine Menge in Bewegung. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Die Erfahrungen und Bedürfnisse sind unterschiedlich. Während es in ländlichen ­Regionen, wo noch viele katholische und evangelische Familien leben, weiterhin den klassischen Religions­unterricht getrennt nach Konfessionen gibt, unter­richten anderswo katholische und evangelische Lehrer die ­wenigen Kinder gemeinsam. In manchen Städten geht man wie in Gelsenkirchen längst weiter und bezieht ­muslimische Lehrkräfte mit ein.

Bildung ist ein lebendiger Prozess. Sie will junge ­Menschen befähigen, sich in der gegenwärtigen Zeit und Welt zu orientieren, das Eigene zu verstehen und das ­Fremde zu achten und Verantwortung in unserer Gesellschaft zu übernehmen. Das gilt in besonderer Weise für religiöse ­Bildung. Wir leben in einer Welt, in der die Bedeutung von Religion eher zu- als abnimmt. Und wir leben in einem multireligiösen Land. Allein in Nord­rhein-Westfalen, wo Elif und Max zu Hause sind, wird Religions­unterricht für acht verschiedene Bekenntnisse erteilt.

Religion prägt das Leben

Manche stellen Religion als Unterrichtsfach deshalb gänzlich infrage. Sie sagen: Es fehlt eine gemeinsame Grundlage. Und: Religion ist Privatsache. Ich halte solche Argumente für riskant. Allgemein­bildung bleibt unvollständig, wenn sie Reli­gion als prägende Lebensdimension 
und als starkes Identitätsmerkmal ausklammert. Wir ­nehmen gegenwärtig wahr, wie reaktionäre und fundamentalistische Kräfte an ­Boden gewinnen. Beileibe nicht nur 
im Islam. Solche Kräfte ­entfalten sich am besten still und heimlich, sie gedeihen in unbeachteten Nischen besonders gut und entwickeln bisweilen gefährliches Potenzial.

Weil unser Land religiös so vielfältig ist, müssen wir junge Menschen dabei unterstützen, sich mit dieser Vielfalt auseinanderzusetzen, sich in ihr zurechtzufinden und eine eigene religiöse Identität zu entwickeln. Hier kommt dem Religionsunterricht eine Schlüsselrolle zu.

In Gelsenkirchen steht in diesen Tagen die Passions­geschichte Jesu auf dem Lehrplan. Elif staunt über ­diesen Gott, der am Ende den Tod besiegt. Gibt es in ihrem ­Glauben auch eine solche Hoffnung? Und Max? Er denkt anders über Ostern nach, weil Elif nicht lockerlässt: "Wenn dein Gott stärker ist als der Tod – macht das nicht auch dich irre stark?" Max’ Antwort würde ich zu gern hören . . .

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren!
Wie soll man sich mit anderen Religionen auseinandersetzen, wenn man nicht wenigstens in Grundzügen die eigene kennt? Zunächst sollten Heranwachsende daher über ihre eigene Religion Bescheid wissen.
Nach meinen langjährigen Erfahrungen mit Grundschulkindern im Religionsunterricht, hatten diese stets ein großes Bedürfnis nach Religion, gibt ihnen die Beschäftigung damit doch Orientierung und Sicherheit in einer ihnen immer komplizierter erscheinenden Welt. So fragte mich einmal ein Zweitklässler: „Wann kommst du wieder in unsere Klasse und erzählst uns von dem tollen Mann?“ Er meinte Jesus, der die Menschen liebt und ihnen sagt, was gut und böse ist und wie man friedlich miteinander umgeht.
Haben Kinder in ihrer Klasse etliche Mitschüler anderen Glaubens, so interessieren sie sich in der Regel dafür und stellen dazu entsprechende Fragen. Religion ist aber wohl kein „Schulfach“ im üblichen Sinne. Daher sollte man vorsichtig sein, generell so damit umzugehen, als würde man Mathematik, Deutsch oder Biologie mit allen gemeinsam unterrichten. Vor bestimmten religiösen Festen dagegen hat es sich bewährt, mit Schülern unterschiedlicher Konfession gemeinsam über deren Bedeutung für die jeweilige Religionsgemeinschaft zu sprechen.
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele Gottbrath

Sehr geehrte Frau Kurschus,
die Auffassung, dass "Schüler einer Klasse den Religionsunterricht gemeinsam haben, stärkt sie für das Leben in einer bunten Gesellschaft" kann ich nur beipflichten. Ich halte wie Sie, das Argument Religion sei Privatsache oder dass Religionsunterricht aufgrund der verschiedenen gelebten Bekenntnisse grundsätzlich infrage zu stellen, für riskant. Religion ist eine prägende Lebensdimension und ein starkes Identitätsmerkmal.
Wenn aber im Religionsunterricht in Gelsenkirchen Elif staunt über diesen Gott, der am Ende den Tod besiegt, ist etwas falsch gelaufen: Von den damals herrschenden Römern in Israel wurde Jesus, Gottes Kind wie wir alle, getötet, weil er die Forderung nach Liebe unter den Menschen nicht nur gepredigt sondern auch gelebt hat. Er ist als Feind der Herrschenden ans Kreuz geschlagen worden. Das Jesus am Ende den Tod besiegt hat, ist ein Glaubensdogma der Kirche und somit ein zu hinterfragender Sachverhalt des Religionsunterrichts.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Pfennig