Gegen Fake News hilft der konsequente Faktencheck

Das riskante Spiel mit der Angst
Alternative Fakten sind leicht 
zu lesen, billig und populistisch. Wer sie einfach nachplappert, vergiftet sich und andere.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Das riskante Spiel mit der Angst"

"Lügen haben kurze Beine!" sagt man. ­Deshalb kommen sie nicht weit. Deshalb stolpern sie früher oder später über die eigenen Füße. Denn: "Ehrlich währt am längsten!" Echt? Vor drei Jahren, im September 2016, äußerte das Magazin Cicero schon ­
"so ein Gefühl", dass die Wahrheit hinterherhinkt.

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Martina Chardin

Heute ist bereits von einem neuen Zeitalter die ­Rede: "postfaktisch". Ein Hauch von Tatsache, reichlich ­Stimmungsmache und ein gewagtes Pfund Fantasie. Der alternative Faktensmoothie. Leicht bekömmlich. Billig. Populistisch. Die "gefühlte Wahrheit" kümmert kein ­Faktencheck. Verschwörungsfantasien blühen. Fake News geistern durch die Medien. Der Klimawandel sei er­funden, um Forschungsgelder zu ergaunern und Menschen ihrer Bewegungsfreiheit zu berauben. Politiker seien Mario­netten geheimer, vermutlich zionistischer Mächte. Der Staat sponsere Flüchtlingen ein Handy und zahle jedem 700 ­Euro Weihnachtsgeld. Die Liste des Unsinns ließe sich leicht fortsetzen.

Schleichend beeinflusst Propaganda unsere Wahrnehmung

Dieses Spiel mit der Wahrheit – geteilt, geliked, geglaubt – ist riskant. Es ist nicht neu, dass "die" Wahrheit nicht so einfach zu haben ist, schon gar nicht ohne unsere Wahrnehmung und den Austausch darüber. Was ich wahrnehme, was ich für wahr halte, ist abhängig von meinem Wissen und meinen Erfahrungen, von meinen Empfindungen und Befürchtungen. Genau das machen sich die neuen Rechten raffiniert zunutze. Sie spielen mit gesellschaftlichen Ängsten und Unsicherheiten und senden falsche
Tatsachenbehauptungen als "alternative Fakten" in die Welt. So befeuern sie Ressentiments gegen "Klima-Gretas, Kopftuchmädchen und Lügenjournalisten".

Schleichend beeinflusst solche Propaganda unsere Wahrnehmung. Das ist ein Spiel mit dem Feuer, weil es das gesellschaftliche Klima vergiftet und das Misstrauen in unsere demokratische Kultur stärkt.

Schon 2017 erkannte die Amadeu-Antonio-Stiftung für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur, dass Pseudo- und Propagandawahrheiten "eine breite Anschlussfähigkeit in die demokratische Mitte der Gesellschaft" ­hinein besitzen.
Was tun? Zunächst: informieren und kommen­tieren statt nachplappern. Denn ich bleibe verantwortlich für das, was ich für wahr halte. Da wird niemand mit dem ­Finger auf andere zeigen können – die Medien, die ­Politiker, die Rechten, das Internet! Der Faktencheck ist und bleibt ­unsere Aufgabe. Er stärkt die demokratische Debattenkultur und die Wahrheit selbst.

Hope statt Hate Speech

Und dann: Hope statt Hate. Je mehr es gelingt, eine gesellschaftliche Kultur des Vertrauens und der Zuversicht zu pflegen statt Nörgelei und Untergangsstimmung, ­desto kleiner wird der Resonanzraum für Fake News und Hate Speech. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür gab der "Pavillon der guten Nachrichten" auf dem Dortmunder Kirchentag. Dort wurden "gute Nachrichten vom blauen Planeten", positive Trends und Statistiken gesammelt und verbreitet: "Fridays for Future", "Pakistan pflanzt in zwei Jahren eine Milliarde Bäume", "Zahl der HIV-Infektionen binnen 20 Jahren halbiert", "180 000 Bienen auf dem Dach von Notre Dame wurden vom Feuer verschont".

Dort hat man nicht die Augen vor den Tatsachen ­verschlossen, sondern das Engagement für das Klima, für Gerechtigkeit und Humanität gestärkt. Kein Fake! Hope statt Hate! Das ist unser christlicher Auftrag, das ist die Aufgabe unserer Kirchen als Resonanzräume der einen "Guten Nachricht", des Evangeliums. Denn am Ende bleibt’s dabei: "Lügen haben kurze Beine!" Auch wenn sie derzeit auf Stelzen durch die Welt laufen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
die neue Ausgabe von Chrismon ist mal wieder unnachahmlich:
Vorn im Heft geißelt Präses Kurschus „das riskante Spiel mit der Angst“. Diese Angst verbreiten natürlich die bösen „Rechten“. Weiter hinten lehrt Franz Alt die „zwölf Gebote fürs Klima“, um die Erde vor dem „Kollaps“ zu bewahren. Zwar lässt sich das Wetter der nächsten zwei Wochen selten exakt vorhersagen, doch dass es in Deutschland in 60 Jahren heiß wie in Afrika sein könnte, wissen die Klimapropheten genau. Sind das etwa keine Angstszenarien, um politische Forderungen durchzudrücken?
Mit freundlichen Grüßen
Claus Michael Schmidt