Irmgard Schwaetzer über die Gedenkstättenarbeit

Der unverzichtbare Blick zurück
Wenn Rechtspopulisten Streit anzetteln über die Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit, 
heißt es, Position 
zu beziehen.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Der unverzichtbare Blick zurück"

Die Feindseligkeit wächst weiter. – So oder ähnlich lauteten die Überschriften zu den Berichten über eine Studie der EU-Grundrechteagentur zu "Erfahrung und Wahrnehmung von Antisemitismus", veröffentlicht Ende 2018. Die Befragungen erfolgten in zwölf EU-Staaten. In Deutschland wurden 1233 Personen befragt. 41 Prozent der befragten Juden in Deutschland ­gaben an, in den letzten zwölf Monaten Antisemitismus erlebt zu haben. Dabei waren es in etwa 40 Prozent der Fälle Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen oder Mitschüler, die Juden antisemitisch beleidigten oder ausgrenzten.

Irmgard Schwaetzer

Irmgard Schwaetzer, Bundesministerin a. D., ist Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Heraus­geberin des Magazins chrismon.
Thomas Meyer / Ostkreuz

Diese Zahl ist erschreckend, gerade angesichts der Er­innerung unserer nationalsozialistischen Vergangenheit und der Schoah, die in den Schulen, Gedenkstätten und an vielen anderen Orten wachgehalten wird. Die Vergangenheit ist Teil der Geschichte eines jeden, der hier lebt – egal ob zugezogen oder seit Generationen hier lebend. Es liegt an jedem von uns, jederzeit entschieden für die Rechte und die Unversehrtheit der jüdischen Bürgerinnen und Bürger einzutreten, um ihr Vertrauen in ihre Zukunft in Deutschland zu stärken.

Deshalb ist es auch so wichtig, in dem von Rechtspopulisten angezettelten neuen Streit über die Erinnerungs­kultur klar Stellung zu nehmen. Aus der Vergangenheit ­können wir nur lernen, wenn wir die Erinnerung wach­halten: daran, dass das politische Klima vergiftet, Meinungsfreiheit unterdrückt wurde, dass Menschenrechte ausgehebelt, 
schließlich ganze Bevölkerungsgruppen bedroht, ver­trieben und schließlich systematisch ausgelöscht wurden. Ohne Kenntnisse über diese Zeit lassen sich viele aktuelle gesellschaftliche Debatten und Probleme gar nicht nachvollziehen. Provokationen der Rechtspopulisten knüpfen häufig an Vorurteile und Zuschreibungen an, die während der Zeit des Nationalsozialismus gezielt zur Ausgrenzung und Tötung von Jüdinnen und Juden eingesetzt wurden.

"Gerade angesichts der Bedrängnis von Jüdinnen und Juden muss die Zivilgesellschaft widerstehen, wenn Menschen abgewertet werden"

Die Kenntnisse über diese Zeit gilt es weiterzugeben, damit das "Nie wieder!" kraftvoll bleibt, das in der ersten Nachkriegsgeneration unter anderem die Entwicklung des Friedensprojektes Europa vorangetrieben hat. Für diese Weitergabe sind wir gemeinsam verantwortlich. Gerade angesichts der Bedrängnis von Jüdinnen und Juden heute muss die Zivilgesellschaft widerstehen, wenn Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.

Auch weitere Wege der Geschichtsvermittlung zu ent­wickeln ist aller Mühen wert. Es gibt in Deutschland bereits Gedenktage: zum Beispiel den 27. Januar, der seit 1996 an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Es gibt das Denkmal für die ermordeten Juden, das mitten in Berlin unübersehbar an den Zivilisationsbruch der Schoah er­innert und das mit seinem "Ort der Information" Millionen Menschen in jedem Jahr besuchen. Es gibt Gedenkstätten, die an regionale Geschehnisse anknüpfen mit Gedenkbüchern, eigenen Gedenktagen oder Erinnerungsstelen. Stolpersteine verweisen auf deportierte und ermordete Nachbarn. An weiteren Ideen ist kein Mangel: moderierte Generationendialoge, modernere Ausstellungen, die Einbindung in touristische Angebote, digitale Vernetzung.

Einen hohen Wert haben die Gedenkstätten auf dem Gelände von Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Oranienburg oder Dachau. Die Versöhnungskirche auf dem Gelände des Konzentrationslagers Dachau weist auf das Versagen weiter Teile der evangelischen Kirche während 
der Zeit des Nationalsozialismus hin. An vielen dieser ­Lern­orte werden Schülerprojekte realisiert, Tausende von Besuchern setzen sich der Erinnerung an die Geschichte aus. Es ist eine wichtige Grundlage dafür, dass wir die ­Würde aller Menschen auch in Zukunft schützen.

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