Gerüchte können eine Gesellschaft zerstören

Anonyme Kritik ist vernichtend
Warum eine offene 
Gesellschaft auf ehrliche und identifizierbare Kommunikation 
angewiesen ist

Vorgelesen: Auf ein Wort Anonyme Kritik ist vernichtend

Gerüchte sind ein heimtückisches Gift. Sie verbreiten sich unkontrolliert. Und die Betroffenen haben kaum eine Chance dagegen, weil sie nicht wissen, wer alles die Falschinformationen erhalten hat. Und von wem sie stammen. Und das Schlimmste ist: Selbst wenn sie mit Fakten widerlegt sind, bleibt etwas hängen.

Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen­ Kirche in Bayern und Herausgeber des Magazins chrismon
Thomas Meyer/Ostkreuz
Vor vielen Jahren erzählte mir jemand von einer außer­ehelichen Liebesbeziehung einer prominenten Person. Die Geschichte gipfelte in einer pikanten Ohrfeigen-Szene zwischen den Eheleuten. "Ich weiß es von einer hundertprozentigen Quelle", so wurde mir versichert. Als ich dem Betroffenen davon erzähle, seufzt er und erklärt, warum diese über ihn verbreitete Geschichte gar nicht wahr sein kann.

Ich habe das nie vergessen. Was mich daran am meisten entsetzt, ist die tiefe Gewissheit, mit der mir der Mensch, dem ich keinerlei Böswilligkeit unterstelle, diese Falsch­information erzählt hat. Und auch der Seufzer des Be­troffenen klingt bei mir nach. Welche schlaflosen Nächte mag ihm dieser Rufmord bereitet haben, dem er hilflos ausgeliefert war? Jede öffentliche Stellungnahme dazu hätte die Sache verschlimmert und erst richtig Aufmerksamkeit und gesteigertes Interesse für sein Privatleben erzeugt.

Die lawinenartige Macht der Gerüchte

Als sich diese Geschichte zugetragen hat, gab es noch keine sozialen Netzwerke. Schon damals war die Multi­plikation des Gerüchts schlimm. Heute verbreiten sich Gerüchte rasend schnell über die sozialen Medien im Netz. Sie bekommen lawinenartig Macht und Zer­störungskraft.

Falschinformationen sind zum gezielt eingesetzten ­Mittel der politischen Auseinandersetzung geworden. Rechte Gruppen verbreiten etwa erfundene Geschichten über Flüchtlinge, um ihre fremdenfeindliche Agenda zu untermauern. Wahlkämpfe werden von fremden Staaten beeinflusst. Fake News haben eine Entwicklung in Gang gesetzt, in der es immer schwieriger wird, zwischen Nachrichten und Gerüchten zu unterscheiden. Gut, dass es ­Qualitätsjournalismus gibt, bei dem man auf verlässliche Information vertrauen kann.

Der größte Förderer des Gerüchts ist die Anonymität. Wer Gerüchte über einen Menschen streut oder nährt, tut das aus der Deckung – aus Feigheit oder aus Kalkül. ­Natürlich kann es auch gute Gründe geben, aus der ­Deckung heraus zu handeln – etwa aus Angst, dass der ­andere am längeren Hebel sitzt und in der offenen Konfrontation die Vernichtung droht. Um solchen Situationen – etwa wenn es um sexuelle Belästigung geht – zu begegnen, gibt es die sinnvolle Einrichtung einer Ombuds­-
person. Die muss aber dann auch tatsächlich dafür sorgen, dass die Vorwürfe ­geklärt werden. Denn ungeklärte Vorwürfe können vernichten.

Verantwortung übernehmen für das, was man sagt

Für das einstehen, was wir sagen: Im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben ist das die Grundlage für ein gutes Zusammenleben. Eine offene Gesellschaft ist auf ehrliche und identifizierbare Kommunikation ange­wiesen. Denn sie lebt vom Diskurs, in dem Argumente ausgetauscht werden. Sie lebt davon, dass Menschen, die sich am Diskurs beteiligen, auch Verantwortung für das übernehmen, was sie sagen. Jesus fragt einmal seine Jünger: "Wer, sagen die Leute, dass ich sei?" Als die Jünger ihm berichten, will er wissen: "Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei?" (Markus 8,27).

Beziehen wir Position und stehen wir dazu. Wahr­haftigkeit und Mut sind die beste Antwort auf die Fake News unserer Tage.

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Lesermeinungen

Gerüchte waren schon immer eine üble Sache, mit der heute möglichen Verbreitungsgeschwindigkeit ist dieses Übel zweifellos nicht harmloser geworden – soweit ist dem Herausgeber klar zuzustimmen. Aber dann sein kleiner Rundumschlag bzgl. Fake News und Qualitätsjournalismus: Als einer, der sich seit Jahren auch im Internet (nicht in den sozialen Medien!) politisch informiert, kann ich nur sagen: Eigentlich ist Herr Bedford- Strohm um sein naives Weltbild zu beneiden, mit Qualitätsmedien und klar lokalisierbaren Ursprüngen von Fake News – eine vielleicht noch relativ „gemütliche“ Welt. Ich hingegen teile inzwischen die Erfahrung von Millionen, und es werden immer mehr: Fake News und Gerüchte auch in der Tagesschau, in den HEUTE-Journalen, in den sog. Qualitätsprintmedien. Beispiele gibt es unzählige, könnte ich jederzeit nachliefern. Das sind meistens keine „Last-minute-Pfuscharbeiten“ wie sie überall passieren können, sondern „gezielt eingesetzte Mittel der politischen Auseinander-setzung“ – keineswegs nur in rechten Gruppen, sondern von Regierungen (allen!) und mächtigen Lobbyisten in die Welt gesetzt, um die „Wirklichkeitswahrnehmung der Menschen“ zu „managen“. Und zum Qualitätsjournalismus fällt mir immer als Erstes ein: Die ARD-Berichterstattung über den Ukraine-Krieg wurde vor ein paar Jahren vom Programmbeirat einmal gründlicher untersucht. Das Urteil war vernichtend, der Intendant soll vor Wut geschnaubt haben: „Einseitig mangelhaft, tendenziös“ sei die Berichterstattung insgesamt, so das Fazit.

Was die „Wahrheit“ anbelangt, die wir alle so dringend bräuchten und daher auch permanent suchen sollten, leben wir seit „1984“ in einer Welt, in der Folgendes gilt: „Ein Konzept von Wahrheit wird verschwinden in dieser Welt. Lügen werden Einzug halten in die Geschichte. In Zeiten umfassender Täuschung wird das Überbringen der Wahrheit zu einem revolutionären Akt“ (George Orwell). Dass sogar Professoren und Experten völlig daneben liegen können, gehört auch zu dieser Welt. Und die Mächtigen betrachten die Welt so: „Daran werden Sie erkennen, dass unser Desinformationsprogramm vollendet ist: Alles, was die amerikanische Öffentlichkeit glaubt, ist falsch“, der neue CIA-Chef William Casey in seiner Antrittsrede vor den Oberen des Hauses, 1981. Mitten in unserer vermeintlichen Informationsgesellschaft also allgegenwärtige Desinformation – auch das musste ich bei meinen z.T. jahrelangen Recherchen großer politischer Themen leider schmerzlich einsehen. Noch versammelt sich die Mehrzahl der Menschen in den „Echokammern des Mainstreams“, glaubt an die „offiziellen Narrative“ und „vertraut auf Qualitätsjournalismus“. Es ist klar absehbar, dass die historische Entwicklung diese Mehrzahl auf dem falschen Fuß erwischen wird, unter ihnen die meisten ranghöheren Vertreter der beiden christlichen Kirchen in diesem Lande. Vielleicht sollten sie sich mehr kümmern um das „prophetische Wächteramt“ der Kirche und ihr naives Weltbild einer kritischen Prüfung unterziehen. Die Schriftpropheten jedenfalls waren allesamt nicht „mainstream“, sondern politische und theologische Dissidenten! Und der Herr der Kirche ? Plädiert dafür, dass die Wahrheit die Menschen frei machen würde – auch die politische Wahrheit!

Der Kritik an anonymen Falschinformationen kann man natürlich nur zustimmen. Mich stört die einseitige politische Stellungnahme gegen rechte Gruppen. Man muss schon differenzieren zwischen rechten Gruppen und rechtsextremen. Die EKD sollte sich im Eigeninteresse auf die Anprangerung des Rechtsextremismus beschränken. Eine rechte Gesinnung, die auf dem Boden des Grundgesetzes steht, ist von der EKD zu tolerieren. Bedford-Strom ist als Ratsvorsitzender kein rot-grüner Politiker, wenn er auch Mitglied der SPD ist , sondern er gibt die Stellungnahme ab als Ratsvorsitzender der EKD. Im übrigen verbreiten nicht nur rechtsextreme Gruppen Falschmeldungen sonder viel raffinierter auch Gruppen des links-grünen Spektrums. So hat z. B. die Grünenabgeordnete Claudia Roth getönt, die hunderttausenden von unreguliert zugewanderten Menschen 2015 seien alles Flüchtlinge aus Syrien gewesen, was nicht stimmt. Ein großer Teil waren Migranten, die man nicht hätte aufnehmen müssen, die sich auch nicht in einer Notlage befanden. Das staatliche Fernsehen, das Sie zum Qualitätsjournalismus zählen dürfen, hat ganz überwiegend Bilder von Frauen und Kindern gezeigt und damit die Wirklichkeit verfälscht. Eine ausgewogenere Stellungnahme des Ratsvorsitzenden der EKD wird dringend angemahnt.