Jüdisches Leben schlägt wieder Wurzeln in Deutschland, die Gemeinden wachsen.

Es gilt, diesen Schatz sorgsam zu hüten.

Auch in meiner Heimatstadt Neuss folgten Menschen den Hasstiraden des Nazi-Chefpropagandisten Joseph Goebbels, als dieser am 9. November 1938 zu "Aktionen" gegen die Juden aufrief - vorgeblich um die Ermordung eines deutschen Diplomaten zwei Tage zuvor zu rächen. Doch in Wahrheit war alles von langer Hand vorbereitet.

Die von der NSDAP im ganzen Land organisierten Gewalttaten bezeichnete das Regime als "berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes", während der Volksmund voller Häme die zu Bruch gegangenen Schaufenster zum Anlass nahm, von der "Reichskristallnacht" zu sprechen. Das Brandschatzen in dieser Nacht war ein weiterer, sichtbarer Schritt auf dem verbrecherischen Weg zu Vertreibung und Vernichtung der Juden.

"Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande"

"Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande", heißt es in Psalm 74. Dietrich Bonhoeffer unterstrich den Satz in seiner Bibel, schrieb an den Rand: "9.11.1938". Bonhoeffer, der seinen Vikaren einschärfte: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen", war nicht der Einzige, der so dachte und dies auch mutig aussprach. Viele, allzu viele andere Christen aber schwiegen, ließen geschehen oder machten sogar mit. Und so bleibt es bis heute ein Auftrag der christlichen Selbstbesinnung und insbesondere der Theologie, der Frage nachzugehen: Wo hat Judenfeindschaft auch in der kirchlichen Verkündigung dazu beigetragen, einen Antisemitismus zuzulassen oder gar zu befördern, der in der Shoa mündete? Papst Johannes XXIII. formulierte in einem Gebet kurz vor seinem Tode: "Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat die Tränen geweint, die wir verursacht haben."

In diesem Jahr wurde an vielen Orten, in Synagogen, Kirchen und auch im Deutschen Bundestag, der Pogromnacht vor 70 Jahren gedacht. Mit Scham müssen wir registrieren: Im zweiten Quartal 2008 wurden insgesamt 266 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gemeldet. Aufrichtige Erinnerung tut not. Das Wissen um das grauenvolle Geschehen und die Lehren daraus müssen auch an die jüngere Generation weitergegeben werden.

Das Wissen und die Lehren müssen an die Jüngeren weitergegeben werden

Vieles geschieht schon heute. Unweit der niedergebrannten Synagoge von Neuss steht heute eine Skulptur von Ulrich Rückriem. Schülerinnen und Schüler wechselnder Schulen gestalten die jährliche Gedenkfeier mit, schildern dabei ihre Versuche, sich der Geschichte zu nähern, um aus ihr lernen zu können. Jüdisches Leben schlägt wieder Wurzeln: Die Gemeinden wachsen, Synagogen werden eingeweiht, endlich wieder Rabbiner ordiniert. 2007 erwarb die Jüdische Gemeinde Düsseldorf einen früheren Kindergarten in Neuss, dort entsteht nun ein Gemeindezentrum. Gemeinsam konnten wir das jüdische Lichterfest feiern. Vor allem Juden aus dem Bereich der früheren Sowjetunion haben die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zur drittgrößten in Europa wachsen lassen. Ganz besonders verdankt sich dieses Wiedererstehen jüdischen Lebens in Deutschland der bewundernswerten Haltung jener Überlebenden des Holocaust, die die Größe besaßen, gegen alle Tränen und Zweifel in ihrer Heimat zu bleiben. Ihre Bereitschaft, diesem Land ein neue Chance zu geben, trug wesentlich zur Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft zivilisierter Völker bei.

Nicht aus Dank dafür oder aus Schuldgefühl sollten wir unsere Stimme gegen den Antisemitismus erheben. Wir sind es der Würde aller Menschen und damit auch uns selbst schuldig.

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