Frieden hat seine Farben. Und Krieg ebenso. Wie deutsche und französische Maler gegen den Ersten Weltkrieg aufbegehrten

"Marc, Macke und Delaunay. Die Sch önheit einer zerbrechenden Welt" heißt eine Ausstellung, die derzeit im Sprengelmuseum in Hannover zu sehen ist. Ich hatte nun mehrmals die Gelegenheit, sie zu sehen, und mich faszinieren drei Themen: die Freundschaft, die Farben und die Brüche. Das sind auch Themen für unsere Zeit, denke ich, Themen für den Dialog unserer Kirche mit Kunst und Kultur und Gesellschaft.

Die beiden expressionistischen Maler Franz Marc und August Macke sind dem Franzosen Robert Delaunay 1912 in Paris und 1913 in Berlin begegnet. Obwohl die beiden Deutschen selbst offenbar gar nicht französisch sprachen, waren sie doch bei beiden Treffen tief beeindruckt durch den Franzosen, dessen Malerei wegen seiner abstrakten Formen dem Kubismus zugerechnet wird. Seine "Fenêtres" (Fenster) faszinieren die beiden Deutschen. Und es ist spannend zu sehen, wie sie in ihren eigenen Bildern die Brüche der Zeit, die Delaunay sichtbar macht, aufnehmen. Ein großer Schritt von den so wunderbar klaren und zugleich gegenständlichen Formen hin zur Abstraktion.

Eine merkwürdige Freundschaft

Es ist eine merkwürdige Freundschaft. Kaum kennen sie sich, sprachlich können sie nicht direkt kommunizieren. Aber das Bild, die Kunst verbindet sie über kulturelle und nationale Grenzen hinweg. Marcs "Rehe im Wald" von 1914 oder Mackes "Großes helles Schaufenster" (1912) zeigen ganz deutlich, wie sie von Delaunay inspiriert sind.

Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus. Den leuchtenden Farben, die ich etwa an dem blauen "Fuchs" von Franz Marc (1911) so liebe, folgen das Grau und Braun etwa des Bildes "Mobilmachung" (1914) von Macke. Der Schmutz der Uniformen sozusagen steht hier gegen die Hoffnungen der Farben. Was hat wohl dieser Künstler gedacht und empfunden, als er so malte? Es bleibt nicht bei den gesplitterten Fenstern, den zerrissenen Bildern. Delaunay beispielsweise zeigt, wie die Gesichter verschwinden, der Eiffelturm zerbricht. Die Kirche Saint Séverin ist bildlich erschüttert. Diese Brüche sind bewegend. Die Künstler haben erspürt, was kommt: welch ein Krieg, was für eine sinnlose, grausame Zerstörung von Leben.

Marc und Macke sterben im Krieg, Marc, bei Verdun von Granatsplittern getroffen, als Leutnant der Landwehr, Macke bei einem Gefecht in der Champagne. Was für verschwendete Talente! Ihr früher Tod mit 36 und 27 Jahren ist bis heute ein Protestschrei gegen den Krieg, denke ich. Und die Freundschaft zu Delaunay über die Grenzen zum "Erbfeind" Frankreich hinweg ein Zeichen für Völkerverständigung bis heute. Solche Freundschaft gab es auch in den Kirchen. Ich denke etwa an den Theologen und Friedensmahner Friedrich Siegmund-Schultze, der sich unermüdlich um einen Brückenschlag über die Grenze bemühte.

Die Kunst spiegelt immer auch die politischen und kulturellen Verhältnisse ihrer Zeit. Das gilt auch für die Theologie. Gut deshalb, wenn Kunst und Kirche über nationale Grenzen hinweg gemeinsam kritisch nach dem Zeitgeist fragen. Ein sehr deutsches Wort übrigens, das in viele Sprachen übernommen wurde. Die Ausstellung in Hannover ist für mich eine Inspiration für einen solchen Dialog: Da sind Bilder der wunderbaren Welt zunächst, Schöpferlob, und dann Bilder des Zerbrechlichen, der zerbrech enden Lebensentwürfe, Kreuzestheologie also. Sie zeigen eine tiefe Sensibilität für das Leben - das Kernthema der Kunst wie der Theologie.

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