Kritik an der Religion?

Eine abgesetzte Oper, Kritik an einer Papstrede, Streit um Mohammed-Karikaturen: Auf vielfältige Weise zeigt sich heute, mit welchem Ernst und aus welcher Sehnsucht heraus Menschen neu nach Religion fragen. "Ich wünsche mir Religionen", so schrieb eine Journalistin, "die Halt und Mittel zur Freiheit sind und keine Offensivwaffen." Viele Diskussionen bestätigen in diesen Wochen, wie recht sie hat. Religionen werden verstärkt daran gemessen, ob sie Halt und Mittel der Freiheit sind. Sie werden gefragt, ob sie Gewalt und Unterdrückung klar genug entgegentreten und Frieden befördern.

Wer anderen kritische Fragen stellt, muss sie auch sich selbst gefallen lassen

Diese Debatte ist nötig. Sie darf nicht dadurch tabuisiert werden, dass jede kritische Nachfrage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt als Angriff auf das religiöse Empfinden des Angesprochenen gedeutet wird. Doch eine Regel sollte man besonders sorgfältig beachten: Wer anderen kritische Fragen stellt, muss sie auch sich selbst gefallen lassen. Oder in einem berühmten Bild des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann: Wenn wir mit einem Zeigefinger auf andere Menschen deuten, weisen wir immer zugleich mit drei Fingern auf uns selbst zurück.

Die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz hat diese Einsicht auf eindrucksvolle Weise beherzigt. Ausdrücklich hat sie erklärt, dass auch die christlichen Kirchen aus ihrer Geschichte die Versuchung der Gewalt kennen und ihr keineswegs immer widerstanden haben. Diese Klarstellung war eine kluge Ergänzung zu der Vorlesung, die Papst Benedikt XVI. während seines Bayernbesuchs in Regensburg gehalten hat. Denn eine solche selbstkritische Haltung bildet eine notwendige Voraussetzung dafür, an den Islam mit der Erwartung heranzutreten, dass er der religiösen Legitimation von Gewalt und der Instrumentalisierung von religiösen Überzeugungen zu politischen Zwecken deutlich und wirksam entgegentritt.

Es geht um die Freiheit insgesamt

Manche Reaktionen auf die Vorlesung des Papstes muss man als maßlos bezeichnen. In ihnen hat sich gezeigt, dass der Karikaturenstreit möglicherweise nur ein Vorspiel für weitere Auseinandersetzungen war. Wenn aus Angst vor Ausschreitungen in der islamischen Welt ein offenes Wort nicht mehr gewagt oder wenn wegen möglicher Bedrohungen eine umstrittene Operninszenierung nicht mehr aufgeführt wird, dann steht mehr auf dem Spiel als die Freiheit der Kunst oder der Meinung. Es geht um die Freiheit insgesamt. Unter falscher Nachgiebigkeit würde nicht zuletzt die Religion leiden. Auch die Religionsfreiheit würde dabei Schaden nehmen. Auf einem anderen Blatt steht, ob jeder sich die Frage gefallen lassen muss, ob er von seiner Freiheit einen guten Gebrauch macht. Auch ein Regisseur muss sich das fragen lassen.

Der kritische Dialog über die Religionen gewinnt an Bedeutung. Vielen wird dabei die prägende Bedeutung des christlichen Glaubens für unsere Kultur neu bewusst. Sehr viele Menschen wünschen, dass die kommenden Generationen im Geist christlicher Nächstenliebe aufwachsen und zugleich lernen, von ihrer Freiheit verantwortlich Gebrauch zu machen. Weil dafür die Quellen des christlichen Glaubens unentbehrlich sind, spricht sich ebenfalls eine große Mehrheit dafür aus, dass in den Schulen ein kundiger Religionsunterricht erteilt und nicht durch einen allgemeinen Ethikunterricht verdrängt werden soll. Wolfgang Huber

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