Geht das wieder weg mit dem Gendern?

Leicht, gerecht, elegant – die Suche nach guter Sprache
Muss das sein mit dem Gender-Doppelpunkt? So arbeiten wir bei chrismon an eine Sprache, die allen gerecht wird und auch noch schön ist.

Das hat uns 2021 die meisten Leser­briefe beschert: das Gendern. Von den unflätigen mal ab­gesehen, gab es vor allem Kritik am Doppel­punkt. Stört beim Lesen, verdirbt den Spaß an chrismon, so der Tenor.

Auch wir sind nicht immer glücklich mit den Sonderzeichen. Zum Glück ist Sprache nichts Statisches, sondern immer in Bewegung. So hat sich zum Beispiel die Expertise zum Gender-Doppelpunkt in den letzten Monaten verändert: Einst gut gemeint als Beitrag zur Inklusion – viele Menschen mit Sehbehinderung lassen sich Texte automatisch vorlesen –, rät die Überwachungs­stelle des Bundes für Barrierefreiheit und Informationstechnik jetzt zum Genderstern. Er sei "barrierefreier und gebrauchstauglicher" als der Doppelpunkt. Und er schließt Menschen ein, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet fühlen.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Wir haben uns in Workshops weiter­gebildet und informiert, wie andere ­Redaktionen arbeiten. Vorläufiges Fazit: Den Doppelpunkt verabschieden wir, im Zweifels­fall nehmen wir eher den ­Asterisk, also den Stern. Aber unsere Sprache kann viel mehr, das haben uns auch Leser geschrieben. Werner Lorenz aus Aachen: "Statt Anleger:innen schreibt man – wer sein Geld anlegt. Statt Brandenburger ­lieber Menschen aus Brandenburg". Genau. In Komposita werden Sie bei chrismon künftig kein Genderzeichen mehr finden, es bleibt also beim Wort Leserbriefe. Wir wechseln ab: die Ärztin und der Kranken­pfleger.

Das Bemühen, für alle und gerecht zu schreiben – das geht nicht mehr weg

Und bevor wir uns vollends verkrampfen, lassen wir auch mal das generische Maskulinum stehen in Fällen, in denen schon klar ist, dass es nicht nur Kerle sind. Nachbarn. Christen. Was wir mit den Pfarrern machen? Da arbeiten wir noch dran. Und mit einer guten ­Geschichte über Transpersonen in Armenien oder den Transjungen im Pfarrhaus haben wir dem Anliegen vermutlich mehr Gehör verschafft als mit zu vielen Sternen. Puh, das alles macht mehr Arbeit, als Doppelpunkte zu verteilen. Bleibt spannend.

Eins ist klar: Das Bemühen, für alle und gerecht zu schreiben – das geht nicht mehr weg. Eine häufige Frage in Leser­briefen: Habt ihr nichts Wichtigeres zu tun als Gendersprache? Och, da blättern Sie mal durch die letzten Hefte. Jung Verwitwete, alleinerziehende Mütter, Verliebte mit Behinderung, Opfer sexualisierter Gewalt. Den Sprachlosen eine Stimme geben, das ist der Auftrag der evangelischen Publizistik. Diese Stimme soll so klingen, wie es sich für diese Menschen richtig anhört. Respektvoll. Dafür strengen wir uns an. Gerne!

Leseempfehlung

Bäckerinnen, Bäcker*innen, BäckerInnen ... Wie kommen Frauen in der Sprache richtig vor?
Das alte Alphabet verstehen viele Junge nicht mehr. Und eine doofe Geschichte hat es außerdem. Ein neues muss her!
Plötzlich ist einer tot. Vier früh Verwitwete erzählen, was passiert ist und wie es weiterging
Zwei Kinder hat sie fortgegeben. Jetzt ist Tobias da, und sie will alles richtig machen
Sie sind verliebt. Aber übernachten, zusammenziehen - dafür müssen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung um Erlaubnis fragen. Sabine Findeisen hat sie begleitet

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,

ich, Winfried Schwabe, halte gerade Ihren Text über die Sprache „leicht, gerecht, elegant…“ in Händen – und bin vollkommen begeistert. Ich schreibe selbst seit Jahrzehnten Bücher (juristische Lehrbücher) und kämpfe seit einiger Zeit mit den Genderzeichen, ohne bislang einen für mich und meine Leserschaft vertretbaren Weg in all dem Schlamassel zu finden. Und dann: Dieser ÜBERRAGENDE Text, diese großartige Leichtigkeit und pointierte Treffsicherheit, die Ihre Worte ausstrahlen. Danke. Das ist der beste Text, den ich über das Thema jemals gelesen habe.
Wunderbar. Danke!
Winfried Schwabe

Sehr geehrte Frau Ott,
mit großer Freude las ich Ihre „Ansage“ zur Revision Ihrer Richtlinie hinsichtlich des „Genderns“. Es ist die erste Zurücknahme einer zur „gendergerechten Sprache“ getroffenen Regelung, die mir bekannt wurde. Glückwunsch zu Ihrem Mut und den guten Worten!
Als Redakteur der Zeitschrift „Musik & Kirche“ musste ich mich zusammen mit unseren Herausgebern auch mit dem Thema beschäftigen. Einvernehmlich haben wir eine Lösung gefunden (Anhang), die Ihrer nicht unähnlich ist und auf den klugen Richtlinie der „Zeit“ beruht, die Sie vermutlich kennen (auch im Anhang).

Herzliche Grüße

Johannes Mundry

Sehr geehrte Frau Ott,
ich habe ihre "Ansage" in chrismon 12/2021 gelesen. Ich bin heilfroh und
erleichtert, das sie sich von dem Gender-Sprech verabschieden wollen,
und sich in Zukunft um eine lesbare, sprechbare und gut verständliche
Schriftsprache bemühen wollen.
Ich ärgere mich täglich, wenn ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
das Sprach-Gestottere der Ansager und Journalisten höre und mit ansehe.
Müssen wir "normal-Denkenden" das ertragen, was ein kleines, aber sehr
sendungsbewusstes und meinungsstarkes Sinus-Milieu uns aufpressen will?
Ich habe denen schon mehrmals geschrieben und mich beschwert. Siehe dazu
die Anlagen zu dieser Mail.
Ich bin katholisch. Und ärgere mich darüber, dass die völlig
reformunfähige mittelalter-fixierte Amtskirche ebenfalls übereifrig zu
gendern anfängt. Haben diese Mumien des 19. Jahrhunderts keine anderen
Probleme? Oder haben sie gar ganz den Verstand verloren? Meine Schreiben
an die kirchlichen Instanzen können sie in den Anlagen zu dieser Mail lesen.

Meine Frau weigert sich inzwischen, Texte oder Bücher zu lesen, in
denen das Gender-Spektakel exerziert wird.

Und was muten wir mit dem Gendern unseren Kindern zu?: Wir haben 7
Enkel. Sechs davon im Schulalter: Erstes, viertes, sechstes, siebtes und
12. Schuljahr. Was tut man diesen armen Kindern mit der Gender-Sprache
an! Haben diese Kinder keine anderen Probleme mit unserer Muttersprache?
Sind vielleicht alle schon perfekt in der Fähigkeit, sich präzise, klar
verständlich und treffend auszudrücken? Sitzen bei allen schon alle
Rechtschreib-Regeln? Können die anschließend überhaupt noch
Vor-Gender-Literaturtexte richtig verstehen?

Ich bin Lesepate in der KiTa. Lese jede Woche 4- bis 7-jährigen
bebilderte Bücher und Kinderbücher vor. Muss ich denen in Zukunft
gegenderte Texte vorlesen? Welcher blödsinnige Wirrwarr würde dann den
noch kleinen und jungen Gehirnen eingetrichtert?

Wie unsinnig und sprachlich falsch die Gender-Exzesse sind, kann man am
besten einem Artikel von Prof. Olav Hackstein entnehmen, veröffentlicht
in der FAZ vom 18. 10. 2021, Seite 6. Den kennen sie ja bestimmt auch.

Mit Leser-freundlichen Grüßen

Guten Tag Frau Ott,
warum suchen Sie nach einer "guten Sprache"? Ist unsere Sprache etwa schlecht? Haben sich in all den Jahren Schwierigkeiten in der Verständigung, in der Kommunikation wegen irgendwelcher sprachlichen Defizite ergeben? Ich versuche emsig, solche Defizite zu finden - leider vergeblich. Also stellt sich mir die Frage: Warum wird an unserer Sprache herumgebastelt? Mit der Folge, dass Sie sich in Workshops und internen Diskussionen nun damit auseinandersetzen müssen, wo man den Doppelpunkt, wo das Sternchen usw. setzen soll. Ist das eine/Ihre notwendige Aufgabe?

Übrigens, Umfragen zeigen immer wieder, dass die Mehrheit unserer Bürger keinen Sinn in dem sogenannten Gendern sieht. Und Ihr Beitrag macht deutlich, dass es nicht einfach ist, eine "gute Sprache" - verständlich für jedermann - zu finden. Warum also beschäftigt Sie dieses Thema? Ich schließe mich gerne den anderen Leserbriefschreibern an: Habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun?
Beste Grüße
Karl Schleef

Sehr verehrte Frau Ott,
Chapeau ! Der zweite Lichtblick in diesen trüben Tagen.
Nachdem die neue Ratsvorsitzende der EKD in unserem Kirchenboten erklärt hat, daß kein Anlass besteht, „Gott“ zu gendern, haben Sie mit Ihrer Kolumne meinen Blick auf unsere Kirche wieder geradegerückt.
Nun muss ich nur noch unsere junge Pfarrerin überzeugen, vom Malträtieren unserer Sprache Abstand zu nehmen.
Mit Dank und freundlichen Grüßen
Henning Fischer

Sehr geehrte Frau Ott,
wie immer habe ich mich sehr gefreut, das Magazin Chrismon mit meiner Tageszeitung zu erhalten. Man merkt einfach, mit wie viel Liebe und Herzblut dieses Magazin gestaltet ist.
Besonders gefreut habe ich mich über Ihre Ansage. Genau wie andere Redaktionen werden Sie keine Sonderzeichen für die Gendersprache nutzen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, denn ich bin wie Sie der Meinung, Geschlechtergerechtigkeit können wir mit unserer wunderbaren Sprache auch anders ausdrücken.
Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team alles Gute, weiter viel Erfolg und eine schöne Vorweihnachtszeit!
Herzlichst
Beate Meckert

Liebe Frau Ott,
ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Entscheidung, den Gender-Doppelpunkt in Zukunft zu unterlassen, weist der Doppelpunkt doch darauf hin, dass jetzt etwas erläutert oder näher erklärt wird. Der Genderstern ist schlimm genug, aber nicht ganz so irritierend beim Lesen.
Es freut mich vor allem deswegen, weil ich jetzt Chrismon wieder lesen kann,; das habe ich in den letzten Monaten unterlassen. Ich habe alle Medien gekündigt, die den Doppelpunkt benutzen, weil ich nicht einsehe, dass ich diesen Unfug auch noch mit meinem Geld unterstützen soll. Chrismon habe ich nur beiseite gelegt, bzw. nur die Artikel gelesen, die nicht gegendert waren.
Daher danke ich Ihnen für ein kleines, vorzeitiges Weihnachtsgeschenk und freue mich, dass wieder etwas Vernunft eingekehrt ist.
Mit freundlichen Grüßen
Ruth Niebergall

Moin moin Frau Ott,
hier noch eine Gendermeinung:
Solange wir keine Gleichberechtigung haben, brauchen wir auch keine
Gendersprache. Die Sache mit der Geschlechternamensgebung ist fehlgeleitet,
das Vaterunser in Gendersprache ????

Herr im Himmel, behalte die Sterne oben und gib den Menschen die Kraft, zu entscheiden,
was richtig und was wichtig ist.
Ein gesunde glückliche
Vorweihnachtszeit wünscht
Jutta Klemm

Sehr geehrte Frau Ott,
als Autor, Verleger und Sprachwissenschaftler (und Abonnent von chrismon!) beschäftige ich mich schon lange mit dem Problem des Genderns. Ich komme immer wieder darauf zurück, dass das generische Maskulinum nicht nur in Komposita unverzichtbar ist. Es ist nun einmal die sexusneutrale Sammelform, die alle einschließt, auch wenn die Propagandisten des Genderns etwas anderes behaupten. Wenn sie die Genderbrille ablegen und Genus und Sexus unterscheiden würden, hätten sie damit kein Problem mehr.
Das, was Sie unter "Leicht, gerecht, elegant - die Suche nach guter Sprache" anbieten, ist bei Licht betrachtet ein (für mich ärgerliches!) Sammelsurium von Provisorien, kurz: ein fauler Kompromiss. Ich bin gespannt, wie das praktisch aussehen wird. Dabei ist der Genderstern aus verschiedenen Gründen die schlechteste Lösung von allen.

Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass Sprache nichts Statisches ist. Aber der Sprachwandel erfolgt evolutiv über den Sprachgebrauch, nicht über eine Sprachpolitik aus dem akademischen Milieu. Das gilt vor allem dann, wenn das Sprachsystem, die Grammatik, betroffen ist.

Sie sollten in "chrismon" mit gutem Beispiel vorangehen und mit dem Gendern aufhören, auch wenn Sie der Wind des Zeitgeistes von vorn anweht und Sie in Ihrer Meinungsblase dafür gescholten werden. Die geltenden Formen des Deutschen lassen es zu, alle Menschen respektvoll und angemessen anzusprechen.
Ich schicke Ihnen meinen Essay "Setzt die Gender-Brille ab!" mit, in dem Sie sich über die Problematik des Genderns informieren können. Vielleicht erfahren Sie etwas Neues. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde Zeit dazu. Über eine Rückmeldung würde ich mich freuen.
Mit freundlichen Grüßen,
Paul Pfeffer

Gendern ist gute Sprache? Für gut und schlecht sind andere Maßstäbe anzulegen.

Die Gosse hat mit ihren Fäkalbezeichnungen zuerst im privaten T V die Quote bedient. Jetzt ist diese "Gosse" vielfach schon im bürgerlichen Sprachgebrauch und in vielen anderen Medien heimisch geworden. Ausgezeichnet wird die öffentliche Sprach-Gosse dann noch als kulturell besonders wertvoll mit dem Grimme-Preis an Böhmermann. Dessen fäkale Umgangssprache kann im SPIEGEL (Stichwort SPIEGEL GRIMME BÖHMERMANN) nachgelesen werden. Dieser "Preis" ist zum fremdschämen. Die "Gosse" ist mit ihren öffentlichen DEMO-Beleidigungen und den Lügen in den sozialen Medien wesentlich verletzender als jede falsche Genderanrede.

Gut gemeint aber voll daneben. Wer nicht gendert darf nicht schreiben, wird nicht gehört und wird gemieden. Die Sprachpolizei droht. Alle Dialekte, alle die sprachlich etwas unbeholfen sind, droht die Stigmatisierung. Immigranten bekommen neue Schwierigkeiten. Selbst Arbeit und Leistung werden nach den Genderansprüchen auf- oder abgewertet. Einige Stadtverwaltungen und UNIs diskriminieren bereits. Diskriminieren mit der Absicht nicht zu diskriminieren. Und das Volk macht nicht mit.