Ursula Ott über Grußkarten für Männer

Bitte bremsen bei Auto-Metaphern!
Auf Glückwunschkarten und in Männermeetings wird immer noch viel Gas gegeben.

Am Bahnhof wollte ich neulich ­eine Glückwunschkarte zu einem 18. Geburtstag kaufen. "Lebe auf der Überholspur!" stand auf der ersten. "Das Leben schaltet in den nächsten Gang" auf der zweiten. "Schmeiß den ­Turbo an" auf der dritten – jeweils illustriert in Rennwagen- oder Retro-Bulli-Optik. Abgesehen davon, dass ich als Kioskbesitzerin am Bahnhof mindestens eine Eisenbahnkarte in den Drehständer packen würde – treffen solche Autosprüche wirklich noch den Zeitgeist? Ist das der Humor von Achtzehnjährigen?

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Klar, wer 18 wird, kriegt am selben Tag seine Fahrerlaubnis. Das ist schon was! Ich bin bis heute gerührt, dass eine Sachbe­arbeiterin der Stadt Köln seinerzeit freitags bis 12.15 Uhr in der Meldehalle sitzen blieb, weil mein Sohn – der bis mittags Schule ­hatte – so heiß drauf war, direkt am Geburtstag den begehrten Schein zu bekommen. Danke, danke, eine nette Beamtin, die selbst Kinder hatte! Aber das heißt noch lange nicht, dass das größte Glück eines erwachsenen Mannes auf dieser Erde daraus besteht, eben diese kaputt zu rasen.

Klingt spaßbremsig? Nö, eher gelangweilt. Denn es sind ja nicht nur die Kartensprüche, die tief im Karbon-Zeitalter steckengeblieben sind. Es sind, gähn, diese ganzen Meetings, in denen Kollegen (Achtung, Frauen sind von der männlichen Form nicht automatisch mitgemeint) "Gummi auf die Straße" geben, "Gas geben" und jetzt bald mal "ins Rollen kommen" wollen. Klar, diese Gesellschaft ist ums Auto rumgebaut, von der Stadt­planung übers Steuersystem bis zu den Entfernungen, die wir in "Autostunden" messen. Aber da wir gerade mit Vollgas und Turbo auf der Überholspur in die Klimakatastrophe fahren, mit Hoch­wasser und Starkregen und so viel menschlichem Leid – wäre es nicht höchste Zeit für neue Bilder? Man kann ja auch in die Pedale treten. Schritt für Schritt vor­gehen. Und mit der armen Bahn nicht immer gleich auf dem "Abstellgleis" oder "im falschen Zug" landen.

Klar werden wir allein mit Sprache nicht die Erde um 2 Grad abkühlen. Aber es geht bei allen großen Themen, die uns gerade beschäftigen, von Corona bis Klima, darum, "nicht den anderen die Erzählung zu über­lassen", so die Wissenschafts-Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim. Mit der Viro­login Melanie Brinkmann berichtet sie von ­ihren Erfahrungen mit Sprache, Medien und echten Menschen. Mein Lieblingssatz: "Bei Klima und bei Corona kommt es darauf an, dass jede Person etwas tun muss." Sag ich doch. Schritt für Schritt.

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Lesermeinungen

" Es sind, gähn, diese ganzen Meetings, in denen Kollegen (Achtung, Frauen sind von der männlichen Form nicht automatisch mitgemeint) "Gummi auf die Straße" geben, "Gas geben" und jetzt bald mal "ins Rollen kommen" wollen. "

Klingt furchtbar, und ein Grund mehr, mit dem Sohn zu diskutieren, ohne von dem eigenen Standpunkt zu lassen.
Mit 18 dient das Auto mehr der Angabe als einer Notwendigkeit.
Die Einstellung zur Wahl, politisches Interessse scheinen mir da wichtiger, als ein Auto mit 18, b.z.w. der Führerschein, doch als Mutter muss man sowohl kompromissbereit, als auch standfest sein. Keine leichte Aufgabe.

Liebe Frau Ott,
ist das eine Persiflage? Ein Mann, der so klischeehaft und sexistisch schreiben würde, unvorstellbar. Die Wirklichkeit sieht auch z.B. so aus: mein Mann ist im Genuss eines Geschäftswagens, sogar Hybrid, wenn irgend möglich, fährt er aber am liebsten mit dem Rad zur Arbeit.

Klar kann jeder etwas tun, aber die Verantwortung so auf den einzelnen herunterzubrechen, das hat Methode: "Der Klimaforscher Michael Mann illustriert dies am Beispiel des individuellen CO2-Fußabdrucks. Dieses Konzept sei vor allem vom Energiekonzern BP vermittelt worden. Im Resultat gingen nun Klimaschützer ständig mit erhobenem Zeigefinger aufeinander los.

„Wenn sich der Klimadiskurs in ein Gezeter über Ernährungs- und Reiseentscheidungen verwandelt und sich um persönliche Reinheit, Bloßstellen von Menschen aufgrund ihres Verhaltens und um Tugendhaftigkeit dreht, werden wir nicht in der Lage sein, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Dann (…) werden sich die Interessen der fossilen Brennstoffwirtschaft durchsetzen.“ " Nur 20 Firmen sind für ein Drittel der weltweiten CO2- und Methan-Emissionen seit 1965 verantwortlich, zeigt eine neue Datenauswertung. Es sind vor allem bekannte Größen der Öl- und Gasindustrie. Der größte Klimasünder kommt aus dem Nahen Osten. Michael Mann, einer der bekanntesten Klimaforscher weltweit und Direktor des „Earth System Science Center“ der Pennsylvania State University, sagte dem britischen Guardian: „Die große Tragik der Klimakrise ist, dass siebeneinhalb Milliarden Menschen den Preis dafür bezahlen – in Form eines zerstörten Planeten – dass eine Handvoll von Umweltverschmutzern weiter Rekordprofite einfährt.“

Die Verwandlung von Normalmenschen, also denen, die sich herumzuschlagen haben mit den Bedingungen, die die besseren Kreise ihnen vorsetzen, in ökologische Fußabdrückler, die sich gefälligst was schämen sollen, war ein genialer Schachzug. Jetzt ist endlich wieder freie Fahrt für freie Moralisten! Und das Schönste daran: Früher haben die Moralwächter immer noch Grenzen einhalten müssen. Kleidung, Benehmen, alle Unterleibsdinge waren für die Überwachung durchaus freigeschaltet. Es gab aber immer noch einen Privatbereich, wo man sich Bewertungen verbitten durfte.

Diese Grenze ist jetzt gefallen. Alles, was eine oder einer tut oder lässt, hat selbstverständlich einen Fußabdruck zur Folge. Dafür sind die Klima-, Öko- und sonstwas-Wächter zuständig. Klar, dass die kirchliche Publizistik diese Steilvorlage nicht auslässt.

Traugott Schweiger

Sehr geehrte Frau Ott,

als evangelischer Christ und Unternehmer erstaunt mich bei der evangelischen Landeskirche ja eigentlich schon kaum noch etwas. Aber Ihre Ansage erstaunt und besorgt mich gleichermaßen.

Es ist doch bereits gesellschaftlich erzwungener Konsens, dass eine Mobilität die CO2 erzeugt, keine Zukunft haben soll. Ob der aktuelle Weg der Elektromobilität sinnvoll ist, oder andere Wege zu einer CO2-freien Individualmobilität führen, wird sich zeigen.

Und Männern zu unterstellen, dass "das größte Glück eines erwachsenen Mannes auf dieser Erde daraus besteht, eben diese kaputt zu rasen.", ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit und ein Frontalangriff. So wie Ihre Ansage ein Frontalangriff auf die Menschen ist, die die deutsche Sprache verwenden.

Auch mit CO2-freien Fahrzeugen wird man "Gummi auf die Straße" geben, "Gas geben" und jetzt bald mal "ins Rollen kommen" können und das ganz umweltfreundlich. Da kann man Ihnen ja schlußendlich nur den Wunsch nach der Abschaffung des Individualverkehrs unterstellen oder schlicht und ergreifend Männerhaß.

Die Frage:"...treffen solche Autosprüche wirklich noch den Zeitgeist? Ist das der Humor von Achtzehnjährigen?" hätten Sie vermutlich besser im Vorfeld einmal den Achtzehnjährigen gestellt, dann wüßten Sie das.

Denkt man Ihren Wunsch einmal weiter, dann wird irgendwann das böse "A-Wort" nicht einmal mehr verwendet oder sogar reproduziert werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es kaum jemand gibt, dessen persönlicher Beitrag zum Klimawandel von der Verwendung der Autoworte positiv oder negativ beeinflußt wird, weil sich schlicht und ergreifend niemand darüber Gedanken macht. Genauso wenig, wie z.B. die Verwendung von Wörtern wie Negerkuss oder Mohren-Apotheke darauf schließen läßt, dass der Verwender auch nur ansatzweise PoC diskriminieren möchte.

Und deswegen meine Frage an Sie: Haben Sie diese "Ansage" verfasst, weil es ein tatsächliches Herzenthema von Ihnen ist, oder haben Sie solange nach einem Thema für den Beitrag gesucht bis Sie am Ende auf dieses Thema stießen und die Seite der Chrismon füllen konnten?

Sehr geehrte Frau Ott,
aus Ihrer "Ansage" spricht ein mir völlig unverständlicher Technikhass und beeindruckende Ignoranz.
Immerhin hat Ihnen das so verhasste "Karbonzeitalter" unter Anderem eine kostenlose Ausbildung und ein komfortables Leben in Freiheit und Wohlstand ermöglicht. Dinge, um die wir beneidet werden und die gerade in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich sind.
Man braucht schon sehr viel Arroganz, um so eine abgehobene Einstellung wie die ihre zu haben und zu publizieren.
Eine von Ihnen bevorzugte, grüne Welt voller Beschränkungen, Dauerüberwachung und Denkverbote, von technischem Rückschritt und persönlicher Unfreiheit unter dem naiven Vorwand der "Weltrettung" ist wohl für die allermeisten Bundesbürger eine Horrorvorstellung.
Solche polemische Wahlwerbung zielt wohl auf die Manipulation junger Leser und ist für mich einfach nur peinlich und kein Beitrag zu einer sachlichen Diskussion.
Ich hoffe, Sie bewältigen Ihren Hass und würdigen in den nächsten Ausgaben auch einmal, was wir in den letzten 75 Jahren erreicht haben. Es ist sicherlich nicht Perfekt, aber nicht wertlos.
Denken Sie mal darüber nach.

Sehr geehrte Frau Ott,
in der FAZ fand ich Chrismon, habe das Heft durchgeblättert und bin bei Ihrer „Ansage“ zu Auto-Metaphern hängengeblieben. Und gestolpert. Aber das war ja auch Ihre Absicht.
Meine Fragen: Haben Sie ein Auto? Benziner, Diesel, Hybrid, E-Auto? Benutzen Sie es? Fährt Ihr Sohn auch mit dem Auto?
In unserem Land gibt es rund 60 Millionen Kraftfahrzeuge. Darunter 3,4 Mio. Lkw. Die Fahrer:innen geben jeden Tag Gas, damit Sie und wir alle Lebensmittel kaufen können und unsere Pakete zugestellt bekommen. Die
rund 48,3 Mio. Pkw in unserem Land werden von Menschen benötigt, um mobil zu sein: für Arbeit, Familie, Freizeit, Urlaub etc. Dafür werden die PS auf die Straße gebracht. Was ist an diesen Metaphern verwerflich?

Die Automobilwirtschaft ist in unserem Land eine Stütze der Volkswirtschaft. Ohne sie wäre unser Wohlstand in Gefahr. Und die Verantwortung für den Klimaschutz wird ernst genommen - durch eine wachsende Zahl von Fahrzeugen mit alternativen Antriebsarten. Für E-Fahrzeuge benötigen wir ganz nebenbei enorm viel zusätzlichen grünen Strom: bei 10 Mio. Pkw sind das rd. 30 Mrd. Kilowattstunden. Das gute Gewissen derjenigen, die sich heute ein lokal emissionsfreies Auto leisten und es auch privat laden können, beruht nach wie vor auch auf großen Anteilen Atom- und Kohlestrom.

Beim ersten Lesen fand ich Ihre Schlussfolgerung „höchste Zeit für neue Bilder“ einfach nur rührend naiv. Auf den zweiten Blick ist aber auch Ihre Kolumne für mich Teil einer veröffentlichten Meinung, die vor dem Hintergrund der Klimadiskussion viele Lebenswelten in unserem Land einfach ignoriert. Und die daran arbeitet, mit Sprache auszugrenzen. Denn Sie wollen ja „nicht den anderen die Erzählung überlassen“. Also gilt: Die Guten sprechen Anti-Auto, die Bösen geben Gas. Mit Verlaub: Ihnen möchte ich die Erzählung aber auch nicht überlassen. Weil sie einseitig ist.

Denn Sie können sicher sein: Auch in Zukunft werden Autos in unserer auf Flexibilität und Mobilität angewiesenen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Mit vermeintlich korrekten Klimaschutz-Metaphern und mit Lastenfahrrädern werden wir die Zukunft nicht meistern.
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Köster