Ursula Ott über unverbindlichen Smalltalk

Wildfremde Leute anquatschen? Unbedingt!
Wir gehen uns so viel aus dem Weg, dass es wieder Zeit wird für unverbindlichen Smalltalk.

Das war richtig blöd von mir: Im Park beim Joggen rief eine andere Läuferin zu mir herüber: "Schöner Morgen heute!" Darauf ich: "Kennen wir uns?" Nein, sagte sie entschuldigend, aber wir hätten doch alle gerade so wenig Ansprache. Dann gab sie Gas und war verschwunden im dichten Frühlingsblätterwald. Es war ja nett gemeint von ihr, und nun hatte ich Trampel in Turnschuhen sie in Verlegenheit gebracht.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Immer noch halten wir viel Distanz, laufen im großen Slalom umeinander herum. Sie fehlen, die zufälligen Kontakte, der ungeplante Small Talk, der einen trüben Tag kurz zum Leuchten bringen kann. Nach meiner Dusseligkeit im Park nahm ich mir vor: Reden, wo immer es geht. Ein bisschen länger in die Augen gucken, einen Satz mehr sagen als früher. Ich übe das. Aber der Grat ist schmal zwischen nett und nervig.

Wenn ich wieder mal mit dem Fahrrad auf einer Verkehrsinsel ewig warten muss, bis auch die zweite Radampel grün wird, balanciere ich nicht mehr schweigend mein Rad auf die anderthalb Quadratmeter neben das ­nächs­te. Sondern sage jetzt laut: "Idiotenampel!" Geht mal gut, ich erfahre dann, dass am Eschenheimer Tor eine noch blödere Ampel ist, und genieße diese 30 netten "Wir Radler halten zusammen"-Sekunden. Mal starrt mich aller­dings der Co-Gestrandete auf der viel zu kleinen Verkehrsinsel an, als hätte ich eine schwere Störung. Hilfe, was will die Frau?

Eins kann man nicht mehr sagen: "Kennen wir uns?"

Genauso beim Verschenken über eBay und nebenan.de. Machen alle, weil alle grad ausräumen. Mit Mundschutz holt man meist wortlos die Ware an der Tür ab. Seit ich ­meine Charmeoffensive fahre, frage ich: Wer kriegt das gute Teil? Mal erfahre ich, dass ein Kind mit meinem französischen Kinder­kochbuch jetzt Macarons backen lernt für den Papa, der als Schiffskoch arbeits­los geworden ist. Nervig hingegen, wenn sich die Abholerin durch meine Nachfrage ermutigt fühlt, über ihre Corona-­Gesamtsituation im Detail zu klagen. Ja klar, wer viel fragt . . . Ich übe noch!

Wie machen Sie das mit Nähe und Distanz? Haben Sie schon mal wildfremde Leute angequatscht? Wie gut es doch Menschen haben, die sich so organisiert haben, dass sie nicht allein sind. Die sich musizierend ihren Traum vom Zusammenleben im Dorf erfüllen oder gemeinsam ein Stadtgut planen. Würden alle in so netten Nachbarschaften leben, gäbe es weniger Einsamkeit. Und weniger Missverständnisse. ­Allerdings – wenn es dann an der Tür klingelt und man lieber seine Ruhe hätte, kann man eins nicht mehr sagen: "Kennen wir uns?"

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Lesermeinungen

Vielen Dank, Frau Ott, für Ihren Artikel, dem ich voll zustimme und den ihn auch praktiziere !
Eine kleine Ergänzung: Vor dem Anquatschen nehme ich zunächst Blickkontakt mit Anlächeln mit mir unbekannten Menschen auf. Das kommt nach meiner Erfahrung gut an: Erwiderung nur durch Blickkontakt, der mir auch schon reicht . Über ein sich eventuell anschließendes Gespräch freue ich mich natürlich dann auch sehr.

Moin Frau Ott,
Wildfremde Menschen anquatschen? Unbedingt!
Das mache ich hiermit. Da ich auch eine geborene Ott bin, und mein Bruder sich intensiv mit der Ahnenforschung
Beschäftigt, würde ich gern wissen wo die Wurzeln Ihrer Ott Familie herkommen. Freue mich auf eine Antwort.
sonnige Grüße

Hallo Frau Ott,
hab ich gelacht, genauso geht's mir in der Pandemie! Quatsche beim Walken Leute an oder in der Schlange vor einem Geschäft. Die Leutseligkeit meiner Eltern früher, die mich so genervt hat, ist jetzt bei mir angekommen. Und das ist gut so!
Herzliche Grüße
Elvira Kösler

Sehr geehrte Frau Ott,
Leute anquatschen, das ist eine gute Ansage. Also ich komme so ganz locker auf Chrismon daher, begegne der
Chefredakteurin – ich der Opa – „Hallo, und hin und her“ , und dann werden Sie fragen „Und wie haben
Sie Corona überstanden?“ Darauf habe ich gewartet, denn jetzt lasse ich die ganze Litanei meiner Geschichte
los, mit ein bisschen Hoffnung, dass davon bei Chrismon ein paar Zeilen hängen bleiben.

Meine Antwort wird sein www.AllesOpa.de . Das ist zum einen Überlebensstrategie, zum anderen Sprachrohr
für die Familie und weitere Kreise, und zum weiteren anderen ein Format, mit dem ich auch nach der Krise
weitermachen möchte. Das Projekt besteht aus 10 veröffentlichten Teilen. Der gesamte Teil 10, 11 und 12
mit dann ca. 150 ComputerSprechSongs erscheint in den nächsten Tagen auf der Homepage. Unsere Münchner Stadtteilszeitung hat das in einem Artikel recht gut beschrieben.
Artikel auf muenchenweit.de: https://www.wochenanzeiger-muenchen.de/aubing-freiham/opa-am-musikcomput...
Mehr dazu finden Sie unter „Winfried Huyer-May“.
Und während wir so quatschen, hat sich die Erde ein Stück weiter gedreht. Und mir brennt eine Frage auf den Lippen, die ich dann doch noch gerne loswerden möchte „Was halten Sie vom Rücktrittsgesuch unseres Münchner Kardinals ??“ Aber da könnte jetzt ein sehr langes Gespräch draus werden.
Ich freue mich, wenn es auf diese Mail ein Echo gibt.
Mit freundlichen Grüßen
Winfried Huyer-May

Sehr geehrte Frau Ott,
die Lektüre Ihres Beitrags „Wildfremde Leute anquatschen…“ (chrismon vom Juni 2021) hat mir Spaß gemacht. Auch ich übe mich immer wieder darin, mit Fremden, z.B. in der U-Bahn oder im Zug ein Gespräch zu beginnen. Oft sind es Ausländer aus Gegenden, die ich aus meiner früheren Tätigkeit kenne. Gerade sie freuen sich, wenn man mit ihnen in Kontakt tritt und ein Gespräch beginnt. Besonders leicht ist die Kontaktaufnahme, wenn ich mit meiner kleinen Enkeltochter auf der Straße unterwegs bin und ich mit Fremden über das Kind, das z.B. auf einen Hund zugeht oder Neugier erregt, ins Gespräch komme. Mittlerweile habe ich festgestellt, wie leicht es sein kann, mit Fremden in Kontakt zu treten und wie freudig und dankbar meine Initiative aufgenommen wird. Auch meine Landsleute verlieren dann schnell ihre Berührungsängste.
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Bernd Wulffen

Sehr geehrte Frau Ott,
Ihrem Beitrag in Chrismon kann ich nur beipflichten. Ich werde jetzt 80 Jahre alt und seit dem Tod meiner Frau vor ca. 7 Jahren pflege ich diese Art der Konversation.
Es vergeht kaum ein Spaziergang/Wanderung, auf dem/der ich nicht jemanden anspreche oder angesprochen werde.
Ob es junge Leute, Familien mit Kindern, Frauen oder Männer sind, es ist für mich immer wieder eine Bereicherung.
Noch nie habe ich eine Anlehnung erfahren. Manchmal bin ich erstaunt, wie schnell die Miene sich erhellt
und wie schnell die Menschen bereit sind, ein Gespräch zu führen.
Mal ein paar Minuten, ab und an auch mal eine halbe Stunde oder länger.
Ja, ich habe mehrfach erlebt, dass der/die Gesprächspartner/in sich für das gute Gespräch bedankt haben.
Vor kurzer Zeit, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, meinten meine Gesprächspartner nach einiger Zeit,
ob wir unseren Weg nicht gemeinsam fortsetzen sollten?
Es grüßt Sie herzlich
Horst-Peter Pelzer

Hallo Frau Ott, Sie tun mir entsetzlich leid. Wie Ihr Leben so verläuft. Ihre Reaktion auf ein höfliches, freundliches Wort und der Beitrag dazu sind für mich erschütternd. Noch dazu von einer Chefredakteurin bei einer christlichen Zeitschrift. Unglaublich. Für mich ist es eine ganz normale Form der Wertschätzung Menschen zu grüßen und auch deren Gruß zu erwidern,egal ob ich sie kenne oder nicht. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag. Freundliche Grüße Kerstin

Guten Tag Frau Ott, guten Tag sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
Ihren Artikel habe ich mit einigem Vergnügen gelesen. Ich weiß nicht, wo Sie aufgewachsen sind und wo Sie leben. ABER: Ich bin Rheinländer von Geburt (Bonn) und Neigung. Wildfremde Leute anquatschen geht immer und bringt Erkenntnisse und Erfahrungen, die man (frau) sonst nicht hätte. Ich saß mal in Bayern in einer Gaststätte und hörte wie zwei bayerische Damen sich über die Rheinländer negativ ausließen. Sie kannten mich noch nicht. Ich habe mich gleich zu den Damen begeben und wir hatten einen wunderbaren Vormittag zusammen. Mit Bier und Weißwurst vor dem Mittagsläuten.
Aus dem schönen Rheinland, jetzt schon Voreifel (Wohnort Meckenheim) Volker Ittenbach. Bleiben Sie gesund, alles andere wäre schlecht (Ulla Schmidt).

Sehr geehrter Frau Ott,
danke für Ihre tolle Aufforderung im heutigen Chrismon, wildfremde Leute anquatschen! Ich habe lange in New York gelebt und dort fühlt man sich auch deswegen viel lebendiger, eben wegen dieser Kindness of Strangers, sich wahrgenommen, angenommen fühlen - in München dagegen ist man Zombie unter Zombies, grauenhaft!
Aber wieso wirbt Chrismon immer wieder mit der Droge Alkohol, auch noch als „Sonderangebot“ zum möglichst viel saufen: „Sie sparen 41%“ … !? Sie wissen doch, dass Alkohol Gewalt, Unfälle, Gesundheitsschäden und etwa 60 Milliarden Euro Folgekosten jedes Jahr verursacht!? Wieso wollen Sie das befördern!? Sie machen doch auch keine Tabakwerbung!? Alkohol ist ebenso schlimm!
Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes

Liebe Frau Ott,
das tut mir leid, denn Sie wohnen nicht am richtigen Ort! Ich vermute, dass Sie in Frankfurt leben. Sie können keinen Small Talk? Könnten sie bei uns im Rheinland blitzschnell lernen. Oft kann ich meine Hamburger Verwandtschaft durch erlebte Anekdoten mit Wildfremden erheitern oder ungläubiges Staunen auslösen.
3 Beispiele: Ich fahre mit der S-Bahn in die Düsseldorfer Altstadt. Mir gegenüber sitzen 3 bestgelaunte Herren mit einem riesigen Weckmann (süßes Gebildbrot zu St. Martin). Auf meine bereits erwartete Frage erfahre ich, dass sie das Teil ihrem Lieblingsköbes (Kellner, von Jakob) zum Geburtstag schenken wollen. Wir unterhalten uns über Altstadtkneipen, und die Zeit vergeht bei dem netten Gespräch viel zu schnell.
Ich bin mit meiner Freundin in einem Lokal und erzähle von einem Theaterbesuch. Vom Nebentisch höre ich: „Sprechen Sie doch mal lauter, ich will das auch mithören, ich geh doch auch so gerne ins Theater!“ Natürlich wird die Dame informiert.
Mit meiner Freundin lache ich noch über den gerade gesehenen Film (Der Vorname!), als uns ein Paar entgegenkommt. Er: „Wat seid ihr Zwei denn so jut drauf? Wat is denn los?“ Wir berichten selbstverständlich.
Alle drei Dönekens (kleine Geschichten) an einem Tag erlebt, morgens, mittags, abends!
Das gilt übrigens auch für das Ruhrgebiet. Das haben wir im Blut und geben die Fähigkeit gerne weiter.
Wenn Sie jetzt sagen sollten, dass Sie doch im Rheinland wohnen, brauchen Sie Nachhilfe.
Mit freundlichen Grüßen
Dorothee Ambach, Willich