Fehler machen ist ok, nichts draus lernen ist doof

Wer viel spricht, macht viele Fehler
Es gibt so viele Wörter - warum solche verwenden, die andere verletzen.

Selten finde ich Thomas Gottschalk gut, aber diesen Satz von ihm ­habe ich gefeiert: "Einem Menschen meiner Eloquenz stehen unzählige Worte zur Verfügung", so der Entertainer, drum werde er "missverständliche Wörter aus einer alten Denkschule" künftig nicht mehr verwenden. Der Entertainer bat um Entschuldigung für einen rassistischen Begriff, den wir hier nicht wiederholen. Gottschalks Gedanke ist richtig: Wer viel redet und schreibt, macht im Moment öfters mal einen Fehler. Nicht schlimm. Schlimm ­wäre, nichts daraus zu lernen.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Mir haben meine erwachsenen Kinder klargemacht, aus welch "alter Schule" ich komme. In zwei Wochen Weihnachtsferien, die wir zusammen verbrachten, fiel mehr als einmal der Vorwurf "Rassismus". Nicht nur in meiner Familie hat es des­wegen geknallt, wie ich unserem Interview mit ­Wladimir Kaminer entnehme. Er sagt: "Mich hat meine Tochter aufgeklärt, dass ich sexistisch und rassistisch bin." ­

Darf ich wirklich nicht mehr "schwarzsehen"?

Kaminer macht daraus lustige Geschichten, ich fand unseren Generationenkonflikt an manchen Winterabenden nicht durchgehend heiter. Und beschloss, es muss ungefähr an Dreikönig gewesen sein: Ab sofort wird zurückgefragt. Was, bitte schön, findet ihr daran rassistisch, wenn ich sage: "Ich liebe dieses Butter-Chicken-Gewürz, damit schmeckt alles indisch." Darf ich wirklich nicht mehr "schwarzsehen"? Und was ­haben wir eigentlich gewonnen, wenn wir das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz streichen?

Ich will das wirklich wissen. "Sprach­stunde" heißt mein Podcast. Er dauert ­keine Stunde, sondern 20 Minuten – ­immer zu einem Wort, das ich untersuche. Ja, ­bisschen wie bei der Ärztin. Warum tut es weh, wo kommt es her und gibt es eine Chance auf Heilung? Ich ­habe Florence Brokowski-Shekete, Autorin von "Mist, die versteht mich ja!", gefragt, warum sie nicht als "exotisch" bezeichnet werden will. Über "Rasse" sprach ich mit der afrodeutschen Soziologin Natasha ­Kelly, über "Männlichkeit" mit dem Roma-­Aktivisten und Comedian ­Gianni Jovanovic. Und als uns die Leserin ­Annette Borns schrieb, wir sollten nicht mehr "Problem­stadtteil" verwenden, lud ich sie direkt in die Sprachstunde ein. Ob uns da was Besseres eingefallen ist? Ob "Brennpunkt-Stadtteil" besser klingt oder schlimmer? Hören Sie doch mal rein! Und schreiben Sie mir, wenn auch Sie ein Wort auf die Unter­suchungscouch ­legen wollen.

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"Sprachstunde" ist der chrismon-Podcast von Ursula Ott. 20 Minuten, ein Wort, ein Gast
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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott,
wie wärs mit dem Begriff Nachhaltigkeit? Im aktuellen chrismon kommt dieser sperrige Begriff gleich mehrmals vor. Ich selbst habe mich längere Zeit um diesen Begriff bemüht und auch ein Buch dazu geschrieben. Als man mich bat, diesen Begriff in einem einzigen Satz zu erläutern, antwortete ich: Nachhaltigkeit bedeutet die Menschenrechte zu leben und nicht bloß zu statuieren. Aber es geht noch kürzer:

Nachhaltigkeit ist Nächstenliebe.

Denn nachhaltiges Handeln ist Handeln aus Liebe zum Nächsten und damit moralisch und christlich geboten.

Ich würde mich freuen in ihrer Sprachstunde ihre Deutung zu hören.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht

Jürgen H. Franz

Liebe Frau Ott,
ist so eine Sprachfrage auch, warum in den letzten Jahren so oft von "Diskurs" gesprochen wird, wenn auch "Diskussion" ausreichend wäre?
Herzliche Grüße
Ellen Markert

Hallo Frau Ott, ich habe gerade o.g. Artikel gelesen. Die Stelle „ Problemstadtteil“ stieß auf mein Interesse. Ich habe mehrere Kurse in heilender Berührung mit den Namen Jin Shin Jyutsu belegt. Dort lernte ich eine sehr interessante Herangehensweise was die Sicht auf Ungleichgewichte angeht. Statt der Aussage „ich habe ein Problem“... kam der Vorschlag... „ich habe ein Projekt“.
Ein Problem engt die Sicht ein. Es ist mit dem Gefühl von Schwierigkeiten verknüpft. Es ist schwer und zieht uns herunter. Da sehen wir u.U. den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ein Projekt dagegen öffnet den Blick, führt in die Weite, in die Zukunft. Hält mich nicht gefangen sondern öffnet mich für Lösungen, für Visionen. Es kann Leichtigkeit, Fröhlichkeit, Sinn beinhalten. Ich habe diesen Blickwechsel seitdem schon oft angewandt und gute Erfolge dabei erzielt. Und auch das Wort „Brennpunkt“ bietet da einen guten Ansatz. Da kenne ich also das Problem. Über das Projekt werden mir Zeit und Möglichkeiten geschenkt und vielleicht auch der Wille, eine gute Lösung vom Brennpunkt aus neue Wege zu gehen. Also warum nicht „ Stadtteile mit vielfältiger Entwicklung“. Wie heißt es so schön - wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Allerdings kann nicht jeder seinen eigenen Willen durchsetzten wollen. Wie schwer das sein kann sehen wir an Corona. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir dankend, bitten und betend zu guten Lebensverhältnissen finden können. Freundliche Grüße und einen stillen Karfreitag wünscht Rosmarie Richter

Hallo Frau Ott!

Diese unendliche Erbsenzählerei bringt irgendwie auch nichts.
In Nürnberg da gibt es einige Mohrenapotheken, na und, man könnte diese auch umbenennen, z.B. in Moorapotheke!
Wo und wie entsteht denn dieser Rassismus und diese Fremden- und Ausländerfeindlichkeit eigentlich?
"Von Gott aus gesehen gibt es keine Ausländer." (Ernst Ferstl, *1955, österreichischer Dichter und Aphoristiker)
Ihre Riggi Schwarz,

Sehr geehrte Frau Ott,

heute morgen fiel mir aus der SZ Chrismon entgegen. Natürlich habe ich das zuerst gelesen und nicht die SZ. Und genauso natürlich habe ich zuerst mal Ihre Kolumne gelesen. Aber dazu komme ich gleich. Zuerst Gratulation für das Gespräch mit Barbara Schöneberger und Wladimir Kaminer. Absolut auf dem Boden und auch mit Bezug zu Ihrer Kolumne. Hat mir gefallen.
Aber Ihre Kolumne "Wer viel spricht, macht viele Fehler" beschreibt die heutige Sprachsensibilität .sehr präzise. Auch wenn es immer wieder bestritten wird, man darf heute nicht mehr sagen was man denkt. Ich auch nicht. Es geht hier viel zu weit, um alle sprachlichen Klippen zu umschiffen, die heute verlangt werden. Ich halte mich für einen ziemlich normalen Menschen und ich werde ganz sicher keine anderen Menschen herabsetzen oder gar beleidigen. Aber zu sagen, ich sei ein "alter weißer Mann" und alles was ich sage sei rassistisch, sexistisch usw. geht mir entschieden zu weit. Vor allem sind damit ja alle alten weißen Männer gemeint, ausnahmslos! Ich bin in meinem Leben außerordentlich viel auf der Erdkugel unterwegs gewesen, dienstlich, und habe sehr viele Menschen kennengelernt. Mit einigen stehe ich nach über 20 Jahren noch in Kontakt. Und wenn ich jemanden aus einem fernen Land treffe, frage ich schon mal, wo er denn herstammt. Aber das ist heute streng verpönt und gilt als rassistisch. Dafür habe ich gar kein Verständnis. Viele Linke erlauben heute nur noch Leuten zu sprechen, die sich im gleichen "Hühnerhof" bewegen und keinesfalls anderer Meinung sind. "Cancel Culture", das ist für mich extrem antidemokratisch. Denn gerade die Vielfalt macht das Leben interessant und lebenswert.
Mit freundlichen Grüßen
Gerd Heidbrink

Liebe Frau Ott,
in Ihrem Beitrag "Ansage" bieten Sie im April-Heft den Lesern /Leserinnen von "Chrismon" an,
ein Wort wie bei einem Mediziner auf eine Untersuchungscouch zu legen.
Anschließend würde dieses Wort in einem Podcast mit Ihnen dann weiter vertieft werden.
Darf ich folgenden Vorschlag machen:
Mir fällt in Gesprächen mit Freunden, Nachbarn und anderen Personen auf, wie oft das Füllwort: "... halt ... " verwendet wird.
Manchmal geschieht das in einem einzigen Satz gleich mehrmals, wie zum Beispiel: ... dann ist das halt so ...
oder zum Thema Lockdown: ... dann sollte die Gesellschaft das halt lernen ...

Hätte Martin Luther in Worms bei seinem Auftritt vor dem Reichstag damit bestehen können ?

Offenbar hat sich die deutsche Sprache mit derartigen Alltagsfloskeln bereits verändert, ohne das dies allgemein bemerkt wurde.

Dahinter vermute ich eine Scheu vor genauen Beschreibungen, um möglichst nicht anzuecken oder sich konkret festzulegen.

Eine echte Gesprächskultur würde unterschiedliche Positionen doch wohl vertragen können
oder ist die angenehme Komfortzone weiterhin das eigentliche Ziel ?

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort und wünsche Ihnen
eine gesegnete Karwoche und Osterzeit
Ihr
Prof. Dr. jur. Harald G. Kundoch

Hallo Frau Ott,
von mir aus braucht der Begriff "Rasse" nicht aus der deutschen Sprache gestrichen werden.
Das Wort wird doch nur für die Tierwelt gebraucht. Dann hat man "rassistisch" abgeleitet, und das ist eine Beleidigung (für die Tierwelt).
Mit freundlichen Ostergrüßen
Traute Textor