Ursula Ott über den Sommer während Corona

Es wird der Sommer der ­kleinen Schritte
Firmenläufe und Fesselballonfahrten werden diesen Sommer vielleicht nicht mehr stattfinden, aber man kann sich auch an kleinen Dingen erfreuen.

Seit Corona laufe ich, sooft es geht, durch einen der schönsten Parks in meiner Stadt, den Friedenswald. Ein guter Plan aus der Nachkriegszeit, Bäume aus aller Welt, eine ­Oase im ansons­ten recht grauen Köln. Erst blühten japanische Kirschbäume, dann Gold­regen – wunderbar. Nur ein Wermutstropfen blieb. Der Kern der Anlage, der Forstbotanische Garten, blieb mit einer Eisenkette verschlossen. Angst vor Drängelei.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Heute Morgen war endlich die Kette wieder ab. Und ich war glücklich. Ich will da gar nicht mittendurch laufen, aber ich freue mich für die Kinder, die mit ihren Omas jetzt wieder gruselige Tollkirschen gucken und ungeduldig zappeln, bis einer der schlecht gelaunten Pfaue sich mal bequemt, ein Rad zu schlagen. Ich freue mich über die offene Drehtür.

Zurück auf dem Parkplatz, großes Palaver. Fast alles, was auf dieser Grünanlage normalerweise statt­findet, ist vorerst verboten. Firmenläufe, Grillpartys, Fesselballonfahrten. Die ­Leute sind am Maulen. Und ich kann’s echt nicht verstehen. Hallo, wir haben das Virus! Erfreut euch an dem blauen Pfau!
Es ist der Sommer der kleinen Schritte. Ein Gedicht, das einer russischen Autorin zugeschrieben wird, findet sich jetzt immer öfter in der Timeline meines Facebook-Accounts. "Wenn die Zeiten schwierig sind, ­gehe in kleinen Schritten weiter. . . . Reinige das Geschirr. Wisch den Staub ab. Schreib einen Brief. Koch Suppe."

Vokabeln wie "komplett" aus dem Wortschatz ­löschen

Um Geschirr und Staub kümmert sich bei uns der Mann, aber Suppe ist meins. Wenn die Virologen sich überschlagen mit Warnungen, mach ich das Radio aus und schneide Zwiebeln klein. Und Kartoffeln und Karotten. Pro­biere ein neues Rezept. Solche Sachen.

Schade, dass Politiker und Lobby­­is­ten meinen, sie können nur groß. ­Eine "schnelle Rückkehr in die Norma­lität" fordert der Arbeitgeberpräsident, "mehr Flugzeuge" der Stadtkämmerer. Hilfe! Und was soll der Satz ­"Masken sind kein kompletter Ersatz fürs ­Händewaschen"? Natürlich nicht! ­Vokabeln wie "komplett" kann man sich ohnehin aus dem Wortschatz ­löschen. Was hilft in der Krise?, fragt unser Kolumnist Dirk von Nayhauß ­jeden Monat Prominente. "Geduld. Kleine Schritte . . . Gib nicht auf. Lass es auch sein, geh auch weg. Aber komm wieder", antwortete ­Bruno Ganz 2010. Der Schauspieler ist vor einem Jahr gestorben. Seine Worte bleiben aktuell.

Dieses Sommerheft soll Sie zwei Monate lang begleiten, wir erscheinen erst wieder im September. Bis ­ dahin – gehen Sie kleine Schritte. Wir ­kommen wieder!

Leseempfehlung

Wenn die Lage schlecht ist, hilft Bewegung, sagt der Schauspieler Bruno Ganz. Weggehen – und wiederkommen

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,
Was für eine wunderbare ‚Ansage‘ in der aktuellen Chrismon! Ich danke Ihnen, you made my day!!!
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen PK
Dr. Patricia Klein

Sehr geehrte Frau Ott,
mit Ihrer Ansage aus der 07/08-Ausgabe sprechen Sie mir aus dem Herzen.
Das von Ihnen zitierte Gedicht erinnert mich darüber hinaus an das Buch „Kluge Ideen für ein gutes Leben" aus der Sammlung „School of Life" (Süddeutsche Zeitung Edition). Hier werden Ideen und Gedanken bedeutsamer Frauen und Männer – unter anderem aus den Bereichen Philosophie, olitische Theorie sowie Kunst und Architektur – vorgestellt. Und das angenehm kurz und knapp.
Ganz konkret musste ich an den darin portraitierten Andy Warhol denken, dessen Werk ja auch von der Würdigung des Alltagslebens durchzogen ist. Zitat: „Warhol möchte und dazu bringen, eine bestimmte geistige Haltung einzuüben: Die Dinge, die wir im Alltag tun, sind interessant, und sie sind es wert betrachtet zu werden. (…) Niemand muss sich an einen anderen Ort fantasieren. Es genügt, den ganz eigenen Wert und Zauber von Alltagsgegenständen und Alltagshandlungen zu erkennen." In diesem Sinne: angenehme Alltäglichkeit! Ob im Büro oder Zuhause.
Beste Grüße
Oliver Ohlhagen