Ursula Ott über Blicke gegen Kontaktbeschränkung

Schaut euch in die Augen! Davon kriegt ihr schon kein Corona
Hände schütteln geht nicht, Umarmungen erst Recht nicht - aber ein Blick in die Augen sollte möglich sein, findet Ursula Ott.

Immer schon gab es diese Weggucker, längst vor Corona. Die Kellnerin, die vor lauter Stress nicht sehen wollte, dass unser Bierglas leer war und immer auf den Tisch hinten links guckte statt zu uns vorne rechts. Der Frankfurter Slimfit-Anzugträger, der auf dem Bahnsteig wegguckte aus Angst, wir könnten sein Schritttempo drosseln. Und das wär schlecht für den Blitz­handel an der Börse. Die C-Promis, die bei Empfängen nicht in meine unwichtigen Augen guckten, sondern über meine linke Schulter hinweg in den Raum, ob da A- oder B-Promis sind. Nervig, immer schon.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Aber jetzt ist die Sache ernst. Leute, guckt euch in die Augen! Es ist ungefähr das Einzige, was wir in diesen Tagen miteinander tun können. Anfassen ist nicht, sprechen über zwei Meter hinweg mühsam. Und von diesen ganzen Videokonferenzen ­wollen wir gar nicht reden, da schielen Leute vor allem auf diesen Button, wo man das Mikro ausschaltet. Oder auf die Schlafzimmertür hinterm Laptop, aus Angst, da könnte gleich ein halb bekleidetes Kind rausspringen. Aber in die Augen? Nix.

Drum: Lasst uns wenigstens ­draußen auf der Straße in die Augen gucken! Es überträgt keinen Virus. Es ist nicht von Herrn Spahn verboten. Ich schaffe es auch nicht immer. ­Gestern habe ich die Augen abgewendet, als ein Straßenzeitungsverkäufer mich fixieren wollte. Ich hatte Angst, ich müsse seine Zeitung kaufen und Münzgeld in die Hand nehmen. Ich schäme mich dafür. Und freue mich beim Bäcker, auf dem Markt, beim Spaziergang über alle, die freundlich gucken. Denn die gibt’s ja auch. Die jetzt grüßen, weil sie einen vom Balkonsingen kennen oder aus der Schlange vorm Rewe.

Die Tage sind echt lang jetzt für Mütter

Ich ­habe so einen neuen Guck-Kumpel, er ist zwei Jahre alt und mit seiner Mama jeden Morgen in dem Park, in dem ich Yoga mache. Seine Mama guckt viel aufs Handy, ich verstehe das, die Tage sind echt lang jetzt für Mütter. So­lange guckt der Junge in seinem daunen­dicken Raumanzug mir in die Augen und auf die ungelenken Gliedmaßen und ich guck zu ihm. Danke!

Wir blicken im Mai-Heft – nicht nur auf Corona. Ja, wir fragen die Pfarrerin, ob bei Instagram jetzt noch mehr los ist. Die Kinderpsychologin, wie man lange Stubentage mit maulfaulen Kindern überlebt. Aber wir gucken auch hinaus in die Welt. Wo Mädchen missbraucht werden und alle fünf ­Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Wo ein Regenbogen aufgeht. Vor ­Corona, nach Corona, immer. Halten wir die Augen auf füreinander!

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