Ursula Ott über Entschuldigen, Verzeihen und Vergeben

Oh, das tut mir leid! Kann jetzt echt nicht so schwer sein, oder?
Es ist nicht schlimm, wenn man sich mal daneben benimmt. Schlimm ist, wenn man sich nicht entschuldigt.

Seit diese kleine Rubrik umgetauft wurde in "Ansage", kriegt die Autorin auch Ansagen. Also Vorschläge, was jetzt mal dran wäre. Gleich die erste Ansagen-Ansage kam zum passenden Zeitpunkt. Leserin Claudia F. schrieb: "Was mir fehlt im täglichen Zusammenleben? Die Fähigkeit, sich auch mal spontan zu entschuldigen, wenn was nicht gut gelaufen ist. Lieber wird auf andere verwiesen oder einfach großzügig darüber hinweggegangen."

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Claudia F. schrieb mir diese Mail am Sturm-Sonntag, ich saß im letzten ICE, der noch durchkam von Köln nach Frankfurt am Main. Sturmtage sind Ausnahmetage – ich habe an solchen Tagen ein weites Herz. Die Großraumwagen sind überfüllt, die Mitreisenden genervt. Ist ja alles nicht so, wie man geplant hatte, da wird man schon mal nervös. Drum war ich nicht sauer, als hinter mir einer laut telefonierte und dabei nicht merkte, dass er immer ­weiter aufdrehte. Ich machte ein ­Zeichen: "zu laut". Und war sicher, wenn er sein Handytelefonat be­endet, würde er so was sagen wie "Oh, ich hab’s nicht gemerkt". Das hätte für mich geklungen wie "Tut mir leid". Der Mann aber beendete sein Telefonat und sagte zu mir: "Junge Frau, ich habe 
extra einen Platz im Handybereich gebucht." Jetzt war ich sauer. Denn es klang eher wie: "Ich habe diesen Platz gekauft, und eigentlich gehört mir der ganze Zug." Oder wie: Ich Chef, du nix.

"Entschuldigen bahnt neue Wege zueinander"

Was genau ist so schwer daran, sich bei kleinen Fehlern rasch zu entschuldigen? Wir reden nicht von den ganz großen Dramen, nicht von schwerer Schuld, um deren Vergebung man ­bitten muss. Sondern von diesen ­blöden Missgeschicken im Alltag. Mich blaffte neulich meine Friseurin an, weil ich einer anderen Kundin die Tür aufmachte. Die Tür sei kaputt, da hänge übrigens auch ein Schild "Nicht anfassen!". Gerade wollte ich beleidigt sein, da kam sie noch mal her: "Tut mir leid, war blöd von mir." Das gab mir die 
Gelegenheit, zu fragen: "Mensch, was ist passiert?" Und erfuhr von: Einbruch, kein Handwerker, nerviger Vermieter. Das ist das Tolle am Entschuldigen: Man steigt ganz schnell in die Schuhe des anderen. "Spontan entschuldigen", schreibt Claudia F., "bahnt neue Wege zueinander." Und macht in meinem Fall die Haare schön. Weil: Will man ausgerechnet mit ­seiner ­Friseurin Stress haben? Am Ende schneidet sie noch schief und krumm.

Neue Wege – klingt wie ein Kirchen
lied. Diese chrismon-Ausgabe erscheint mitten in der Passionszeit, sie erzählt Geschichten von großem Leid. Und von der Hoffnung auf ­Erlösung. Wir wünschen ­Ihnen frohe Ostern. Und wenn Sie ­Ihrem oder Ihrer Liebsten an den Feiertagen eine Geschichte vorlesen mögen, mein Tipp: Unter diesem Link finden Sie eine besondere 
Liebesgeschichte.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott,
dankeschön für den kleinen Ausflug ins tägliche Leben.
Ich erlebe es täglich, dass Menschen unabhängig vom Geschlecht sich entschuldigen. Für mich ist das viel zu häufig der Fall, weil die Aussage "Entschuldigung" einfach nur belanglos gemacht wird. Viele denken, dass damit das, was nicht so gut gelaufen ist, vom Tisch ist.
Dabei übersehen alle, dass man sich selbst gar nicht aus der Schuld nehmen kann. Man kann um Entschuldigung bitten. Ob man dann dieser Bitte nachkommt oder versucht, über den "Fehler" zu sprechen, scheitert an der Schnelllebigkeit dieser Zeit und der oftmals fehlenden Empathie.

Richtig ist die von Ihnen gewählte Überschrift: oh, das tut mir leid! Aber nur das schnell gesprochene Wort "Entschuldigung" macht die Sache nicht vergessen.
Mit freundlichen Grüßen und bSg
Reinhard Tojek

Liebe Frau Ott,
als Sie an besagtem Sonntag im ICE nach Frankfurt a. M. unterwegs waren, sind Sie ganz nahe bei uns vorbeigerauscht. Wir wohnen in der Bergregion von Königswinter (genauer: Heisterbacherrott). Beim Lesen Ihrer „Ansage“ - die mir sowas von gut getan hat - habe ich kurz darüber nachdenken müssen, ob diese positiven und zustimmenden Gefühle auf diese „räumliche Nähe“ zurückzuführen sein könnten. Ich kam schnell zu dem Schluss: sicher nein! Danke für Ihre Reflektionen!
Wenn Sie wieder mal auf dieser Strecke unterwegs sein sollten, können Sie auf unserer Höhe ja mal die Notbremse ziehen. Ich würde Sie dann auf einen Kaffee (vielleicht auch mit Kuchen) abholen.
Ganz herzliche Grüße
Hans Molnar