Ideen und Projekte zur Vermittlung der Geschichte des Dritten Reichs

Erinnern ohne Zeitzeugen
Erinnern ohne Zeitzeugen

Konstantin Pichler

Das Geschichtslabor im EL-DE-Haus in Köln

Das Geschichtslabor im EL-DE-Haus in Köln

Nur noch wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen leben und können persönlich vom Holocaust und der NS-Geschichte berichten. In der pädagogischen Arbeit spielten sie lange eine wichtige Rolle. Wie Geschichte in Zukunft weiter vermittelt wird, wenn keine Zeitzeugen mehr leben - darauf haben drei Projekte unterschiedliche Antworten gefunden.

Trude Simonsohn hat als Holocaust-Überlebende jahrzehntelang in Schulklassen, Studienseminaren und Zeitzeugengesprächen aus ihrem Leben erzählt. Sie sagte oft: „Es ist meine Pflicht als Überlebende, für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen können.“ Doch der 96-Jährigen fallen solche Besuche heute schwer. Ihre Freundin Irmgard Heydorn, mit der sie oft gemeinsam auftrat, ist 2017 gestorben. Sie waren die bekanntesten Zeitzeuginnen aus Frankfurt am Main.

In den letzten Jahrzehnten spielten persönliche Zeitzeugengespräche in der Erinnerungskultur und der pädagogischen Arbeit eine wichtige Rolle. Doch es leben nur noch wenige Holocaust-Überlebende. Bald werden keine mehr zu Klassen und Vorträgen gehen können. Die Frage ist: Wie kann die NS-Geschichte und die Erinnerung an den Holocaust weiter vermittelt werden? 

Ein Medium kann nie das persönliche Gespräch ersetzen

Diese Frage stellte sich auch der Frankfurter Filmemacher Adrian Oeser. Seine erste Antwort: „Ich habe die beiden bei einem Zeitzeugengespräch als Schüler kennengelernt und wusste: Ich mache einen Film.“ Oeser interviewte Trude Simonsohn und Irmgard Heydorn ausführlich, produzierte einen 23-minütigen Film und stellte ihn in Schulen vor. „Aber immer wieder stellten die Schüler nach den Aufführungen Fragen zu Trude Simonsohn und Irmgard Heydorn, die der Film nicht beantwortete“, sagte Oeser. Er wollte mehr Material zugänglich machen. Seine zweite Antwort war ein Online-Medienprojekt: Eine Ausnahme. Er arbeitete das Material didaktisch auf und strukturierte alles in kleinen Clips. Vergangenes Jahr ging „Eine Ausnahme“ online. „Eine Art YouTube-Format“, sagt Oeser. Das Material ist in neun Kapitel eingeteilt, sie heißen zum Beispiel „Glückliche Jugend“ und „Erleben von Antisemitismus“. Neben den Clips gibt es noch Informationen, Fotos und historisches Material zu den Erzählungen. „Da werden viele Begriffe erklärt, die ich als Jugendlicher selbst nicht verstand, zum Beispiel Gestapo oder Internationaler Sozialistischer Bund.“ Oeser hat selbst erfahren, wie viel ein Zeitzeugengespräch bewegen kann. „Das ganze Projekt ist unter der Prämisse entstanden, dass ein Medium nie das persönliche Gespräch ersetzen kann“, sagt Oeser. „Das ist der besondere Wert von Zeitzeugengesprächen. Sie erzählen persönlich ihre Geschichte. Das Video ist nicht das Gleiche, aber eben das, was wir haben.“

Seit Jahren wird nach Wegen gesucht, die Zeugnisse der Zeitzeugen zu erhalten. Der Verein "Heimatsucher" bildet Jugendliche zu "Zweitzeugen" aus. Sie lernen die Geschichte eines Überlebenden kennen und tragen sie dann weiter. Es gibt große Interviewsammlungen, wie die der Shoah-Foundation. In den Videos erzählen Überlebende ihre Geschichte, doch die Emotionalität eines Zeitzeugengespräches vermittelt sich dabei nicht.

Die Tränen mal weglassen und auf die Mechanismen schauen

Wie mit modernen pädagogischen Ansätzen Geschichte vermittelt wird, das kann man in Köln sehen: Für einen Moment denkt man, man betritt die Zauberwelt der Harry-Potter-Romane. An der Decke hängen verkehrt herum Teekannen, Spülschüsseln und Ferngläser, an der rechten Wand sind Kommoden, Stühle und Bücherregale angebracht. Es sind alltägliche Gegenstände, aber völlig anders präsentiert, als wir sie normalerweise sehen. Der Raum gehört zum Geschichtslabor des Kölner EL-DE-Hauses. Hier hatte die Gestapo ihren Sitz. Heute ist es Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum. Im Geschichtslabor können Kinder und Jugendliche seit sechs Jahren anhand von fünf Biografien NS-Geschichte erarbeiten. Dazu müssen sie mit Kurbeln die Gegenstände von der Decke herablassen, Gegenstände in den Schränken suchen, Rätsel lösen und hinter verschlossenen Schranktüren wieder neue Hinweise finden. Langsam tasten sie sich an die Biografien der Zeitzeugen heran und erst am Ende lesen sie deren gesamte Geschichte. Eine historische Schnitzeljagd, die Spaß machen soll.

 Kinder erarbeiten sich Geschichte im EL-DE-HausFoto: Barbara Kirschbaum
„Die NS-Geschichte ist ein spannendes Thema, und ich will Interesse wecken“, sagt Barbara Kirschbaum. Deswegen sieht dieser Raum anders aus, als man es von einer NS-Gedenkstätte erwarten könnte, bunt, lebendig und offen. Kirschbaum hat den Raum entwickelt und ist zuständig für den Bereich „Bildung und Vermittlung“. Im EL-DE Haus werden Zeitzeugenberichte im Geschichtslabor entdeckt, nicht bloß auf Video gezeigt. Dabei ist Kirschbaum vor allem die Analyse der gesellschaftlichen Mechanismen von Ausgrenzung und Gruppendruck wichtig. Der moralische Zeigefinger habe in der Arbeit nichts zu suchen. Deswegen sieht Barbara Kirschbaum den Umgang mit Zeitzeugen in den vergangenen Jahren durchaus kritisch. Oft ginge es in den Erzählungen um den Holocaust, den Krieg und das Ende der NS-Zeit, weniger um die Mechanismen, die dort hin führten. „Die Emotionalität verstellte manchmal den Blick auf die Analyse“, sagt sie. Das sei nicht die Schuld der Zeitzeugen gewesen, aber sie begrüßt die mit den neuen Zugängen einhergehende Distanz. „Im Geschichtslabor lassen wir die Tränen weg und wir gucken mal“, sagt Kirschbaum. „Wir wenden den Blick auf die Mechanismen, die zum Holocaust geführt haben. Das fängt schon mit dem Ersten Weltkrieg an“, sagt sie. Nur wer die Mechanismen verstehe, könne auch heute Ausgrenzung erkennen. Die Zeugnisse der Zeitzeugen werden hier zu historischen Quellen, mit denen sich die Jugendlichen auseinandersetzen können.

Sich mit der eigenen Geschichte einbringen

In Frankfurt am Main richtet die Bildungsstätte Anne Frank den Blick noch stärker auf die Gegenwart. In den Fluren der Bildungsstätte kracht und hämmert es, Handwerker laufen durch die Gänge. Sie bauen ein Lernlabor, das am 12. Juni 2018 eröffnet wird. Hier wird noch stärker auf die Gegenwart geschaut und mit Hilfe der Geschichte erklärt, wie es auf deutschen Schulhöfen und anderswo auch heute noch zu Diskriminierungen kommt. Zwar hat man in der Bildungsstätte auch immer mit Zeitzeugen gearbeitet. „Aber das sind vor allem Überlebensberichte. Das ist ein besonderer Zugang, aber er hat nicht die Aufgabe, heutige Diskriminierungen zu analysieren“, sagt Célinde Wendelgaß vom pädagogischen Team der Bildungsstätte. Das hingegen soll das Labor leisten. Noch ist es eine Baustelle, aber bald sollen hier Jugendliche Tools einsetzen, die sie aus ihrem Alltag kennen, zum Beispiel neue Medien, Computerspiele und Tablets. „Anne Frank und der Nationalsozialismus spielen eine wichtige Rolle im Lernlabor“, sagt Wendelgaß. „Aber wir müssen auch immer überlegen, wo es sinnvoll ist, die Geschichte einzubringen, wo wir etwas über Ausgrenzungsmechanismen lernen.“ Im neuen Lernlabor soll die Perspektive der Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen. „Jugendliche haben Erfahrung, eine eigene Meinung und wissen sehr viel. Aber sie werden oft nicht gehört. Im Lernlabor sollen sie eine Stimme bekommen“, erklärt die Pädagogin.

Patrick P. Bauer

Patrick P. Bauer ist freier Reporter und lebt in Frankfurt am Main. Er hat Stadtgeografie studiert und die Zeitenspiegel-Reportageschule besucht.
Abbi Wensyel

Zum Beispiel an der Station über Flucht und Migration. „Dort wollen wir klarmachen, die Welt ist ständig in Bewegung. Flucht und Migration gibt es schon, seit es die Menschheit gibt“, sagt sie. Viele Jugendliche könnten sich dann mit ihrer eigenen Geschichte einbringen: „Dann werden sie selbst zu Experten.“ Eine andere Station wird heißen: „Vom Tagebuch zum Weblog.“ Wendelgaß erklärt, dass Jugendliche schon immer die Gesellschaft kommentiert haben. „Ein berühmtes Beispiel ist unsere Namensgeberin Anne Frank“, sagt sie. Aber im Grunde hätten alle Jugendlichen diese Gedanken zur Gegenwart. Sie hätten einen guten Sinn für Ungerechtigkeit. „Das wollen wir ernst nehmen.“ Das Lernlabor soll damit Freiräume schaffen, in denen Jugendliche ihre Meinung formulieren können. So können sie sich mit Rassismus und Antisemitismus beschäftigen und sagen, was sie denken.

Wie wichtig der Blick auf die Gegenwart ist, haben die antisemitischen Demonstrationen in Berlin im Dezember verdeutlicht. Offiziell richteten sie sich gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt. Doch bei den Protesten trat offener Judenhass zutage, israelische Flaggen wurden verbrannt. Dem Deutschlandfunk sagte der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, dass antisemitische Weltbilder sowohl unter Einwanderern als auch in der Mehrheitsgesellschaft noch immer stark vertreten sind. Konzepte wie in Köln oder Frankfurt, die junge Menschen ansprechen, erscheinen damit umso wichtiger.

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Zweit-Zeugen

Der Verein "Heimatsucher" bildet sogenannte "Zweitzeugen" aus. Schüler arbeiten sich in Workshops in die Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden ein und können dann die Lebensgeschichte selbst weitergeben.

heimatsucher.de

 

USC Shoah Foundation

Von 1994 bis 1999 zeichnete die Organisation rund 52.000 Interviews von Überlebenden auf. Es ist die weltweit größte Interviewsammlung zum Holocaust. Mehr als 80 Institutionen weltweit haben einen Vollzugang zum Archiv.

sfi.usc.edu

 

Yad Vashem

Yad Vashem ist die bedeutendste Gedenkstätte des Holocaust. Die zentrale Datenbank bietet eine große Sammlung von Interviews, Fotos und vielen weiteren digitalisierten Dokumenten.

yad-vashem.org

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