Mediatorin Lis Ripke löst Erbschaftsstreits

"Konsens statt Konflikt"
Perlenkette auf Tisch

Vasilyeva/plainpicture

Zankapfel Erbschaft: "Solange der Streit läuft, ist das Erbe blockiert"

Eine Mediation kostet weniger als ein Rechtsstreit. Und es schont die Nerven, wenn man es einmal geschafft hat, sich mit dem Gegner an einen Tisch zu setzen
Deutschland spricht 2019

chrismon: Man geht vor Gericht, weil man sein Recht will. Und dann kommen Sie daher und sagen: „Machen Sie besser eine Mediation.“ Warum sollte ich?

Lis Ripke: Weil viele Leute eine unrealistische Vorstellung von ihrer Chance haben, bei Gericht zu gewinnen. Außerdem kostet ein Prozess viel Geld, Zeit und Nerven. Schon den Schriftsatz der Gegenseite zu lesen, ist sehr kraftraubend, da schläft man nicht in der Nacht. Und solange der Streit läuft, ist das Erbe blockiert.

Das Gericht sucht doch auch nach einer Lösung, rät zum Beispiel zum Vergleich.

Das Ergebnis, in Zahlen, kann das gleiche sein, aber es fühlt sich anders an. Nach einem gerichtlichen Vergleich fühlen sich meist beide Seiten als Verlierer. Es gibt einen ironischen Spruch unter Richtern: „Ein Vergleich ist gut, wenn beide Parteien gleich unzufrieden sind.“ Stimmt. Wenn sich zum Beispiel Bruder und Schwester über 100 000 Euro aus dem Erbe nicht ­einig sind und am Ende, auf Vorschlag des Richters, jeder 50 000 bekommt, dann empfinden das beide als Verlust: Beide wollten alles, jeder kriegt nur die Hälfte. Die Mediation strebt statt eines Kom­promisses einen Konsens an: Man ent­wickelt gemeinsam ein Ergebnis, jeder sagt am Ende Ja. Das fühlt sich ganz ­anders an.

Wie findet man in der Mediation zu so ­einer Wohlfühlvereinbarung?

Indem wir einen Umweg machen. Es geht in der Mediation nicht darum, dass einer 100 000 Euro will, sondern darum, warum er diese will. Wofür steht dieses Geld? Vielleicht steht es für die Anerkennung all dessen, was ich meinen Eltern gegeben habe; dass anerkannt wird, was ich an Lebensträumen aufgegeben habe. Oder es steht für die Absicherung der nächsten Generation. Diese Motive kann der andere viel eher akzeptieren als eine bloße Geldforderung.

Am Anfang erzählt jeder erst einmal nur der Mediatorin von sich und nicht direkt dem Streitpartner. Liegt darin das Geheimnis der Mediation?

Ja, wir lösen die negative Kommunikation zwischen den beiden auf, indem sie zunächst nicht miteinander sprechen. Während der eine der Mediatorin seine Sicht der Dinge erzählt – und die versteht ihn gut, denn sie ist ja keine Konfliktpartei –, kann der andere gelassen dabeisitzen und zuhören, er kommt ja danach auch dran.

"Patchworkfamilien empfehle ich auf jeden Fall die Mediation vor dem Testament"

Aber so weit muss es erst einmal kommen, dass die Konfliktpartner zu einer Mediation gehen!

Die größte Hürde ist tatsächlich, dass die meisten Konfliktpartner eine Abneigung spüren, überhaupt mit dem anderen im ­selben Raum zu sitzen. Das ist ja auch ­nicht leicht. Ich habe echt Hochachtung vor meinen Klienten! Denn es ist einfacher, den anderen zu dämonisieren, sich selbst ganz arg zu bemitleiden, dann zum Anwalt zu gehen, um am Ende, sollte man verlieren, sagen zu können: „Ich hab wenigstens nicht nachgegeben, es war halt ein blöder Richter...“

In einer Mediation entscheide ich selbst?

Ja, in der Mediation muss ich zu dem Ergebnis Ja oder Nein sagen. Das gibt mir einerseits die Sicherheit, dass nichts passiert ohne meine Zustimmung. Andererseits ist es ein Druck, denn es ist klar, ich werde mich in irgendeiner Art und Weise bewegen müssen. Ich muss mindestens aufhören, den anderen zu verteufeln. Ich muss mit ihm an einem Tisch sitzen. Und irgendwann im Laufe der Mediation muss ich ihm in die Augen schauen und nach gemeinsamen Lösungen suchen.

Mit was für Erbkonflikten kommen die Leute zu Ihnen?

Christine Holch

Chefreporterin Christine Holch studierte Germanistik / Philosophie in Hamburg, spielte Theater auf der Straße, absolvierte ein Volontariat in Hessen und Thüringen, arbeitete als Redakteurin bei der "tageszeitung" (taz) in Bremen und kam als Wissenschaftsredakteurin zum chrismon-Vorläufer "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Bei chrismon ist sie Chefreporterin. Sie schreibt gern über knifflige medizinethische Themen, aber auch über moderne Schweinemast, den Umgang von Paaren mit Geld oder über so schwierige Fragen, ob man 14-jährige Mädchen überhaupt verstehen kann, wie man sich bloß eine Patientenverfügung bastelt, oder wie man Betriebe wandelt, ohne dass am Ende alle mit den Nerven fertig sind. Außerdem ist sie zuständig für die Rubrik "Anfänge".  
Lena UphoffChristine Holch, Chefreporterin chrismon
Oft kommen Männer, die noch mal ge­heiratet und Kinder bekommen haben. Sie wollen mit den erwachsenen Kindern aus der ersten Ehe die Erbfolge klären. Patchworkfamilien empfehle ich auf jeden Fall, in die Mediation zu gehen, bevor sie ein Testament machen. Es kommen auch Familienunternehmer, die Fragen zur Nachfolgeregelung haben. Und Geschwister, nachdem ein Elternteil oder beide Eltern verstorben sind. Manchmal viele Jahre später: Bei mir waren mal fünf Geschwis­ter, alle über 80, mit Streit aus dem früheren Erbfall. Sie warfen sich Sachen vor aus der Zeit, als sie drei Jahre alt waren.

Geschwisterstreit geht oft so, dass der ­eine sagt: Du bist immer bevorzugt worden, jetzt noch durch das Erbe, ich galt immer als schwarzes Schaf, nur weil ich Künstler geworden bin. Was machen Sie dann?

Da frage ich, warum er Künstler geworden ist. Dann bemühe ich mich darum, dass er von dem Vorwurf „Du warst der Liebling!“ wegkommt – und sagt: „Das war mein Weg.“ Er muss ja gute Gründe gehabt haben, sonst hätte er es nicht gemacht. Da geht manchmal wirklich ein Engel durch den Raum, wenn einer erkennt: Tatsächlich habe ich selbst mich von der Familie abgewendet; es gab Gründe dafür, aber ich hätte später wieder auf meine Eltern zugehen können; der Bruder hat viel mehr übernommen, dadurch dass er die „Aufträge“ der Eltern erfüllt hat, zum Beispiel Anwalt oder Arzt geworden ist, vielleicht um den Preis der Freiheit. Das ist klassisch bei Geschwis­tern: Einer übernimmt eher die Aufträge der Eltern, der andere rebelliert eher. Beide zahlen einen Preis.

"Ungelöster Erbstreit belastet auch kommende Generationen"

Wenn die Konfliktparteien eine Lösung gefunden haben, kommen dann noch mal Anwälte ins Spiel?

Wenn sie mir von ihren Anwälten geschickt wurden, schreibe ich mit den ­Leuten auf, wie sie es machen wollen, dann machen die Anwälte die juristische Ausgestaltung. Manche Anwälte sitzen auch bei der Mediation dabei – die haben oft hilfreiche Ideen für eine individuelle Gestaltung. Oder die Leute kommen direkt zu uns. In diesem Fall holen wir Anwälte als Experten in die Mediation. Denn Mediationsteilnehmer sollten in jedem Fall über die rechtliche Betrachtungsweise aufgeklärt sein. Wir arbeiten auch oft mit Notaren zusammen, die das Mediationsergebnis in einen rechtlichen Vertrag gießen.

Was kostet eine Mediation?

In der Regel kostet es weniger als beim Rechtsanwalt, da sich das Honorar nicht nach dem Wert des Streitgegenstands richtet, etwa einem Haus, sondern auf Stundenbasis abgerechnet wird. Der Stundensatz liegt bei 150 bis 250 Euro. Wenn die Leute in verschiedenen Städten wohnen, machen wir längere Einheiten am Stück. Nach zwei, drei Treffen hat man dann meistens eine Lösung. Das heißt, es ist vernünftig, 2000 bis 3000 Euro für eine Mediation anzusetzen.

Und die Erfolgsquote?

Erfolg heißt, dass man zum Vertrag und Vertragen kommt. Und diesen Erfolg hat man statistisch bei Familienmediationen in 80 Prozent der Fälle. In dem Moment, wo die Leute in einem Raum sind, hat man als Mediatorin gute Chancen, dass man es hinkriegt. Die Bereitschaft, die Sache zu bereinigen, muss natürlich von den Be­teiligten selbst kommen – oder von der Mediatorin zu wecken sein: Bin ich bereit, mir anzuhören, was die Motive des anderen sind? Ich muss ja nicht einverstanden sein, aber ich muss ein Interesse haben: Warum sagt der eigentlich, er will mir nichts geben? Und will ich selber sagen, warum mir die 100 000 Euro wichtig sind, statt nur die Zahl in den Raum zu werfen?

Hört sich anstrengend an.

Eine Mediation ist mit Sicherheit nichts, was man dauernd macht. Sondern nur bei etwas Existenziellem. Wie bei einem Erbfall. Diese Anstrengung lohnt sich aber, und man sorgt auch für die Nachkommen. Denn ungelöste Erbstreitigkeiten vergiften familiäre Beziehungen und belasten auch kommende Generationen.

Lis Ripke

Lis Ripke ist beides: Mediatorin und Rechtsanwältin. Sie leitet das Institut für Mediation in Heidelberg.
Foto: Paul Ripke

Information

Einen Mediator, eine Mediatorin in der Nähe findet man online zum Beispiel mit den Suchbegriffen Erbrecht + Mediation + Ihren Ort. Oder bei Verbänden wie etwa bafm-mediation.de

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Lesermeinungen

Was dieser Artikel verdeutlicht: wie Säkularisierung geschieht. Die Mediatorin spricht nichts anderes an, als das christliche Thema der Versöhnung, Einsicht, ein Thema, von dem kein Mensch mehr heute was wissen will: dafür gibts doch Gerichte und Experten ! So ist auch die Sensibilität einer Journalistin, die, so wird sie von ihrer Redaktion beschrieben, ein breites Spektrum an Themen behandelt, und die gleichermassen über Schweinemast wie über "knifflige medizinethische Themen schreibt : mau, "hart wie Kreppstahl ", und ohne jegliches Gewissen.
Ihr wirklich interessanter Kommentar : "Hört sich anstrengend an. "