Weihnachten, der Stammbaum Jesu und die unheilige Familie

Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Azor. Azor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Alle Geschlechter von Abraham bis zu David sind vierzehn Geschlechter. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Geschlechter. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Geschlechter.
1,2-17
Weihnachten, der Stammbaum Jesu und die unheilige Familie
Sekt am Heiligabend
Die Pfarrerin und Moderatorin des Reformierten Bundes in Deutschland über die unheilige Familie.

Mein schönster Heiligabend? Der war, als ich ihn am wenigsten erwartete. Ich war gerade getrennt und zum ersten Mal mit den Kindern allein. Was für eine Herausforderung, dass sich alles wie immer anfühlt, besonders für die Kinder, obwohl nichts wie früher ist: Baum schmücken, Krippenspiel, Bescherung, Würstchen mit Kartoffelsalat und dann spätabends noch als Pastorin den Gottesdienst feiern.

Kathrin Oxen

Kathrin Oxen, Jahrgang 1972, ist Pfarrerin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin und ­Moderatorin ­(Leiterin) des Reformierten Bundes in Deutschland.

Und während die anderen Gottesdienstbesucher zurück unter ihren eigenen Baum eilten, stand ich mit zwei alleinstehenden Frauen noch an der Kirchentür. Ich merkte, sie müssen offenbar nicht gleich nach Hause. Sie waren beide in einer ähnlichen Situation wie ich. Und ich habe getan, wovon man gelegentlich in Weihnachtspredigten hört. Einfach mal jemanden, der nicht recht weiß, wohin, zu sich nach Hause einladen. Im Kühlschrank war noch eine Flasche Sekt. Die haben wir aufgemacht und auf die Heilige Familie angestoßen.

Seit diesem Heiligabend trinke ich immer nach dem letzten Gottesdienst Sekt. Und ein recht unpopulärer Teil der Weihnachtsgeschichte ist mein liebster Text ge­worden: Jesu Stammbaum bei Matthäus 1,2–17. Man sollte ihn ­lieber nüchtern lesen, allein schon die Namen sind eine zungenbrecherische Herausforderung, und beim ­ständigen "und zeugte" verrutscht man schon mal in der Zeile.

Auf den ersten Blick sieht es wie eine makellose Ahnen­reihe aus, schön patriarchalisch ist von A wie Abraham an von ­zeugenden Männern die Rede. Aber es gibt Unter­brechungen: "Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar." "Salmon zeugte Boas mit der Rahab." "Boas zeugte Obed mit der Rut." "David zeugte Salomo mit der Frau des Uria." 

Nix Heilige Familie

Hinter jedem dieser dürren Sätze steht eine pralle Familiengeschichte. Juda hat Zwillingssöhne mit seiner verwitweten Schwiegertochter Tamar gezeugt, die sonst kinderlos geblieben wäre. Boas ist der Sohn der Prosti­tuierten Rahab. Sein Vater war als Spion ins Land ge­kommen. Seine Mutter hatte ihn bei sich versteckt ge­halten und offensichtlich noch mehr mit ihm gemacht. Boas geht später eine arrangierte Ehe mit der Ausländerin Rut ein. Und David, der große König? Er hat ein Auge auf die verheiratete Batseba geworfen und schickt deswegen ihren Ehemann Uria auf ein Himmelfahrtskommando. Der Sohn aus dieser Beziehung, Salomo, wächst zum ­weisen König heran.

Viel Familie. Und wenige Heilige. Hier läuft eigentlich gar nichts glatt. Hier wird um die Familie gekämpft und gerungen. Hier wird hintergangen und betrogen, kühl arrangiert und leidenschaftlich geliebt. Affären und Vernunftehen, flüchtige Begegnungen mit Folgen, Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Schurken und Helden, Huren und Heilige. Hier gibt es alles und nichts, was es nicht gibt – das ist die Familie, in der Jesus zur Welt kommt. Das Kind in der Krippe soll ja auch in seinem späteren Leben eine ihm nicht abzugewöhnende Leidenschaft für Menschen mit irregulären Lebensläufen gehabt haben.

Bei Gott zählt nicht die Herkunft

Was nach einer Unterbrechung aussieht, ist für Gott die Fortsetzung seines Wegs mit anderen Mitteln. Die Frauen aus dieser Familie, Tamar und Rahab, Rut ­und Batseba, sind keine Jüdinnen. Sie unterbrechen die ­makellose ­Ahnenreihe. Und doch kommt durch sie Jesus zur Welt. Bei Gott zählt nicht die Herkunft, es zählen Mut und Treue, Fantasie und vor allem die Liebe, mit der diese Frauen sich ihren Platz in der Ahnenreihe Jesu erworben haben. Wer nicht dazugehört, wird mit hineingenommen. In den ­Irrungen und Wirrungen, mit den Brüchen im ­Leben kommen Gottes Wege doch noch an ihr Ziel.

Ich finde das bis heute tröstlich. Mich an der Glori­fizierung der Heiligen Familie aus Vater, Mutter, Kind zu beteiligen, dazu habe ich keine Lust, schon gar nicht an Weihnachten. Jede Familie hat ihre Geschichten, die ­Dinge entwickeln sich, es kommt anders, als man sich es mal gewünscht hat. Gerade an Heiligabend kommt das alles zusammen. Und alle. Dann sollte genug Sekt im Kühlschrank sein. Damit wir darauf anstoßen können.

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