Über den Lobgesang des Zacharias

Erster Advent, 
2. Dezember 2018
1, 76
Online-Dachzeile: 
Über den Lobgesang des Zacharias
Ihr Kinderlein!
In der bürgerlichen Vorstellung sind sie brav und behütet. Doch allzu oft werden Minderjährige Opfer von Gewalt

 Wenn es nach dem Wortlaut der Luther­übersetzung geht, kommt bald das Kindleinfest. "Du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen", so verniedlicht der Predigttext für den ­ersten Advent das angekündigte Kind. Seit Christoph von Schmids Weihnachtslied "Ihr Kinderlein, kommet" von 1798 populär wurde, überschneiden sich das "Kindlein"-Motiv aus der biblischen Erzählung und die Vorstellung vom braven und be­hüteten Kind aus der bürgerlichen Pädagogik. Kinderlein kommen zahlreich. Hoffentlich kommen sie heil ins ­Leben und später auch gern zum Fest. Denn das ist nicht selbstverständlich.

Christiane Thiel

Christiane Thiel ist seit 2016 Hochschul- und Studierendenpfarrerin in Halle/Saale. Sie wurde im sächsischen Freiberg geboren. Sie studierte Mathematik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, später Evangelische Theologie auch in Marburg und Berlin. Seit 1995 ist sie Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Sie war Pfarrerin in den Leipziger Gemeinden Markkleeberg-Großstädteln-Großdeuben, Stadtjugendpfarrerin in Leipzig und danach Pfarrerin im Leipziger Stadtteil Holzhausen. Für ihren ersten Roman "Das Jahr, in dem ich 13 einhalb war" bekam sie 2007 den Peter-Härtling-Preis.
Charlotte Sattler/Charlotte SattlerChristiane Thiel, Pfarrerin der ESG Halle in ihrem Buero in Halle am 27.04.2017. FOTO: Charlotte Sattler

Viele Kinder leiden. Sie sind Fliehende. Sie ver­schwinden oder ertrinken auf der Flucht. Sie werden Opfer von Menschenhandel, Ausbeutung, Sklaverei und sexualisierter Gewalt. Auch in Deutschland sind Kinder gefährdet. Gewalt gegen Kinder kann es nebenan geben, in der Familie, auch in der Kirche. Nicht immer geht sie mit Schlägen einher. Manche Gewalt ist leise und unsichtbar und dabei nicht weniger grausam.

"Gott, ohnmächtig wie jedes Kind"

Das Evangelium nach Lukas ist ein Hoffnungsbuch. Mit dem Kindlein verheißt es allerdings nicht das Christkind, sondern den Propheten Johannes, das späte Kind der alten Elisabeth und des Priesters Zacharias. Der Junge wird sich als Erwachsener in die Tradition der jüdischen Märtyrer und Märtyrerinnen stellen. Er wird sein Leben lassen im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unter­drückung – in der von Willkür gegen die Armen geprägten Herrschaftszeit des Römischen Reiches in 
Palästina. Johannes der Täufer stirbt als Märtyrer, noch bevor Jesus zum Kreuz geführt wird.

Doch zunächst ist Johannes ein Kindlein für Gott. Im zarten Bild zeigt sich ein auf Wärme, Nähe, Nahrung, Zuwendung und Aufmerksamkeit angewiesener Gott, ohnmächtig wie jedes Kind. Denn das ist das Wunder des Lebens: Gott mutet den hartherzig gewordenen Er­wachsenen zu, mit Kindern beschenkt zu werden, die in ihrer Zartheit wie Lebensgaben und Hoffnungszeichen einer größeren Liebe erscheinen.

Elisabeth empfängt ein Kind, dessen Leben von Anfang an unter dem Zeichen des Martyriums steht. Mit Frömmigkeit und Liebe singt sein Vater Zacharias davon, wie er das Leben seines Kindes deutet: Unsere kriegerische Welt wird für Gottes Liebe durchscheinend; das Kind lässt Licht herein; die Zeit der Zeichen beginnt. – Zacharias Lob­gesang ist auch der Predigttext für den ersten Advent 
(Lukas 1,67–79).

"Bereite ich Gott einen Weg?"

Welche Bedeutung hat das Lied des alten Mannes für mich und mein Kindleinfest 2018? Bereite ich Gott einen Weg? Ich hänge keinem naiven Bild unverdorbener Kindlichkeit nach. Sondern ich spüre die Verantwortung, die im Wunder der Kinder verborgen ist. Und mich erzürnt das Leid der Kinder. Ich habe Wut, dass der Anbau von billigem Kakao auch auf kindlichen Schultern lastet. Ich bin entsetzt, wie sich der Reichtum des Nordens vermehrt, auch auf Kosten von Kindern. Große Lebensmittel­konzerne diktieren nicht nur die Preise. Sie verdienen sich an billiger Kinderarbeit und selbst an Kindersklaven reich. Es ist ein Skandal, der unsere Schokolade billig und unser Leben luxuriös macht.

Ich will dieses Fest des göttlichen Kindleins nicht ­feiern, ohne dieser Kinderopfer zu gedenken, ihr Elend öffentlich zu machen und für ihre Grundrechte zu streiten. Die Liebe Gottes misst sich an der Liebe der Menschen zu den Kindern. Wir sind gefragt.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.