Theaterintendant Ulrich Khuon über das Beten im Kloster

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Theaterintendant Ulrich Khuon über das Beten im Kloster
Einfach 
mal loslassen
Das Wort - Einfach mal loslassen

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Das Wort - Einfach mal loslassen

Man muss auf der Bühne und im Leben nicht alles im Griff haben. Das hat Theaterintendant 
Ulrich Khuon von Benediktinermönchen gelernt

 Das Theater, für das ich täglich arbeite, erzählt von Menschen voller Wider­sprüche und Abgründe. Sie sind aufeinander angewiesen. Aber sie geben sich nicht zufrieden mit der Welt, wie sie ist. Zum 
Beispiel Alceste. Er liebt mit voller Hin­gabe Célimène und will sie ganz für sich haben. Sie ­wiederum liebt das gesellige Leben, das Alceste hasst. Schon vor 350 Jahren beschrieb Molière in seiner Komödie "Der Menschenfeind" den uralten Widerspruch von Liebe und Besitzansprüchen, einen unauflösbaren Konflikt.

Ulrich Khuon

Ulrich Khuon ist Dramaturg 
und Intendant des Deutschen 
Theaters Berlin. 
Er wurde 1951 ­geboren und 
hat Rechts­wissenschaften, Germanistik und 
Theologie studiert.
Klaus DybaUlrich Khuon Copyright Klaus Dyba Photography Brüsseler Str. 98 50672 Köln Tel. 0151-16790949 E-Mail: mail@klausdyba.com WWW: www.klausdyba.com Bankverbindung: Deutsche Bank PGK IBAN: DE04 3707 0024 0111 8421 00 BIC/SWIFT: DEUTDEDBKOE

Anders die heutigen Figuren der großen Gegenwarts­autorin Dea Loher. Sie leben am Rand der Städte. Sie ­drohen in unserer schnellen, globalen Welt verloren zu gehen. Sie träumen von Glück und Gewalt. Sie wollen geliebt ­werden, und wenn das nicht passiert, schlagen sie zurück. Sie wünschen sich einen besseren Job, können morgens nicht aufstehen oder wollen einfach mal ein normales Gespräch führen. Figuren mit Wirklichkeitssinn, die dennoch ihre Vision eines anderen Lebens nicht verlieren wollen.

Das Theater hält der Gesellschaft einen Spiegel vor

Am Theater arbeiten wir daran, mit solchen Werken der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und eigene ­Visionen vom Leben zu erspüren. Wir, das sind rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Technik bis ­Maske, Kostüm und Verwaltung sowie ein über 40-köpfiges ­Ensemble von Schauspielerinnen und Schauspielern.

Seit vielen Jahren verbringe ich regelmäßig einige Tage 
bei den Benediktinermönchen in Mariastein, einem Wallfahrtskloster südlich von Basel. Wir teilen den klösterlichen Alltag mit Stundengebeten, gemeinsamen Mahlzeiten und dem Rhythmus von Beten und Arbeiten.

Mit Molière und Loher blicken wir am Theater uner­­lös­ter, verzweifelter auf die Welt als die Religion, aber auch komischer. Kein Gott, kein Gebet gibt Halt. Dennoch hat das Klosterleben mehr mit Theater zu tun, als mancher denken mag: Mehrere Personen arbeiten an einem Ziel, jede und jeder geht über sich selbst hinaus, das ist gelegentlich mühsam und nicht widerspruchsfrei.

Und was, wenn Gott nicht liefert?

Nach einem festen Rhythmus begleiten viele Gebete und Gesänge das Leben der Mönche. Sie eröffnen ihr allmorgendliches Stundengebet mit dem dreimal wiederholten Anruf Gottes: "Herr, öffne meine Lippen, so wird mein Mund dein Lob verkünden" (Psalm 51,17). Sie wenden sich Gott zu mit einer Bitte, die Gottes Lobpreis zum Inhalt hat.

Meist verstehen wir Gebete als Bitten, die Gott zu erfüllen hat. Liefert Gott nicht, fragen wir schnell, was das Beten noch soll. Die Stundengebete der Benediktiner hingegen sind voll Lob und Dank. Der erste gesangliche Stoßseufzer am Morgen bittet, dass Gott die Lippen öffne, dass der Mensch als sprechendes, beziehungsfähiges Wesen in Gang kommt. Nicht was uns fehlt und behindert, was wir bräuchten, steht im Vordergrund. Sondern das verschwenderische Loslassen, das Weggehen vom eigenen Ich.

Unser Leben ist oft geprägt von einträglichen Tausch­geschäften. Beim Beten ahnen wir, wie es radikal anders sein könnte. Im Gebet leugnet der Mensch nicht seine Individualität. Er muss aber nicht alles auf sich selbst rückbeziehen, sondern darf vielmehr die Energie seiner Gedanken und Empfindungen woanders hinschicken.

Ein Gebet entlastet

In der Bergpredigt mahnt Jesus, diskret zu beten, ­alles Lautsprecherische sei zu unterlassen: "Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim ­Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden." Jesus ver­bindet dies mit einer zwischenmenschlichen Verpflichtung. "Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben."

Das Gebet, welches über das Menschliche hinausweist, welches Dank, Lob und die Unverfügbarkeit der menschlichen Existenz umfasst, entlastet letztendlich ungemein vom Willen, die Dinge und Menschen in den Griff zu ­kriegen. Ist dies akzeptiert und verstanden, folgt ein ­anderer benediktinischer Gebetsauftakt, der weit über die kleinlichen Dinge des Alltags hinausreicht: "Oh Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile, mir zu helfen."

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