Swish-App in Schweden: Digitale Spaltung oder Zukunftstechnologie?

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Korintherbrief 12,9
Swish-App in Schweden: Digitale Spaltung oder Zukunftstechnologie?
Plötzlich außen vor
Eigentlich gefällt ihr die Digitalisierung, sie forscht ja dazu. Doch auf einmal war Gesche Joost in Schweden ausgeschlossen. Weil sie nicht Bürgerin des Landes ist, kann sie die Bezahlapp Swish nicht verwenden – und die Türen des Supermarktes bleiben für sie verschlossen.

Derzeit bin ich als Gastprofessorin an der ­Königlich Technischen Hochschule in Stockholm, am Institut für Digitale Zukunft. Ich forsche zur digitalen Gesellschaft. Sogar auf der Straße lerne ich dazu. In Schweden ist der Alltag digital. Bargeld wurde quasi abgeschafft, bezahlt wird per Handy über die App "Swish". An die Stelle des Ausweises tritt eine ­digitale ID, Verwaltungsfragen werden online abgewickelt. Der ­digitale Alltag läuft weitgehend effizient – meistens.

Als ich kürzlich mitten auf dem Lande zwischen ­Laxvik und Eldsberga vor einem komplett automatisierten Minisupermarkt stand, war ich erstaunt: Drinnen keine Mitarbeitenden, der Supermarkt war leer – bis auf die Waren in den Regalen. Der Zugang läuft über eine digitale Schnittstelle per Handy und QR-Code. Kameras nehmen auf, was man kauft. Bezahlt wird beim Check-out per App. Jedoch: Ich kam nicht rein. Der Grund: Ich besitze nicht jene digitale ID, die das Leben einfach machen soll. Ich kann nicht mit Swish bezahlen, weil ich keine schwedische Staatsbürgerin bin. Ich stand vor verschlossener Tür. Die digitale Exklusion traf mich als Digital-Optimistin völlig unerwartet.

Gibt es noch Platz für Schwäche?

Dabei kann die Erfahrung, ausgeschlossen zu sein, noch viel tiefgreifender ausfallen: wenn man sich das neue Handy nicht leisten kann, wenn man die kleinen Bedienfelder nicht sehen kann, wenn man die digitale Sprache nicht spricht. Die digitale Spaltung verläuft entlang der bekannten sozialen Bruchlinien von Einkommen, Bildungsgrad, Gender und Alter. Viele digitale Prozesse sollen das Leben optimieren. Es geht um Effizienz, Schnelligkeit, Vereinfachung. Und das ist grundsätzlich richtig.

Doch wen sortieren wir bei dieser Optimierung eigentlich aus? Gibt es noch einen Platz für menschliche ­Schwäche, für das nicht Optimale, das Ineffiziente? Ich fühlte mich vor der verschlossenen Supermarkttür schwach, weil ich vor der Technik kapitulieren musste.

"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", schreibt Paulus im zweiten Korintherbrief 12,9. Gäbe es die Möglichkeit, christliche Werte wie diesen in die Technologieentwicklung einzuschreiben?

Partizipatives Design

Der Wandel bringt uns als Gesellschaft viel Positives und öffnet Räume für Teilhabe. Jedoch sollten wir unser Bestreben inklusiver denken – von den Schwachen her, von denen, die sich derzeit womöglich aussortiert ­fühlen. Unsere neuen Technologien sollen Selbstständigkeit fördern und nachsichtig sein, Fehler tolerieren, auf den Nächsten achten. Ich war begeistert, als ich in einem anderen Supermarkt in Stockholm einen etwa 80-jährigen Mann sah, der an der Kasse mit seiner Smartwatch bezahlte. Auch wenn seine Enkelin ihm bei der Einrichtung geholfen haben mag – die intuitive Bedienbarkeit macht es möglich.

Ein Weg dorthin ist das partizipative Design, das Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten in die Technologieentwicklung einbezieht, ja, sie sogar zu ­Co-­Designer*innen macht. Von Anfang an haben sie ein Mitspracherecht – etwa, wie eine einfache Bedienung auch für Menschen mit Sehbehinderung funktionieren kann. Oder wie man auch mit geringer Digitalkompetenz sicher und einfach digitale Dienste nutzen kann, vom Onlinebanking bis zur politischen Wahl.

Gesche Joost

Gesche Joost (*1974) ist Digitalisierungsforscherin und lehrt an der Universität der Künste Berlin. Sie ist Leiterin des Design Research Lab und arbeitet an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik und Digitalunternehmen. In ihrer Arbeit geht es um die digitale Transformation in Gesellschaft und Wirtschaft. Sie ist Mitglied in den Aufsichtsräten von SAP, ING Deutschland und ottobock und hat 2016 das gemeinnützige Startup Calliope gGmbH mitgegründet, das Kindern ab der Grundschule digitale Bildung eröffnet.

Vielfältige Entwicklungsteams, die unsere Gesellschaft in all ihrer ­Diversität widerspiegeln, sind dafür notwendig. Dazu sollten wir uns als Christ*innen in die Debatten um die Digitalisierung einmischen! Debatten um den Einsatz von KI für unsere Gesundheit, um die Verwendung von Gesichtserkennungssoftware zur Überwachung im ­öffentlichen Raum, um die Notwendigkeit digitaler Bildung für alle Generationen sollten unser Spielfeld sein – und hier sollten wir nicht nur mitspielen, sondern auch die Interessen der Schwächeren vertreten. Menschenfreundlichkeit, Nachsicht, Fürsorge sind Kategorien, die wir aktiv einfordern und einbringen können. Für soziale Nachhaltigkeit bedarf es einer werteorientierten, inklusiven Digitalisierung. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

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Lesermeinungen

Sehr geehrtes Redaktionsteam,
Gesche Joost plädiert für eine "inklusive Digitalisierung". Klar ist es gut, alle potenziell Betroffenen rechtzeitig einzubeziehen. Aber vielleicht ist das auch illusionär - wenn ich auf die bisherige Entwicklung schaue. Aber Digitalisierung ist erst dann inklusiv, wenn es für alle digitalen Prozesse weiterhin eine analoge Parallele oder Alternative gibt. Denn es wird immer Menschen geben, die digitale Techniken nicht werden bedienen können - oder nicht mehr bedienen können. Ganz außen vor lässt die Autorin die Menschen, die aus datenschutzrechtlichen Überlegungen längst nicht alle Lebensvorgänge digital im Internet abgebildet sehen wollen: Digitalisierungs-Zwang? Wer diesen progagiert, blendet aus, wohin es führen kann, wenn alle unsere Lebensäußerungen nachverfolgbar werden. Da mag der Blick auf China hilfreich sein. Wer sagt uns, dass unsere Kinden in 20 Jahren noch in einer Demokratie leben werden? Wer es sehr deutlich vor Augen haben möchte, lesen von Andreas Eschbach "NSA - Nationales Sicherheits Amt".
Carl-Dietrich Sander
P.S. Zum Buch von Andreas Eschbach füge ich eine kurze Rezension zu Ihrer Information bei, die im Mitgliedermagazin der "Initiative für evangelische Verantwortung in der Wirtschaft e.V." veröffentlicht wurde.
Mit freundlichen Grüßen
Carl-Dietrich Sander
Kaarst

Auf das Thema des digitalen sozialen Sprengstoffes habe ich lange gewartet. Wer keine Online Bank will oder kann, muss künftig viel, viel zahlen. Die Banken nutzen jetzt schon aus, dass ein Wechsel sehr, sehr mühsam ist. Die ersten geben nur noch Kreditkarten aus und schaffen die Girokarten ab, damit ihnen der Handel die Geschäftskosten bezahlt. Es werden alle folgen. Bargeld soll vermieden werden, da händig zu teuer. Sie  werden zudem jede EU Regelung (alle Kontodaten an Konkurrenz) sabotieren um Wechsel zu verhindern. Wann kommt der erste Fall der Smartphone Entführung.? OK-Tropfen, Drogen, Alkohol oder nur ein 1 Stunden-Diebstahl eines Smartphones. Damit dann Kauf an den Kassen, die keine zusätzliche Identität fordern. Um nicht die Pin durch Folter erpressbar zu machen, müsste dann ein Körperchip oder eine Printidentifikation notwendig sein. Ist das die Zukunft? Wie soll sonst Sicherheit möglich sein? Kann Fr. Joost den Knoten lösen? Oder ist nur die Chip-Erkennung das "Messer", dass den Knoten lösen kann?