Stadt und Land in der Bibel

Du aber, Bethlehem Ephrata, Du bist klein unter den Städten von Juda, aus dir soll mir  hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Aus dem Buch des Propheten Micha 5,1)
Stadt und Land in der Bibel
Gott wirkt im Kleinen
Pfarrerin Anne-Christina Wegner ahnt, was Laucha an der Unstrut mit Bethlehem verbindet.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an ländliche Gegenden denken? Nichts los, schlechte Infrastruktur, schwindende Bevölkerung? "Du Arme, willst du nicht mal in eine Stadt ziehen?", höre ich immer wieder. Denn seit zwanzig Jahren lebe ich als Pfarrerin auf dem Land, in dem kleinen Städtchen Laucha an der Unstrut.

Was fällt mir ein, wenn ich an ländliche Gegenden denke? Der Spruch des Propheten Micha: "Du aber, ­Bethlehem Efrata, du bist klein unter den Städten von ­Juda, aus dir soll mir hervorgehen, der Herrscher über ­Israel sein soll . . ." (Micha 5,1). Vorher liest er der prächtigen Hauptstadt die Leviten. Erneuerung, so viel wird klar, ist nicht von dort zu erwarten. Stattdessen geht das Wort an Bethlehem, das judäische Landstädtchen: ­Ausgerechnet diesem Nest traut der Prophet den Neu­anfang für das ganze Volk zu.

Anne-Christina Wegner

Anne-Christina Wegner, 58, ist seit 1999 Pfarrerin in Laucha an der Unstrut. Vor ihrem Theologiestudium hat sie eine Lehre als Schlosserin für Kraftwerks­anlagen gemacht.
Nora Klein

Mir fällt das tröstlich ins Herz und zugleich ermahnend. Trost schöpfe ich aus dem liebevollen Blick Gottes auf das Kleine, tröstlich ist Gottes erstaunliche Art, sein Heil gerade im Kleinen wachsen zu lassen. Denn Laucha ist klein, auch wenn man alle eingemeindeten Gemeinden dazuzählt, sind es nicht mehr als knapp 2900 Einwohner. Es ist schwer erträglich, wie Schritt für Schritt vom Land abgezogen wird, was das Leben lebenswert macht: ­Schulen, Ärzte, Läden, Verwaltung, auch kirchliche Mitarbeiter. Da tut es gut, auf Gottes Liebe zum Kleinen zu sehen.

Aber es beruhigt mich nicht direkt, denn es liegt eine Mahnung drin: Gebt nicht auf, was das Fundament für einen neuen Anfang sein soll! Bleibt treu bei der Sache in euren kleinen Orten und Gemeinden! "Denn aus dir soll hervorgehen. . ." Es ist etwas vom Lande zu erwarten. Aber was? Ein Messias, ein Herrscher wird es wohl nicht sein, Laucha ist, auch wenn es ähnlich klein ist, nicht Bethlehem.

Auf dem Land wächst Gemeinschaft leichter

Was also wächst in Dörfern und Kleinststädtchen, was in den wichtigen Städten nicht so ohne Weiteres gedeiht? Kleine Orte haben die große Chance, dass man leichter Gemeinschaft erleben kann. Man kennt sich, man ist aufeinander angewiesen, manche sind verwandt. Im Besuchsdienst unserer Kirchengemeinde findet man sich zusammen, ob man glaubt oder nicht. Nachbarn achten aufeinander, fahren zum Einkauf, bringen zum Arzt.
In den kleinen Orten kommt man leichter mit der Gemeinschaft der Kirche in Berührung, einfach weil sich diejenigen gut kennen, die einladen und die eingeladen ­werden. Denn viel läuft bei uns mit den Ehrenamtlichen aus dem Ort. So treffen sich zum Beispiel in den ­Gruppen für Kinder alle – die mit der christlichen Tradition Vertrauten genauso wie die, deren Familie erst dadurch mit der Kirche in Berührung kommt. Man kennt sich, so vertraut man seine Kinder auch der Kirche an. Und mit ­unseren Jugendlichen, die dann in die Städte ziehen, leisten wir vom Land Aufbauhilfe für die Gemeinden dort. Darum ist die Kirche auf dem Land unverzichtbar für die Städte.

Was wächst hier noch? Aus den winzigen Orten des Pfarrbereichs Laucha entschlossen sich in den ­vergangenen 15 Jahren 14 junge Frauen und Männer, Pfarrer:innen, Gemeindepädagog:innen oder Religionslehrer:innen zu werden, weitere ließen sich für die Pflege in kirchlichen Häusern ausbilden. Das sieht erst mal nach nicht so viel aus, aber laut Landeskirche liegt die ländliche Gegend mit an der Spitze.

Gott wirkt mit besonderer Liebe im Kleinen. "Du bist klein, aber . . ." In unseren kleinen Orten leben wir – manchmal notgedrungen – Gemeinde gemeinsam, mit ehrenamtlicher Leitung, viel ehrenamtlicher Seelsorge und Verkündigung in Wort und Musik, man ist dabei mit Freude und Gottvertrauen. Denn auch das wächst auf dem Land: über die Zahlen hinausreichendes Gottvertrauen. Und Gottvertrauen ist die Basis für einen Neuanfang. Bethlehem und Laucha an der Unstrut – kleine Land­städtchen, aus der Perspektive der "richtigen" Städte ­irrelevant und am Ende, dank Gottes liebevollem Blick, doch ein Schatz für alle.

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