Seyran Ateş über Vergebung, Vergeltung und Feindesliebe

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben‘ und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
5,43–48
Seyran Ateş über Vergebung, Vergeltung und Feindesliebe
Den Hass überwinden
Sie erhält Hassmails und Todesdrohungen, aber Seyran Ateş will zurücklieben. So hat sie es von ihrem Vater gelernt.

Mein Vater (möge er im Paradies ruhen) pflegte zu sagen: "Wenn dir jemand Böses tut, beschäme ihn mit deiner Güte." Eine alte türkische Weisheit, so sagt man. Mein Vater lebte danach. Sprach jemand schlecht über ihn, bediente er ihn besonders höflich, sobald er zu Besuch kam. Ich empfand sein Verhalten lange als unterwürfig, schwach, an der falschen Stelle demütig. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es Ausdruck seiner Stärke, inneren Ausgeglichenheit und Größe war. Vergebung statt Vergeltung ist ein guter Weg, wenn auch nicht leicht zu gehen.

Die Welt scheint für viele Menschen einfach, weil sie alles stets nur aus einer Perspektive betrachten, ihrer ­eigenen. Warum gibt es überhaupt das Böse? Wenn alle auf der richtigen Seite stehen, wie sie meinen, müssten wir längst den Weltfrieden haben! Doch dem sind wir nicht einmal ansatzweise nahe. Irgendetwas machen wir falsch.

Seyran Ates

Seyran Ateş, 57, Imamin der liberalen Ibn-Rushd- Goethe-Moschee in Berlin, vertritt als Anwältin ­türkische Frauen in Scheidungsfällen. 1984 verletzte ein Attentäter sie lebensgefährlich.
Patrick DesbrossesSeyran Ates

Die Nächsten- und Feindesliebe gehört zu den wichtigsten Glaubenssätzen im Christentum. So heißt es in der Bergpredigt: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben‘ und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Matthäus 5,43–48). 

Es ist einfach und bedarf keiner Anstrengung, sich um die zu kümmern, die einem ohnehin lieb und nahe sind. Doch wie kann man Menschen lieben, die einen unentwegt beleidigen und einem gar das Leben nehmen wollen? Wie kann man Menschen gegenüber gut sein, die einem mehr als die Luft zum Atmen nehmen? Die Antwort ist weder einfach, noch gibt es nur einen Weg. Aber es gibt einen besseren Weg als den der Gewalt und des Hasses.

Die Verantwortung für Gutes und Böses trägt jeder selbst

Auch im Koran finden sich solche Verse: " . . . die geduldig sind in der Suche nach dem Antlitz ihres Herrn, das Gebet verrichten und von dem, was Wir ihnen beschert haben, geheim und offen spenden und das Böse mit dem Guten abwehren, diese werden die jenseitige Wohnstätte erhalten" (Sure 13,22). "Nicht gleich sind die gute und die schlechte Tat. Wehre ab mit einer Tat, die besser ist, da wird der, zwischen dem und dir eine Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund. Aber dies wird nur denen verliehen, die geduldig sind, ja, es wird nur dem verliehen, der ein gewaltiges Glück hat" (Sure 41,34–35).

Niemand, auch nicht Gott und das Schicksal, nimmt uns die Last der Entscheidung ab, ob wir das Gute, die Vergebung, oder das Böse, also Hass und Vergeltung, wählen. Die Verantwortung dafür trägt jede und jeder Einzelne selbst. Im Zweifel sollte man ehrlich in sich horchen. Liebe fühlt sich immer besser an als Hass.

Ich habe mich für die Liebe entschieden.

In den vielen Jahren, in denen ich Hass, Verleumdung, Intrigen, Diffamierungen, Beleidigungen und Gewalt erlebe, habe ich in verschiedenen Phasen auf jede erdenklich Art reagiert. Ich habe zurückbeleidigt, beleidigt geschwiegen, mich zurückgezogen, dann wieder nachgefragt: Warum beleidigen und bedrohen mich Leute, ohne mich zu kennen?

Vor einigen Jahren lud ich einen "Hater" zum Essen ein, damit er mir alles nicht über Facebook, sondern direkt ins Gesicht sagen und ich mich erklären könne. Acht Frauen kamen, sie hatten den Disput auf Facebook verfolgt. Der "Hater", ein Mann, kam nicht. Inzwischen stelle ich nur widerwillig Strafanzeigen, damit die Straftaten nicht ungesühnt bleiben. Leider spüren die Behörden wenige auf. Die meisten verstecken sich feige hinter Fake-Accounts.

Ich habe mich – wie mein Vater – für Liebe und Vergebung entschieden, wie es auch Bergpredigt und Koran beschreiben. Denn Liebe tut der Seele gut.

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Lesermeinungen

Mensch soll die gelebte Unwahrheit der Vorsehung überwinden, damit Mensch in ganzer Kraft des Geistes eine Seele bekommt.

Doch Mensch hat es sich egoistisch/"individualbewusst", intrigant, heuchlerisch und verlogen in der Unwahrheit gemütlich gemacht - ich hasse dies, denn es ist praktisch keine Wahrheit mehr zu finden, bzw. die Wahrheit die noch da ist, wird dem Mensch von klein an konfusioniert, ausgetrieben und ...!

" Aber dies wird nur denen verliehen, die geduldig sind, ja, es wird nur dem verliehen, der ein gewaltiges Glück hat" (Sure 41,34–35). "

Ich habe kein Glück, so sieht es bisher aus, daher nehme ich es selbst in die Hand. Hass macht krank, Hass IST ein krankes Gefühl.
Ich diskutiere viel, d.h. wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme, und mache mich sehr unbeliebt. Wenn man gegen Vorurteile ankämpft, hat man viele gegen sich. Es ist ein anderer Hass als der, von dem die Sure oder Matthäus erzählen.
Aber vielleicht auch nicht.
Sich zu streiten, zu erklären ist manchmal alles, was bleibt, um trotzdem lieben zu können. Zorn ist anders als Hass, er kann erschrecken , doch er ist nicht aus Bosheit geboren, sondern aus Liebe.
Es fehlt ein wenig Glück, und sicher auch Liebe . Manche Umgebung macht unglücklich, und Menschen können sehr destruktive Verhaltensweisen an den Tag legen, ohne es wirklich böse zu meinen. Sie sind vielleicht anders als man selbst, und können nicht verstehen, wollen es oft auch nicht.
Eben, es fehlt ein wenig Glück.
Und Amen.
Den Balken vor den Augen tragen die meisten lieber , als ihn zu entfernen.
Das wird wohl immer so bleiben. Liebe ist also besser als Hass :
" Liebe deine Feinde ", und sei brav !

An sich ist die Welt nicht falsch, nur der Mensch denkt falsch. In Hundert Jahren wissen wir es besser.