Rabbinerin Antje Deusel über Engel und Psalm 91

Psalm 91: Unter Gottes Schutz Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, 6vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite / und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird. Denn der HERR, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten. »Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.«
Rabbinerin Antje Deusel über Engel und Psalm 91
Engel wie du und ich
Die Boten des Ewigen müssen ja nicht gleich mit Flügeln daherkommen, sagt Rabbinerin Antje Yael Deusel.

Mein Lieblingspsalm ist von jeher Psalm 91. Er spricht von Schutz und Geborgenheit. So oft ich ihn lese, fühle ich mich behütet, als könne mir gar nichts passieren: Alles wird gut, hab doch Vertrauen. So habe ich den Psalm schon als Kind gelesen, damals mit einer noch recht kindlichen Vorstellung von der Welt. Mit zunehmendem Lebensalter hat dann auch bei mir freilich die Erkenntnis zugenommen, dass im Leben sehr viel passieren kann. 

Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel

Antje Yael ­Deusel, Jahrgang 1960, ist die erste in Deutschland geborene und ausgebildete Rabbinerin seit der Schoah. Sie arbeitet in Bamberg als Ärztin und als Rabbinerin.
PrivatRabbinerin Dr. Antje Yael Deusel

Und doch – ist es nicht ein wenig wie bei einem Menschen, der über eine schmale, schwankende Brücke einen Abgrund überquert, unter sich die Tiefe? Er geht unbeirrt, Schritt für Schritt, auf sein Ziel zu; aber in dem Moment, in dem er nach unten schaut, wird ihm schwindlig, und er kann nicht mehr weiter, hält sich verzweifelt an der Brücke fest und droht abzustürzen. Und dann ist da einer auf der anderen Seite, der ihm zuruft: Schau nicht hinunter, male dir nicht aus, was alles geschehen könnte, sondern geh einfach weiter, hab keine Angst, schau zu mir her!

"Er wird seinen Engeln gebieten, dich zu behüten auf all’ deinen Wegen." Engel? Wie soll man sich die denn vorstellen – wie auf christlichen Bildern vom Schutzengel mit den mächtigen Flügeln und dem weißen Gewand, der die Kinder auf schmalem Weg behütet? Auch das traditionelle Judentum kennt die Vorstellung von Engeln als übernatürlichen Wesen mit allen möglichen Aufgaben und in allen möglichen Erscheinungsformen. Damit kann das eher nüchterne Reformjudentum allerdings nicht so arg viel anfangen. Himmlische Wesen, hm. 

Wer öffnete die Zugtür?

Genau genommen muss ein Engel aber gar kein überirdisches Wesen sein. Das hebräische Wort für "Engel" ist Mal’ach, und das bedeutet eigentlich "Bote". Der ­Ewige schickt also seine Boten. Solche Boten sind mir schon ­öfters begegnet, in durchaus irdischer Form.

Da war zum Beispiel jemand, der für mich die Zugtür öffnete, in einer Zeit, als diese Türen nicht per Knopfdruck, sondern noch mit einem Hebel und ziemlich viel Kraft zu öffnen waren – und manchmal eben nicht schnell genug aufgingen, wenn man aussteigen wollte und der Bahn­beamte draußen schon wieder zur Abfahrt pfiff. Vor allem spät am Abend waren diese Zugtüren ein Problem, wenn die Züge leer waren und weder Mitreisende noch Zugbegleiter in Sicht. Einmal hätte ich beinahe weiterfahren müssen, weil die Tür klemmte. So ein Schreck! Seitdem stieg ganz zufällig jedes Mal ein Reisender mit mir aus, jedes Mal ein anderer, genau an diesem kleinen Bahnhof, an derselben Zugtür, die er für mich entriegelte. 

Plötzlich war das Taxi da

An einem Sommerabend, als wegen einer Großveranstaltung weder Busse fuhren noch Taxis verfügbar waren, war ich zu Fuß nach Hause unterwegs, vier Kilometer bergauf. Ich hatte noch nicht die Hälfte des Weges geschafft, als ein schweres Gewitter losbrach. Gerade als die ersten dicken Tropfen eines heftigen Wolkenbruchs fielen, hielt plötzlich ein Taxi neben mir, und der Fahrer rief, schnell, steigen Sie ein! Er hat nicht einmal das Fahrgeld von mir nehmen wollen. 

Fürchtet euch nicht!

Natürlich steigen Leute an Bahnhöfen aus, und Taxis sind etwas Alltägliches. Auch Polizisten. Wie in jener Nacht vor vielen Jahren, als mir ein Unbekannter auf dem Weg zum Parkplatz auf menschenleerer Straße mit ­gezogenem Messer aus einer Mauernische entgegensprang. Da tauchte ein Polizeiauto hinter mir auf, mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Der Mann ergriff die Flucht, das Polizeiauto rollte im Schritttempo neben mir her, bis ich in meinem ­Auto saß und losfuhr. Ich nahm den Weg nach rechts, zur Straße hin, das Polizeiauto bog nach links ab in einen Feldweg und war so schnell fort, wie es gekommen war.

Von Rabbi Nachman von Bratzlaw stammt der Satz: "Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, und die Haupt­sache ist, sich nicht zu fürchten." Das ist für mich die Quintessenz von Psalm 91. "Er wird seinen Malachim ­gebieten, dich zu behüten . . . " Der Ewige schickt uns ­keine übernatürlichen Wesen, schon gar keine mit Flügeln. ­Seine Boten sehen aus wie du und ich.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu "Engel wie du und ich":
Vielen herzlichen Dank für diesen Artikel an Frau Rabbinerin Deusel. Ein Text, der ganz ohne Corona auskommt, nicht betont, wie schwer die Zeiten gerade sind, und dann hilflos dagegen versucht, von Trost zu reden, wie es derzeit häufig geschieht. Nein, sie spricht davon, dass wir gehalten sind und wie eine(r) der/dem anderen zum Engel werden kann. Trostreich, ermutigend und aufrichtend, auch in unaufdringlicher Weise mahnend, im Blick zu behalten, wie und wo man selbst zum Engel zu werden hat. Danke!

Zu "Unerfülltes Sehnen":
Herr Mayer-Blankenburg mag einen Hang zur Kunst haben, in Eisenbahn-Dingen scheint er nicht sehr beschlagen zu sein. Ich habe lange die vorbeirollende Lok gesucht, von der er schreibt, bis mir klar
wurde: Er meint den Güterwagen, ein Endwagen eines vorbeirollenden Güterzuges, dessen Wagen alle leer zu sein scheinen. Diesen Zug würde die Dame nicht nehmen wollen. Dass sie auch sonst keinen Zug nehmen kann, liegt nicht nur an dem Zaun, der den Bahnsteig, auf dem sie steht, abschließt, sondern auch daran, dass direkt an diesem Bahnsteig gar kein Gleis verlegt ist. Das Hauptgebäude des Bahnhofs befindet sich auf der anderen Seite der Gleisanlagen. Die weiße Brücke führt offensichtlich darüber. Vielleicht ist die Dame nach ihrer Ankunft über diese Brücke auf diese Seite gekommen. Nun steht sie hier und ihr Blick schweift wahrscheinlich keineswegs in die Ferne, denn sie steht frontal dem offenen Ausgang gegenüber. Hat sie erwartet, hier abgeholt zu werden?
So, wie sie ihre Arme hält, könnte es sein, dass sie - es ist schließlich Weihnachten - ein Geschenk vor sich trägt - und nun ist der zu Beschenkende nicht gekommen?

Ich sehe ganz anderes als Herr Mayer-Blankenburg. Meine Frau war von seiner Bildbeschreibung ähnlich irritiert.

Sonst habe ich seine Bildbesprechungen gern gelesen. Aber bei diesem Bild scheint er nicht richtig hingesehen zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Eberhard Schulz