NDR-Moderatorin Annie Heger über Bibel und Homosexualität

NDR-Moderatorin Annie Heger über Bibel und Homosexualität
Wer in Gottes Reich kommt
Annie Heger hört jetzt auf ihr eigenes Gefühl – und nicht auf den überforderten Paulus.

Meine Synapsen feuern nur so: Mit welchem Bibelvers kann ich die ­Lesenden hier am meisten beeindrucken, welches Zeugnis kann ich ablegen, das meine Gottesbeziehung am besten beschreibt? Mit meinem wegweisenden Konfirmationsspruch vielleicht: "Dient ­einander mit der Gabe, die ihr empfangen habt . . ." Oder mit der großen lutherischen Konjunktivschlacht: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Ich hatte den Vers mit dunkel­blauer Lackfarbe über die Wand meiner ersten Wohnung geschrieben. Beim Auszug bekam ich die Wand kaum wieder weiß. Der Spruch schimmerte noch durch, als ich den letzten Karton raustrug. Mein liebster Vers: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen", er gehört in jeden frommen Abreißkalender. Ich denke an Opa, der als Kind seine Mama gefragt haben soll, ob Gott auch über den Graben springen könne. Man hatte ihm gesagt, Gott könne alles. Über den Graben springen war für Opa das Größte.

Annie Heger

Annie Heger, 39, Sängerin, Schauspielerin und Kabarettistin, stammt aus Ostfriesland und ist Autorin und Sprecherin der plattdeutschen Sendung "Hör mal ’n beten to", NDR 1
PrivatAnnie Heger

Ich entscheide mich für mein Persönlichstes, Nahestes, ein Politikum, oft Stein des Anstoßes: für meine Liebe. Es gibt nur ein Dafür oder Dagegen. "Täuscht euch nicht: Wer sexuell unmoralisch lebt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, wer sich von seinen Begierden treiben lässt und homo­sexuell verkehrt, wird nicht in Gottes Reich kommen" – so übersetzt die Bibelausgabe "Hoffnung für alle" den 1. Korinther 6,9. Ich war 17, als ich das las, und geschockt. Da steht, dass ich nicht in Gottes Reich kommen werde, weil ich liebe, wie ich liebe und wen ich liebe.

"Man hat mich hintergangen"

Wie konnte es passieren, dass ich so spät über diesen Satz gefallen bin?
Nie hatte mir jemand gesagt, dass die Liebe, die ich einmal empfinden würde, mich von Gott trennen könnte. Mein Gefühl war: Man hat mich hintergangen, mir den Himmel versprochen und die Hauptbedingung verschwiegen. Und dann kommt einige Kapitel später ­ (1. Korinther 13) noch der Beweis, dass Paulus, der ­Ver­fasser dieser Worte, so viel von Liebe verstand: Ohne Liebe ist nichts etwas wert. Kann der, der das geschrieben hat, ­wirklich meine Liebe verteufeln, hat er damit recht?

Kein Theologiestudium, keine Exegese, kein "Ach, er war nur ein Kind seiner Zeit!" konnte mir helfen. Ständig ­pochte es in mir: Ich gehöre einer Glaubensgemeinschaft an, die mich in ihrem und meinem Innersten ablehnt. Meine ­Geschwister können mich anfeinden und sich dabei auf diesen Text berufen. Sie können mit Schildern auf der ­Straße kundtun, dass ich in die Hölle komme, und sagen, sie täten das in meines Gottes Namen.

Manchmal wurde ich gefragt, wie ich lesbisch sein und gleichzeitig an einen mich ablehnenden Gott glauben könnte. Ich hatte noch keine Antwort. Dabei steht in den meis­ten Bibelübersetzungen gar nicht mehr "homosexuell". Doch das ist, wie die Paste zurück in die Tube bekommen zu wollen. Das Wort war da. In der "Hoffnung für alle" steht es immer noch. Absurderweise habe ich genau sie zu meiner kirchlichen Trauung geschenkt bekommen.

Erniedrigende Seelenentblößung

Da soll die Bibel so geschrieben sein, dass wir sie alle verstehen, und doch merke ich: Es empfiehlt sich nicht, sie "unbetreut" zu lesen. Sie kann gefährlich sein – für ­Menschen wie mich, die sich nicht angenommen fühlen, für andere, die sich ein Urteil bilden, verurteilen. Ich klage an: So viel Leid, ausgelöst durch einen überforderten Paulus und unzählige Übersetzende, die ihre Sexualmoral in die Schrift hineingebastelt haben, vermeintliche Christ*innen, die sich unter dem Deckmantel der Bibeltreue und ihrer Irrtumsfreiheit darauf berufen. Und wir müssen damit umgehen, das macht mich wütend.

Hat all das mich in meinem Glauben geschwächt? Weit gefehlt. Ich habe theologisches Handwerkszeug aufgesogen, um besser aushalten zu können, wenn mein Gegenüber am Ende einer meist nicht selbst gewählten Diskussion mit erniedrigender Seelenentblößung mir ein entwaffnendes und enttäuschendes "Äh . . . trotzdem" vor das Herz wirft. Ich habe gespürt, dass ich um so mehr auf meine Gotteserfahrung, mein Gewissen und mein Gefühl zu Gott hören muss. Und zwischen uns ist alles gut. So richtig gut.

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Lesermeinungen

Man kann es auch so beschreiben:
Wenn alle Homosexuell wären, aber trotzdem dem Plan "Seid fruchtbar und mehret euch" in stets positiver Gesinnung fusionierend-befriedend nachkommen, so daß der geistige Stillstand seit der "Vertreibung" nicht weiter fortbestehen muss, dann ist der Geist der Gott/Vernunft ist sicher auch zufrieden und ...!? :)

Wenn man die Philosophie der Bibel erkennt, dann ist es ganz einfach: Die Texte sprechen nie den "einzelnen/individualbewussten" Mensch an, denn Mensch bedeutet ALLE und hat in dieser irdisch-konfusionierten Ganzheitlichkeit auch nur EINE Seele, seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung ("Vertreibung aus dem Paradies") - Wenn Mensch also NICHT gottgefällig/vernünftig fusioniert, weil ..., dann ...!?

ABER wenn Mensch gottgefällig/vernünftig fusioniert und selbst- wie massenbewusst, geistig-heilend und ebenbildlich ..., DANN "bewegen die Homosexuellen und ... auf der Waage am Jüngsten Gericht KEIN negatives Urteil" :)

@Annie Heger: Wo steht, dass "die Bibel so geschrieben sein [soll], dass wir sie alle verstehen"? Wo steht das geschrieben? Wer hat das wann und wo so gesagt? Paulus kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Denn zu seiner Zeit gab es noch nicht einmal die Idee von einer Bibel. - Dass die Bibel so geschrieben sein soll, dass wir sie alle verstehen, ist ein gesetzlicher, aber das heißt: unevangelischer Satz. Auch daran ist um der ganzen Wahrheit willen zu erinnern.